Wishing-Well-Strandhaus auf Jersey

Umbau und Erweiterung eines Bungalows

Jersey ist eine der Kanalinseln vor der Küste der Normandie, die als British Crown Dependency – in der offiziellen Übersetzung Kronbesitz – dem britischen König Charles III. unterstehen. Insbesondere Jerseys Westküste mit Sandstränden, die weit und flach in den Atlantik auslaufen, ist beliebt für Surfing und Strandwanderungen. Im Winter toben hier allerdings heftige Stürme mit oft eiskalten Regenschauern.  

In der Bucht von Saint Ouen an der Westküste, an einer Stelle mit dem schönen Namen Wishing Well, auf deutsch Wunschbrunnen, entdeckte die Bauherrin in unmittelbarer Nähe zum Strand einen baufälligen Bungalow.
Die Lage in der Dünenlandschaft ist atemberaubend, zumal sich landeinwärts der Nationalpark Les Mielles Nature Reserve erstreckt, ein Refugium für zahlreiche seltene Vögel.
Im Winter toben hier allerdings heftige Stürme mit oft eiskalten Regenschauern.

Bestandsbau in den Dünen  

Die Bauherrin Amber Warner, eine gebürtige Jersey-Insulanerin, hatte lange in London gearbeitet und wünschte sich als Ausgleich zur Metropole ein Domizil am Meer auf ihrer Heimatinsel. In der Bucht von Saint Ouen an der Westküste, an einer Stelle mit dem schönen Namen Wishing Well (deutsch: Wunschbrunnen), entdeckte sie in unmittelbarer Nähe zum Strand einen baufälligen Bungalow.

Vermutlich hätten sich die meisten potentiellen Bauherr*innen davon abschrecken lassen, ein kleines, schadhaftes und unattraktives Haus im Nirgendwo zu kaufen. Doch die Bauherrin erkannte in der Lage in der Dünenlandschaft Potential, zumal sich landeinwärts der Nationalpark Les Mielles Nature Reserve erstreckt, ein Refugium für zahlreiche seltene Vögel. Zudem erwies sich der Bungalow trotz gravierender Bauschäden als ein bau- und planungsrechtlicher Glücksgriff: Die Baugenehmigung beinhaltete „nur" eine Erweiterung und keinen Neubau. 

Amber Warner hatte sehr klare Vorstellungen: „Mir war ein möglichst weiter Blick aus dem Haus sehr wichtig. Ich wollte einen Ort, der während der hier an der Küste rauen Winter behaglich, im Sommer jedoch kühl und luftig ist. Das Haus sollte sich anfühlen, als sei es mit seiner Umgebung verwachsen." (Übersetzung sj)  

Paradox und Zwiebellook  

Für den Umbau beauftragte die Bauherrin Tim Gibbons und James Owen vom Londoner Architekturbüro Fieldwork Architects in Zusammenarbeit mit Singh Studio und Elliott Wood, einem auf Stampflehm spezialisierten Ingenieurbüro.

Das Paradox, einerseits Schutz und andererseits weite, luftige Ausblicke zu gewähren, löste das Architekturteam mit einer Art Zwiebel-Look. Die Wände des Bestandbaus wurden mit einer Schicht aus Stampflehm stabilisiert und um ein Obergeschoss erweitert. Dieses zweigeschossige Volumen bildet nun einen inneren Kern, der sich durch eine Steinmehl-Beimischung aus rosaschimmerndem Granit haptisch und visuell den Farben des Strands und der Dünen angleicht. Um diesen Kern, zusätzlich hinzugefügte Räume und eine Kolonnade als Zwischenzone wickelt sich wortwörtlich eine trutzige Granitmauer. Sie wirkt wie ein übergroßer schützender Sockel oder gar ein Podest für das transparentere Obergeschoss. Der rosa Granit, der typisch für die Region und deren Burgruinen ist, stammt aus einem auf Jersey gelegenen Steinbruch. 

Organisation  

Die Organisation der Räume folgt dem Konzept aus Schichtungen, Schwere und Schutz – und dreht die klassisch-konventionelle Anordnung um. Eingang und Diele führen mit einer einläufigen Treppe ins Obergeschoss direkt in einen hellen Wohnraum mit eingestellter Küche und Kamin. Im Erdgeschoss liegen hinter der dicken Granitmauer die dunkleren Schlafräume mit den Sanitärräumen. Gebogene Türstürze und Deckenwölbungen verstärken das Gefühl der Geborgenheit.

Ein als Boardroom (Bretterraum) getaufter Funktionsraum bietet Staufläche für mehrere Surfbretter und eine auch von außen zugängliche Dusche, um nach dem Surfen und Schwimmen Salzwasser und Sand abzuspülen. Die eingeschossigen Räume neben dem Kern erzeugen eine Terrasse im Obergeschoss.  

Fenster, Türen, Laibungen, Pavillon  

Sowohl in die Granit- als auch in die Lehmwände sind Fenster- und Türöffnungen mit tiefen Laibungen eingeschnitten. Die Laibungen sind mit einem creme- und sandfarbenen Kalkstein ausgekleidet, der mit der Stampflehmwand harmoniert. Der Kalkstein, der teils Versteinerungen enthält, dient auch als Küchenplatte und Treppenstufen.   Die hölzernen Türen und Fenster sind ebenso wie maßgefertigte Wand- und Küchenschränke von lokalen Handwerkern gefertigt. Die schmaleren stehenden Formate im Erdgeschoss, die sich mit Lamellen-Fensterläden schließen lassen, weiten sich im Obergeschoss zu quadratischen und doppelt-quadratischen bodentiefen Formaten, die einen Panoramaausblick auf den Atlantik und den Lauf der Sonne bieten.  

Teile der Terrasse wurden nachträglich mit einem hölzernen Pavillon als Wintergarten versehen, um den Wohnraum um einen gläsernen Essbereich zu erweitern. Im Sinne einer reduzierten, jedoch authentischen Materialpalette ist auch der Esszimmer-Pavillon eine hölzerne Konstruktion. Im Sommer lässt er sich durch bodentiefe Schiebetüren großflächig zur Terrasse öffnen. Eine rückwärtige Sitzlaibung ist dabei eine behagliche Bank. -sj

Bautafel

Architektur: Fieldwork Architects/James Owen und Tim Gibbons, London; Singh Studio, Birmingham Bauherrenschaft: Amber Warner, Jersey
Projektbeteiligte: Elliot Wood (Tragwerksplanung); Earth Structures (Lehmbau); WBSheils (Haus- und Energietechnik); MS Planning (Beratung); V and V Builders and Stonemasons (Bauausführung) Standort: Jersey
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: French + Tye, London, über SALT, London

Fachwissen zum Thema

Die Schnittfläche zwischen einem Fenster und der umgebenden Wand wird als Fensterlaibung bezeichnet (im Bild: tiefe Naturstein-Laibungen als Zitat der Heidelberger Schloss-Ruine, Besucherzentrum, Max Dudler 2010-2012).

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Sitzlaibung in einem Schaufenster, Berlin-Mitte

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