Wohnanlage Berresgasse in Wien

Klimafreundliches und inklusives Wohnen

Die Donaustadt in Wien ist der größte Gemeindebezirk der Bundeshauptstadt, nimmt fast ein Viertel dessen Fläche ein und ist gleichzeitig einer der vielfältigsten. Eine 170.000 Quadratmeter große Ackerfläche nördlich der Berresgasse an der Schnittstelle zwischen einer Großwohnsiedlung aus den 1970er-Jahren auf der einen und einer Einfamilienhaussiedlung auf der anderen Seite sowie dem Badeteich Hirschstetten ist seit einigen Jahren Stadtentwicklungsgebiet. Hier soll ein vielfältiges, durchmischtes Quartier entstehen. Für das erste Baufeld im neuen Stadtquartier Berresgasse hat das Büro feld72 eine Wohnanlage mit acht Gebäuden für unterschiedliche Lebensmodelle geplant, deren Energieversorgung zu hundert Prozent klimaneutral ist.

Die Baukörper sind in der Höhe verschieden ausgebildet, von zwei bis zu sechs Geschossen, wodurch eine eher kleinteilige Struktur mit Aus- und Durchblicken entsteht.
Die Baukörper sind in der Höhe verschieden ausgebildet, von zwei bis zu sechs Geschossen, wodurch eine eher kleinteilige Struktur mit Aus- und Durchblicken entsteht.
Die Künstlerin Melanie Ebenhoch hat Alltagsgegenstände wie eine Waschmaschine oder Freuds Couch in Beton gegossen und mit Keramikmosaiken versehen. Die Kunstwerke dienen als Stadtmöbel und laden zum Treffen und Verweilen ein.

Die Baukörper sind in der Höhe verschieden ausgebildet, von zwei bis zu sechs Geschossen, wodurch eine eher kleinteilige Struktur mit Aus- und Durchblicken entsteht. Fünf der Gebäude gruppieren sich um einen Hof, drei reihen sich entlang des Sonja-Hajek-Weges, einer von zwei sogenannten Spielspangen, einer Pufferzone mit Spiel- und Sportangebot. Darüber hinaus gibt es drei verschiedene Typologien: vier höhere Punkthäuser, zwei Arkadenhäuser mit Laubengang sowie zwei niedrige Stadthäuser mit Maisonetten. Um zusätzliche Diversität zu erhalten, sind die in lichten Grau- und Grüntönen gehaltenen Putzfassaden mit variierender Körnung versehen, außerdem erhielten die Baukörper verschiedenfarbige Fensterrahmen und Brüstungen für die Loggien. So gelingt es weitestgehend, die in vielen Neubauquartieren vorherrschende Monotonie zu durchbrechen. Zusätzliche Identitätsstiftung und Adressbildung wird durch die Interventionen der Künstlerin Melanie Ebenhoch erreicht. Sie hat Alltagsgegenstände wie eine Waschmaschine oder Freuds Couch in Beton gegossen und mit Keramikmosaiken versehen. Die Kunstwerke dienen als Stadtmöbel und laden zum Treffen und Verweilen ein.


Wohnen in vielfältiger Gemeinschaft

Wichtig war den Architektinnen und Architekten bei der Planung, die baulichen Voraussetzungen für ein nachbarschaftliches Miteinander in dem autofreien Quartier zu schaffen. Deshalb sind möglichst viele Flächen mit unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten versehen: Auf drei Dächern befinden sich Gemeinschaftsterrassen mit Platz für Urban Farming, Sitzgelegenheiten sowie einem Kleinkinderspielbereich, der Innenhof ist als grüne Oase mit naturnahem Charakter und dichter Vegetation gedacht und der südlich angrenzende Park bietet vielfältige Möglichkeiten von der Spielwiese über einen essbaren Spielwald bis zum Grillplatz. Auch innerhalb der Wohnhäuser gibt es Gemeinschaftsräume, die von Wohnpartner moderiert werden, einer Initiative zur Steigerung der Wohnqualität im Wiener Gemeindebau.


Die 163 Wohnungen sind geförderte Mietwohnungen, davon 72 Smart-Wohnungen mit Superförderung, einem Wiener Programm mit kostengünstigen und kompakten Wohnungen für bestimmte Personengruppen. Sie sind als Ein- bis Vierzimmerwohnungen mit einer Größe von 31 bis 117 Quadratmeter mit Loggien gestaltet. Ebenso finden sich inklusive Nutzungen, etwa das betreute Wohnen für junge Menschen mit Behinderung in Kooperation mit Jugend am Werk sowie 15 Smart-Wohnungen, die den Bewohner*innen ein selbstständiges und selbstbestimmtes Wohnen mit der Sicherheit einer Betreuungseinrichtung ermöglicht. Auch der Verein Wiener Frauenhäuser verfügt über acht Wohnungen in der Anlage. Die Gebäude sind nach einem vom Bauherrn, dem Bauprojektentwickler Kallco patentierten Planungsprinzip errichtet. Ein hybrides Modulsystem, bei dem schlanke Formstahlstützen und Betondecken ein Tragsystem bilden. Tragende Wände gibt es dabei nicht, sodass die Räume innerhalb dieses Rasters flexibel angepasst werden können.

Klimaneutrale Energieversorgung

Das ebenfalls vom Bauherrn patentierte Energieversorgungssystem Klima Loop Plus nutzt die erneuerbaren Energiequellen Erdwärme, Außenluft und Sonne zur Beheizung im Winter. Die Klimatisierung im Sommer erfolgt nach dem Free-Cooling-Prinzip. Ein Gas- oder Fernwärmeanschluss ist nicht notwendig. Im Winter sorgen Wärmepumpen mit Erdsonden und Luftwärmetauscher für Heizwärme und Warmwasser in allen Gebäuden. Sie arbeiten in zwei Stufen: Zunächst wird die Niedertemperatur-Wärme für die Heizung erzeugt, darauf aufbauend das heißere Warmwasser. Zur Abdeckung des Strombedarfs der Wärmepumpen ist eine Photovoltaikanlage in das System integriert. Die Übergabe der Wärme an die Räume erfolgt über Fußbodenheizungen. Im Sommer werden die Räume nach dem Free-Cooling-Prinzip gekühlt. Dabei wird die Überschusswärme den Räumen über eine Bauteilaktivierung der Decken entzogen und dem Erdwärmespeicher wieder zugeführt, der somit regeneriert wird. Damit ist die Energieversorgung (rechnerisch) zu hundert Prozent über erneuerbare Energien abgedeckt.

Das Projekt wurde deshalb mit dem Gold Standard von Klimaaktiv ausgezeichnet, dem in Österreich bekanntesten Bewertungssystem für Nachhaltigkeit von Gebäuden mit besonderem Fokus auf Energieeffizienz, Klimaschutz und Ressourceneffizienz. Nach diesem Standard beurteilte Bauwerke stehen für niedrigen Energieverbrauch, mehr Behaglichkeit, bessere Raumluftqualität sowie eine hohe Qualität bei Ausführung und Wirtschaftlichkeit. Die Wohnanlage ist außerdem Teil der IBA Wien 2022.  -tg

Bautafel

Architektur: feld72 Architekten, Wien
Projektbeteiligte: Alexander Katzkow & Partner, Wien (Statik, Bauphysik); IPJ Ingenieurbüro P. Jung, Köln, Gebäudetechnik Kainer, Rattersdorf (Haustechnik); Alexander Katzkow & Partner, Wien, mit brandRAT, Wien (Brandschutz); Heinz Kratochvill, Wien (Elektro); Karin Standler (Landschaftsarchitektur); Melanie Ebenhoch, Wien (Kunst am Bau)
Bauherr: KALLCO Development, Wien
Fertigstellung: 2022
Standort: Maria-Emhart-Weg 12, 1220 Wien, Österreich
Bildnachweis: Hertha Hurnaus, Wien

BauNetz Architekt*innen

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