Wohnhaus bei Kilifi

Rustikales Korallenstein-Mauerwerk mit dicken Fugen

Poröse, strukturierte Steinblöcke, dicke ungleichmäßige Fugen mit hervorquellendem Mörtel – das Haus des in Sambia geborenen und in London lebenden Brian Vermeulen nahe der kenianischen Stadt Kilifi an der Küste des Indischen Ozeans mit Blick auf den Takaungu Creek hat mit dem feinsäuberlichen, geradlinigen Mauerwerk unserer Breitengrade wenig gemein. Stattdessen griff der Mitbegründer des Londoner Architekturbüros Cottrell & Vermeulen, das für den Entwurf verantwortlich zeichnet, auf lokale Materialien und die vernakuläre Baukunst der Swahili zurück. 

Das Anwesen besteht aus einem zweistöckigen Haupthaus und zwei einstöckigen Cottages, die sich um den traditionellen Innenhof gruppieren.
Das Ensemble greift auf lokale Materialien und die vernakuläre Baukunst der Swahili zurück.
Der Garten mit heimischen Pflanzen braucht wenig Pflege, da die Pflanzen nicht bewässert werden müssen.

Vermeulen erwarb das ein Hektar große Grundstück, das sich auf einer ehemaligen Sisalplantage befindet, bereits im Jahr 2003. Das Wohnhaus mit zwei Cottages ist umgeben von dichtem Grün und liegt oberhalb einer Klippe aus Korallenstein – einem Kalkstein, der aus von Korallen abgesondertem Calciumcarbonat besteht. Wie in der traditionellen Bauweise üblich, sind das zweigeschossige Haupthaus und die einstöckigen Cottages um einen Riad – einen Innenhof mit Garten – angeordnet. Zwischen den Baukörpern und an der vierten, unbebauten Seite schließen Mauern den Innenhof ab und sorgen. Die Architektur kreiert drei zentrale Räume, deren jeweilige Nutzung der Tages- und Jahreszeit und den damit verbundenen klimatischen Verhältnissen unterworfen ist: die überdachte Dachterrasse, die Veranda im Innenhof und der Wohn- und Essbereich im Inneren des Hauses.

Baulicher Sonnen- und Wärmeschutz

Damit die Raumtemperatur bei heißem Wetter auch ohne Klimaanlage angenehm bleibt, ist das Gebäude so ausgerichtet, dass die vom Meer kommende Brise optimal genutzt wird und der Luftzug die Räume kühlt. Das teilweise perforierte Mauerwerk der Außenwände ermöglicht in Kombination mit den hölzernen Lamellen-Fensterläden eine natürliche Querlüftung der Räume. Ein überhängendes Dach, das auf schlanken, weißen Stützen ruht, schützt die Innenräume vor zu starker Sonneneinstrahlung. Das Gebäude ist zudem unabhängig vom Stromnetz und der örtlichen Wasserversorgung. Eine Photovoltaikanlage deckt den Strombedarf, das Regenwasser von den Dächern wird gesammelt und gespeichert und zur Nutzung entsprechend aufbereitet.


Regionale Materialien und Techniken

Die Verwendung einheimischer Materialien und Techniken umfasst nicht nur das Mauerwerk, sondern viele weitere Details, wie etwa die schwarz gefärbten Mangrovenpfähle, die das Tragwerk der Dächer bilden, deren Untersicht strahlend weiß gestrichen wurde. Besonders gut kommt dieser Kontrast auf der Dachterrasse zur Geltung, wo das Tragwerk gänzlich frei liegt. Die plastisch hervortretenden Fensterfaschen außen und innen sind wie in der Region üblich weiß verputzt. Um einen dekorativen Sichtschutz zu schaffen, wurden die Sicherheitsgitter aus Stahl mit einer traditionellen Metallverarbeitungstechnik neu interpretiert.

Heimische Flora und Fauna

In seinem Garten hat der Bauherr zudem ausschließlich einheimische Pflanzen gesetzt. Seit den 1950er-Jahren sind durch den Sisalanbau große Teile des kenianischen Küstenwaldes verschwunden und damit auch die darin heimischen Wildtiere. Mit der Pflanzung von einheimischen Bäumen, Sträuchern, Wildblumen und Gräsern möchte Vermeulen auch seine Nachbarn dazu inspirieren die bedrohten Pflanzenarten zu schützen und zu kultivieren (mehr dazu siehe Surftipps). Das Konzept scheint zu fruchten: Laut Aussage des Bauherrn hört man rund um das Grundstück Vögel, Affen und Galagos und sieht ein ständiges Gewimmel von Schmetterlingen. Die Bepflanzung mit heimischen Arten bringt weitere Vorteile mit sich: Sie benötigt wenig Pflege und muss nicht bewässert werden.


Einzigartige Korallensteine für das Mauerwerk

Das prägendste Merkmal des Hauses bleibt jedoch sein unverputztes und ungedämmtes einschaliges Mauerwerk aus Korallensteinen. Seine einzigartigen Strukturen lassen den Stein immer etwas anders aussehen. Das poröse Material wurde nur grob zugeschnitten, was den rustikalen Charakter des Sichtmauerwerks unterstreicht – ebenso wie der aus den Fugen hervorquellende Mörtel. Da das Material naturgemäß recht brüchig ist, werden traditionell nur Nutzgebäude unverputzt belassen. Vermeulen löste dies, indem er die freiliegenden Korallen mit Löschkalk besprühte. Dadurch wurde die Karbonatisierung der Oberfläche beschleunigt und ihre Brüchigkeit verringert. Der Verband ist durch mit Abstand gesetzte Steine teilweise perforiert ausgeführt, damit ein Windzug durchs Haus ziehen kann.

Der Estrich für die Böden wurde mit Korallenstaub pigmentiert und erhielt dadurch eine warme hellbraune Farbe. Der gefärbte Estrich wurde auch für die traditionellen Swahili-Bänke auf der Veranda, für die Treppen und die Arbeitsplatten in der Küche verwendet. -sh

Bautafel

Architektur: Cottrell & Vermeulen Architecture, London
Projektbeteiligte: Sundial Services – Martin Katana (Bauunternehmer); Coast Engineering Consultants, Mombassa (Tragwerk); Brian Vermeulen, London (Landschaft); Cottrell & Vermeulen, London (Möbeldesign); Karisa Kahandi (Möbelfertigung)
Bauherr/in:  Brian Vermeulen, London
Fertigstellung: 2019
Standort: Takaungu Creek, Kilifi, Kenia
Bildnachweis: Norbert Rottcher, Kenia / Anthony Coleman Photography, London

Fachwissen zum Thema

Bruchsteinmauerwerk

Bruchsteinmauerwerk

Planungsgrundlagen

Mauerwerksarten

Mauer aus Naturwerkstein

Mauer aus Naturwerkstein

Mauersteine

Natursteine

Bauwerke zum Thema

In Kayonza, östlich von Ruandas Hauptstadt Kigali hat die Initiative Women for Women ein Ausbildungszentrum realisiert

In Kayonza, östlich von Ruandas Hauptstadt Kigali hat die Initiative Women for Women ein Ausbildungszentrum realisiert

Bildung/​Sport

Ausbildungszentrum für Frauen in Kayonza

Studierende der TU Berlin haben in Kooperation mit der Fundación Cristo Vive Bolivia ein Internat für die Schülerschaft der landwirtschaftsschule in Bella Vista realisiert.

Studierende der TU Berlin haben in Kooperation mit der Fundación Cristo Vive Bolivia ein Internat für die Schülerschaft der landwirtschaftsschule in Bella Vista realisiert.

Bildung/​Sport

Internat auf dem Agronomie-Campus in Bella Vista

Surftipps

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Mauerwerk sponsored by:
KS-ORIGINAL GmbH
Entenfangweg 15
30419 Hannover
www.ks-original.de