Wohnhaus Bumpers Oast House in Kent

Wohntürme mit Kegeldächern

Auf den ersten Blick sieht das Bumpers Oast House so aus, als wäre es das Resultat einer fantasievollen Kinderzeichnung. Wer aber von den „Oast House“ genannten Trockenhäusern weiß, in denen man in England früher den Hopfen zum Bierbrauen dörrte, kann erkennen, dass der Neubau historisch inspiriert ist. Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert hinein waren diese in verschiedenen baulichen Varianten weit verbreitet. Für die Neuinterpretation des lokalen Baustils zeichnet das Büro ACME aus London verantwortlich. Entstanden ist es auf Wunsch der privaten Bauherrschaft, einer Familie, die vor zehn Jahren nach Kent gezogen war, und die mit der Zeit eine Vorliebe zum Wohnen in runden Räumen entwickelt hatte.

Vorbild für das Haus waren die traditionellen Oast Houses in Kent, die zum Trocknen von Hopfen dienten.
Kegelförmige Dächer und Wände sind mit Ziegeln verkleidet.
Die Spitzen der Kegeldächer sind gekappt. Ein Oberlicht beleuchtet und entlüftet dort.

Typisch für das historische Vorbild, dem „Kentish Oast House“ in der südost-englischen Grafschaft Kent, war der Rundturm, von dem es oft gleich mehrere an einem Gebäude gab. Mit ihren spitzen Dächern, auf denen sogenannte Cilin also „Kapuzen“ aus Metall thronten, ermöglichten die Türme eine gute Belüftung des Trockengutes bei gleichzeitigem Schutz vor Regen. Inzwischen wurden viele von ihnen abgerissen, andere wurden für neue Nutzungen umgebaut.

Zeitgemäße Konstruktion in traditionellen Proportionen
Die Planer von ACME schufen in den flachen Hügeln der von Apfelplantagen geprägten Landschaft ein modernes Einfamilienhaus mit einer Wohnfläche von 230 Quadratmetern. In ihren Proportionen den historischen Vorgängern entsprechend, zog man die üblicherweise einander überschneidenden Grundrisse der Türme etwas auseinander. Den dadurch gewonnenen Abstand füllt ein quadratischer Mittelturm aus, über den die Anlage erschlossen wird. Anstelle seiner abgekanteten Ecken wurden verglaste Flächen platziert, mit größeren Fenstern sowie der verglasten Eingangstür. In den Wänden der vier außen liegenden Türme sind eher kleine, quadratische Fensterflächen angeordnet.

Bei den historischen Oast Houses bestehen die Türme aus einer einfachen Konstruktion gemauerter Ziegelsteine mit schindelverkleidetem kegelförmigen Holzdach. Um beim Neubau modernen Nachhaltigkeitsaspekten zu entsprechen, beschloss das Architektenteam, das gesamte Gebäude als hochgedämmte Holzkonstruktion zu errichten. Es erfüllt in Bezug auf Luftdichtigkeit und Wärmedurchgangswerten Passivhaus-Standards. Die Kegel begünstigen eine langsame Aufwärtsbewegung der Luft und einen natürlichen Luftaustausch durch oben liegende Lüftungsöffnungen. So wird auch der sommerliche Hitzeschutz und der notwendige Luftwechsel erfüllt.

Für die Verkleidung der Außenhaut wurden rund 41.000 Ziegel angefertigt. Ihre sechs verschiedenen Farbschattierungen sind traditionellen Terrakottafliesen nachempfunden. Ihre Anordnung erzeugt einen farblichen Übergang von dunklem Rot an der Basis des Gebäudes über Orange in der Mitte bis zu einem hellen Blau in Richtung des Himmels.

Fünf Türme ergeben ein Wohnhaus
Jeder der vier äußeren Türme hat einen Durchmesser von 4,90 Metern. Im mittigen, 6,60 Meter breiten Verbindungsturm führt eine großzügig gewendelte Treppe aus Holz in das erste Obergeschoss. Viele Oberflächen im Innenraum sind mit Furniersperrholz verkleidet. Bei den Wandinnenflächen der Türme verwendete man Sperrholzplatten, die schindelartig gedeckt wurden, ähnlich dem äußeren Deckmuster. Eigens entworfene, geschwungene Möbel und Einbauten sind den räumlichen Gegebenheiten angepasst. So kam auch hier Furniersperrholz zum Einsatz. In den Badezimmern verwendete man Mosaikfliesen und Mikrozement, um der Gebäudegeometrie gerecht zu werden.

Innerhalb des Gebäudes vollzieht sich geschossweise ein Übergang vom eher öffentlichen zum privaten Bereich. Während sich im Erdgeschoss offene Gemeinschaftsbereiche wie Küche, Wohn- und Esszimmer befinden, sind im ersten Obergeschoss private Räume angesiedelt, die gemeinsam genutzt werden, so etwa die Badezimmer. Das zweite Geschoss wartet mit abgeschlossene Rückzugsräumen auf, wie in einem Baumhaus. Hier in den Dachkegeln befinden sich die jeweils sechs Meter hohen Schlafzimmer der Bewohner, die alle mit einer Galerie gestaltet wurden. In den Kinderzimmern befindet sich oben der Schlafbereich, während der untere Raum zum Spielen dient und später als Arbeitsbereich genutzt werden kann. Das Elternschlafzimmer wurde mit einem begehbaren Kleiderschrank sowie einem größeren Bad bedacht.

Dach: 290 individuelle Ziegelformen
Die Türme mit ihren kegelförmigen Dächern prägen das Wohnhaus und nehmen in ihrer markanten Formgebung lokale Bautraditionen auf. Ebenso wie die Fassade ist auch das Dach mit Ziegeln verkleidet. Dies war eine besondere Herausforderung an das Geschick der Handwerker, galt es doch, einen sanften Übergang von den rechteckigen Ziegeln an den Fassaden zu den sich mehr und mehr konisch zuspitzenden Ziegeln der geneigten Dächer zu schaffen. Hierfür benötigte man 290 individuell angefertigte Ziegelformen.

Der Kegel des Daches ist an der Spitze schräg angeschnitten, hier befindet sich jeweils ein rundes Oberlicht, das auch der Entlüftung des Gebäudes dient. Die Grundstruktur der Kegel wird durch Stahlträger und Stahlringe gebildet. Die Ziegelschindeln sind auf einer im jeweiligen horizontalen Radius gebogenen Lattung befestigt. Die Ziegelebene ist hinterlüftet. Der Zwischenraum der Träger ist gedämmt, innen ist eine Installationsebene mit Lattung und Konterlattung die entweder mit Gipskartonplatten verkleidet oder in den Turmbereichen innen mit den Sperrholzplatten wieder schindelartig belegt wurde.

Dachaufbau (von außen nach innen):

  • Ziegelschindel
  • Lattung und Konterlattung
  • Unterspannbahn
  • Holzstegträger voll ausgedämmt 150 mm
  • Lattung und Installationsebene
  • Innenverkleidung

Bautafel

Architektur: ACME, London/Sydney/Berlin
Projektbeteiligte: Akt (Tragwerksplanung);  Barton Willmore (Planungsberatung); Furness Green Partnership, London (Umwelttechnik):  Wilkinson Construction Consultants, London (Bauaufsicht); Etude (Umweltberatung); Harry Barnes, Trenton (Bauunternehmer)
Bauherrschaft: privat
Fertigstellung: 2018
Standort: Kent, Vereinigtes Königreich
Bildnachweis: Jim Stephenson; ACME, London/Sydney/Berlin


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