W22 in Bochum

Stahlgerüst in Altrosa als zweite Fassadenebene

„Du bist keine Schönheit…“ Was Herbert Grönemeyer 1984 über seine Heimatstadt Bochum textete, ließ sich auch über ein vier Jahre später am Westring entstandenes Möbelhaus sagen. Nun – nach mehr als dreißig Jahren – wurde es nach Plänen von Marcus Wagner Architektur zum Start-Up-Zentrum umgebaut.

Die alte Fassade wurde rückgebaut und durch eine luftigere Konstruktion ersetzt.
Der Bau war 1988 entstanden.
Das vorgehängte Stahlgerüst stärkt die Ecksituation.

Das viergeschossige Eckgebäude mit rund 25 mal 35 Meter Grundfläche hat eine flexible Stahlbetonskelettstruktur, die beim Umbau komplett erhalten werden konnte. Die großen Deckenspannweiten boten günstige Voraussetzungen für die geplante Bürolandschaft mit veränderbaren Einheiten und variablen Nutzungskonstellationen. Der Gebäudezugang wurde vom Westring weg verlegt, wodurch sich die städtebauliche Situation verbesserte. Im Inneren konnte die Erschließungsstruktur beibehalten werden, mitsamt der Treppen und Geländer. Die Treppenhäuer wurden in kräftigem Rot farblich neu gefasst und mit schräg auf die Wände geschraubten Neonröhren versehen.

Je Geschoss kamen drei Kerne für Sanitär-, Neben- und Besprechungsräume hinzu. Ansonsten sind die Bürolandschaften weitgehend offen gestaltet. Durch die innenliegenden Kerne sind auch Abtrennungen denkbar, ohne große Abstriche bei der Tageslichtversorgung. Um auf sich ändernde Bedarfe reagieren zu können, ist jeweils die gesamte Geschossfläche als ein Brandabschnitt ohne notwendige Flure deklariert. Die Gebäudetechnik ist offen unter der Decke geführt, sodass etwaige Anpassungen der Raumstruktur ohne Eingriffe in die Bausubstanz erfolgen können. Das Gebäude wird vollständig über eine Lüftungsanlage mit Luftwärmepumpen beheizt und gekühlt.

Fassade: Geöffnet, doch gefasst

Die bauzeitlich weitgehend geschlossene Hülle mit Vor- und Rücksprüngen sowie zeittypischen Glaserkern wurde rückgebaut und durch eine Aluminium-Glas-Fassade ersetzt. Zusätzlich wurde eine zweite Fassadenebene vorgehängt, die die Kubatur aus stadträumlicher Perspektive vereinfacht und die Ecksituation betont. 

Die markante, altrosa gefasste Gerüststruktur aus Stahlprofilen kragt über dem Erdgeschoss aus und reicht über die drei Obergeschosse hinweg und über das bestehende Flachdach hinaus. Der frühere Material- und Formenmix wich einer klaren, kubischen Geometrie mit regelmäßigem Raster. Aussteifende Diagonalen, wurden als Gestaltungselement über die gesamte Fläche gelegt und sind in der obersten Ebene umlaufend mit Neonröhren ausgestattet.

In den zurückspringenden Bereichen zwischen beiden Fassadenebenen sind Terrassen und Austritte für Pausen und informelle Meetings entstanden. Das Raumangebot des Gerüsts umfasst außerdem etwas intimere Rückzugsräume im Staffelgeschoss und in der nunmehr überhöhten Dachzone. Insbesondere der Dachumgang mit Pergola, an denen schnellwachsende Selbstklimmer wachsen sollen, bietet zusätzliche Aufenthaltsqualität in unmittelbarer Arbeitsumgebung.

Vom ersten bis dritten Obergeschoss besteht die Konstruktion aus paarweise angeordneten L-Profilen, im Bereich der Dachpergola aus Vierkant-Stahlrohrprofilen. Auch ein außenliegender Sonnenschutz in Form von hellen Vorbaumarkisen wurde integriert. Als Blendschutz dienen innenliegende Textilrollos. Durch den von der thermischen Hülle abgerückten Sonnenschutz wird die gesamte Fassadenfläche inklusive der dahinter befindlichen Terrassen verschattet.

Der ständige Luftstrom zwischen Primär- und Sekundärfassade verlangsamt das Aufheizen der Gebäudehülle und verringert so die Kühllast in den Sommermonaten. Je nachdem, ob die senkrechten Textil-Screens offen oder geschlossen sind, tritt der Bau entweder in seiner in den Straßenraum ragenden Gitterstruktur in Erscheinung oder eher als Kubus mit regelmäßig gegliederten Flächen. Hofseitig finden sich dagegen auch permanent geschlossen Bereiche, die mit Lochblechen verkleidet sind. 

Der Fassadenzwischenraum dient zugleich als Revisionsgang für Wartungs- und Reinigungseinsätze. Verzinkte, 30 Millimeter starke Gitterroste bilden die Trittflächen. Die Absturzsicherung ist mit T-Profilen als Brüstung, Pfosten aus Flachstahl und mit Edelstahl-Seilnetzen sehr filigran gehalten. Für die Stahlkonstruktion wurde ein Fügeprinzip entwickelt, das eine vollständige Demontage zulässt.

Bautafel

Architekten: Marcus Wagner Architektur, Dortmund
Projektbeteiligte: Dario Kraus, Carl Obst, Tristan Rath, Lisa Rupnow (Projektteam Architekturbüro), Gregor & Strozik Visual Identity, Bochum (Projektpartner Konzeption), Ingenieurbüro Breder, Bad Salzuflen (Tragwerksplaner), H. Enseling Anlagenbau, Dülmen (TGA), Eggersmann Gruppe, Harsewinkel (Generalunternehmer)
Bauherr*in: Westring 22, Bochum
Fertigstellung: 2022
Standort: Westring 22, 44787 Bochum
Bildnachweis: Gregor Theune, Köln; Tristan Rath, Dortmund (Fotos); Marcus Wagner Architektur, Dortmund (Pläne)

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