Vitalquartier an der Seelhorst in Hannover

Inklusives Wohnensemble aus Kalksandsteinmauerwerk

In Hannover ist Inklusion im innerstädtischen Raum kein neues, aber ein aktuelles Thema. Neben einem deutlichen demografischen Wandel macht sich auch ein gesellschaftliches Umdenken bemerkbar, das mehr Raum für Vielfalt und Integration verlangt. Im Zuge dieser Entwicklungen wurde 2015 ein Konzept für das Vitalquartier an der Seelhorst im Süden der Landeshauptstadt vorgestellt. Es sah ein großflächiges, neues Quartier mit Fokus auf Gemeinschaft und Inklusion vor. Gelingen sollte das durch die Planung einer eigenen städtischen Infrastruktur, bestehend aus 25 Ensemblehäusern, einem gemeinsamen Quartierszentrum und vielfältigen Alltagsangeboten für Jung und Alt sowie für Familien und Alleinstehende in jeder Lebensphase. 

Tchoban Voss planten die vier Wohngebäude für die Diakovere, davon stehen drei gleich am Eingang des Quartiers.
Die Vorplätze sollen nicht nur Anwohner*innen einen gemeinsamen Aufenthaltsort bieten, sondern auch Passant*innen zum Verweilen einladen.
Zweigeschossige Glasflächen lösen Teile der Erdgeschosse auf und öffnen diese zur Straße. Dahinter finden öffentliche Einrichtungen, wie Bäcker, Supermärkte und Friseure Platz.

Ein nichtoffener Wettbewerb entschied 2017 über die gestalterische Umsetzung des Quartiers. Das Büro Tchoban Voss Architekten gewann mit einem Entwurf für vier Gebäude der Diakovere – drei davon bilden das Entree des Quartiers. Grundvoraussetzung für die Bebauung des rund 4,5 Hektar großen Grundstücks war die möglichst barrierefreie Gestaltung aller Außen- und Innenräume. Die Bauarbeiten begannen nur knapp ein Jahr nach Auslobung des Wettbewerbs. Ende 2020 zogen die ersten Bewohner*innen ein

Auftakt zum Quartier

Am südöstlichen Eingang des Quartiers empfangen einen drei der vier Wohngebäude, die sich durch beige-rot melierte Klinkerfassaden von ihren tiefroten Nachbarn unterscheiden. Östlich der Hannelore-Kunze-Straße positionieren die Architekt*innen zwei unterschiedlich große, L-förmige Wohngebäude mit vier bzw. fünf Geschossen. Sie stehen sich gespiegelt gegenüber und bilden eine Art unregelmäßige Blockrandbebauung mit gemeinsamem Innenhof. Jenseits der Straße befindet sich der dritte Baukörper über quadratischem Grundriss.  

Durch ein „Wegschneiden“ seiner straßenseitigen Kante richtet sich das Gebäude gleichermaßen zur Straße wie zum Rest des Ensembles aus und erzeugt eine einladende Geste in das Quartier. Markiert wird die Ankunftssituation durch den sogenannten Shared Place. Dieser soll die Funktion eines Marktplatzes übernehmen und den Anwohner*innen, wie Besucher*innen einen Ort des Zusammenkommens und Verweilens bieten. Eine 2014 durch die Diakovere errichtete Weidenkirche – bestehend aus einem Stahlkranz und Stahlseilen, an denen die Zweige von über einem Dutzend Weidenbäumen entlang wachsen und eine Kuppel ausbilden – bildet den Auftakt eines das Quartier östlich begrenzenden Grünzugs. Die Weiden dienten den Planer*innen zur Inspiration für die Absturzsicherungen der Loggien. Deren Stahlgeländer sind mit traditionell handgefertigtem Weidengeflecht gefüllt.

Vielfältige Wohnmodelle 

Neben der städtebaulichen Setzung trägt das von Tchoban Voss geplante Gebäudetrio auch mit einer Vielfalt an öffentlichen Angeboten wie Bäckereien- und Blumengeschäften sowie einem Friseursalon und einem Supermarkt zur lebhaften Nutzung des öffentlichen Platzes bei. Zweigeschossige Glasflächen lösen Teile der Erdgeschosse auf und öffnen diese zur Straße. 

Da es sich bei den Gebäuden um Wohnhäuser für Senior*innen handelt, sieht das Nutzungskonzept der Diakovere ein umfängliches Dienstleistungsangebot mit Demenzstationen, einer Tagespflege sowie barrierefreien und rollstuhlgerechten Wohnungen für Bewohner*innen vor. Während das reguläre Wohnangebot aus Ein- bis Dreizimmerwohnungen mit einer Größe von 31 bis 76 Quadratmetern besteht, können sich Mietende auch für Wohngemeinschaften bewerben. Ein gesondertes Gebäude mit rundum rollstuhlgerechter Einrichtung komplettiert das Angebot.  

Wilder Verband auf großformatigem Kalksandstein 

Bei der Planung der tragenden Struktur setzten die Planenden auf einen Mauerwerksbau aus großformatigen Kalksandsteinen. Der weiße Mauerstein ist in Hannover weit verbreitet, denn die Rohstoffe für seine Produktion (Branntkalk und Sand) finden sich in der Region. So kann auf lange Transportwege und unnötige CO₂-Emissionen verzichtet werden, was einem nachhaltigen Bauprozess zugutekommt. 

Zudem lässt sich der weiße Baustein mit einer Höhe von bis zu 49,8 cm effizient und zügig verbauen. Durch seine hohe Druckfestigkeit und gute Schallschutzeigenschaften kann auch bei großen Fassadenöffnungen Konstruktionsfläche gespart werden, folglich bleibt mehr Raum für die Nutzer*innen. Das tragende Kalksandsteinmauerwerk ist im fertigen Gebäudezustand nicht mehr ablesbar, stattdessen wurde die Fassade mit einem vorgesetzten Klinkermauerwerk im Wilden Verband verkleidet. Die Gebäude erfüllen den Effizienzhausstandard 70 und 55.

Bautafel

Architektur: Tchoban Voss Architekten, Hamburg
Projektbeteiligte: Terragon Projekt, Berlin (Projektsteuerung); nsp Landschaftsarchitekten Stadtplaner, Hannover (Landschaftsplanung); KTC-Ingenieurgesellschaft, Rotenburg (Statik); experts, Berlin (Haustechnik); Lange Brandschutz GmbH, Laatzen (Brandschutz); BRP Kühne & Partner Beratende Ingenieure, Hannover (Verkehrsplanung); Haase & Bette Vermessungsbüro, Hannover (Vermesser); AMT Ingenieurgesellschaft, Isernhagen (Schallschutz); Beratende Ingenieure, Hannover (Erschließung); ELH Erdbaulabor, Hannover (Baugrund); Förster Architektur, Hannover (Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination); Architektur- und TGA - Planungsbüro Carsten Grobe Passivhaus, Hannover (Nahwärmenetz, Übergabestation und BHKW); KS-Original, Hannover (Kalksandsteine; Produkt: KS-Plus)
Bauherr*in: Diakovere, Hannover
Fertigstellung: 2022
Standort: An der Weidenkirche 10, 30539 Hannover
Bildnachweis: Daniel Sumesgutner

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