Umbau und Aufstockung in der Grubenstrasse 29 in Zürich

Neue Architektur dank Re-Use und Naturbaustoffen

In Zürich-Wiedikon ist das Areal der Grubenstraße 15 bis 29 eines der wenigen Überbleibsel der handwerklich-gewerblichen Vergangenheit der so genannten „Binz“. Hier siedelten sich ab 1865 Ziegeleien an, die aus einer umliegenden Grube Lehm abbauten und ihn vor Ort zu Backsteinen verarbeiteten, aus denen ein großer Teil des modernen Zürichs erbaut wurde. Nach den Ziegeleien kamen Metallgießereien, Maschinenbaubetriebe und Lagerhäuser. Heutzutage ist die Binz ein Transformationsgebiet mit einem Mix aus Kreativwirtschaft, Dienstleistung und Wohnen. Hier befindet sich auch der Werkhof 29, ein alter Gewerbebau der bis 2025 nach Plänen von baubüro in situ umgebaut und aufgestockt wurde.

Der Bestand während der Baumaßnahmen
Die Komponenten für Treppenturm und Laubengänge wurden in der Ostschweiz entdeckt und nach Zürich gebracht.
Der Laubengang besteht aus verzinkten Stahlelementen, blaue Stahlbleche bilden Fassadenverkleidung.

Bereits seit 2015 verdichteten die Architekt*innen an der Grubenstraße 19 bis 27 ein ehemaliges Gewerbe- und Industrieareal nach. Hier entstanden nach ihren Plänen mittels Zwischen- und Aufbauten neue Büro- und Gewerbeflächen, während die Bestandsbauten als einfache Gewerbe- und Atelierräume erhalten blieben. Mit ihrem Ansatz, kleinstmöglich in die Substanz einzugreifen und dabei möglichst viele Bauteile wiederzuverwenden, setzten sie Ihre Arbeit beim angrenzenden Gebäude in der Grubenstrasse 29 fort.

Aufstockung in Raten

Der Zweckbau am südlichen Rand der Lehmgrube Binz entstand 1935 als eingeschossiges Parkhaus mit Satteldach. 1951 erwarb eine Metallbaufirma das Grundstück und ergänzte ein Obergeschoss sowie einen seitlichen Anbau. Schon damals sahen Pläne eine Erweiterung vor, die aber erst jetzt vollzogen wurde. So ist das Gebäude heute auf vier Geschosse angewachsen. Während oben neue Gewerberäume für variable Nutzungen entstanden, werden die unteren Räume wie bisher für Ateliers und Werkstätten genutzt. Aktuell werden im Werkhof 29 acht neue Büro- und Gewerbeeinheiten vermietet. Jede Einheit verfügt über Küche, Toiletten und Sitzungszimmer zur alleinigen oder Mitbenutzung, wobei sich die Größe zwischen 70 und 110 Quadratmetern bewegt. Der neue Werkhof 29 soll jedoch mehr als nur eine Adresse zum Arbeiten sein. Die gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse soll ihn zu einem Ort der Begegnung und Vernetzung machen.

Sichtbare Baugeschichte

Ertüchtigung und Aufstockung sind an den Fassaden gut ablesbar: Der unveränderte zweigeschossige Sockel ist massiv. Die kleinteiligen Fenster zeigen industrielle Patina, der graue Putz ist mit Graffitis bedeckt. Darüber befindet sich die mit blauen Stahlblechen verkleidete Aufstockung. Zeitgenössisch wirken die großen Fensterflächen und die weit überstehenden Dachbleche der Sheds. Die Aufstockung folgt der Formel „maximale Höhe bei minimalem Eingriff in die bestehende statische Struktur“.

Trotz der 90 Jahre alten Ausgangsstruktur legte man bei der Umbauplanung Wert darauf, dass die Gewerbeliegenschaft auch in Zukunft flexibel und veränderbar bleibt. Die offenen Grundrisse und neu entstandenen, nutzungsneutralen Gewerberäume mit robustem Ausbau lassen sich in unterschiedlichen Konstellationen nutzen und an veränderte Raumprogramme anpassen. Sollte das Gebäude doch einmal ganz abgerissen werden, kann ein Großteil des Rückbaumaterials wiederverwertet werden.

Bauen im Kreislauf 

Der Grundsatz von baubüro in situ lautet: „Belassen, was bleiben kann, reparieren, was repariert werden kann, und nur neu bauen, was fehlt oder nicht repariert werden kann.“ So wie bei anderen Projekten des Architekturschaffenden kamen auch hier mehrheitlich Re-Use-Bauteile aus verschiedenen Quellen zum Einsatz. Wiederverwendet wurden rund 650 m2 Stahlblech für die Fassade, 145 m2 Alublech für die Dächer, 19 Fenster, 25 Innentüren, 6 Küchen, 1 Außentreppenhaus, 40 Radiatoren, 700 m2 PIR-Dämmplatten, 549 m2 zementgebundene Faser­platten und 20 Briefkästen. Manches stammt sogar aus dem Bestand selbst, darunter Holzpfetten, Heizkörper und Dämmplatten.

Bei der Beschaffung halfen die „Bauteiljägerinnen und -jäger“ der Partnerfirma Zirkular. Wiederverwendet wurde, wo immer sich auf diese Weise Treibhausgasemissionen vermeiden ließen und sich der Einsatz wirtschaftlich rechnete. War jedoch ein Re-Use-Bauteil teurer als ein neues, entschied man sich aus ökonomischen Gründen dagegen und es musste ein Kompromiss gefunden werden. In diesen Fällen nutzte man nach Möglichkeit natürliche, nachwachsende Baustoffe: 2830 m3 Holz, 125 m3 Stroh bzw. 600 Kleinballen sowie um 14 m3 Lehm. Somit steht in der Grubenstrasse 29 aktuell Zürichs größter Strohballenbau.

Aufstockung mit Holz und Stroh

Im Vorfeld hatte man zur Statik eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Ihr Ergebnis: Wenn das Stützenraster im Erdgeschoss um einen Knoten verstärkt wird, lässt sich das Bestandstragwerk um ein überhohes Zusatzgeschoss mit Galerie aufstocken. Dazu wurde ein Sheddach gewählt, um die statischen Bedingungen optimal zu nutzen. Um Erdbebensicherheit und Brandschutz zu verbessern, waren im Erdgeschoss außerdem zusätzliche Betonscheiben und raumhohe Kalksandsteinmauern nötig. Hier griff man aus Kostengründen auf konventionellen Mörtel und Ortbeton statt auf Varianten mit Recyclinganteil zurück.

Realisiert wurde die Aufstockung als Holzfachwerk mit einer leichten, selbsttragenden Holzrahmenkonstruktion als Hülle. Diese ist mit Strohballen aus dem St. Galler Rheintal ausgefacht und raumseitig mit Lehm verputzt – gewonnen beim Aushub einer Baugrube in Dietikon. Blaue Stahlblechelemente verkeliden die Konsturktion von außen.  Ein Treppenturm und ein Laubengang – mit wiederverwendten Gittern und Stahlelementen aus der Ostschweiz – dienen als außenliegende Erschließung. Gänzlich neu sind nur die Solarmodule für die PV-Anlage und die Gläser des Sheddachs zum Einsatz, die für eine natürliche Belichtung der überhohen Büroräume mit Galerie sorgen.

Dämmung und Materialien

Auch der Wärmeschutz war im Erdgeschoss nur geringfügig zu verbessern. Lediglich das rekonstruierte Dach des seitlichen Anbaus erhielt eine Dämmung. Die Werkräume stattete man mit einem Deckensystem zum Heizen und Kühlen aus, welches eine großflächige Wärme- und Kälteverteilung ermöglicht und jederzeit rückbaubar ist. Erdwärmesonden versorgen das Gebäude im Winter mit Niedertemperaturwärme und im Sommer mit Kühlenergie.

Im Mittelgeschoss waren die Maßnahmen umfangreicher: Um es als Großraumbüro nutzen zu können, erhielten die Wände eine Innendämmung und die Industriefenster inwendige Zusatzflügel. Die statisch notwendigen, zusätzlichen Stützen wurden in Holz ausgeführt, ebenso die Verschalung der Bestands-Metallträger an der Decke. Beides gibt der offenen Arbeitszone eine wohnliche Atmosphäre. Unter den Alublechen des Dachs befindet sich eine wiederverwendete Hartschaum-Dämmplatten aus PIR (Polyisocyanurat).

Bautafel

Architektur: baubüro in situ, Zürich
Projektbeteiligte: CHAB, Zürich (Baumanagement); Jäger Partner, Zürich (Tragkonstruktion Massivbau); B3 Kolb, Schweiz (Tragkonstruktion Holzbau); Hydraulik, Zürich; Jäger Partner, Zürich (Tiefbauingenieur); Fritz Gloor, Wetzikon (HLKS-Planung); 3D Bauphysik Huth, Glashütten (Bauphysik); Hariyo Freiraumgestaltung, Ennet­baden (Landschaftsarchitektur); Zirkular, Zürich (Planung Kreislaufwirtschaft); Schönauer, Marbach (Holzbau inkl. Strohfassade); Baltensberger, Höri (Stahlbau); Genossenschaft Werkzeug, Bäretswil, in Zusammenarbeit mit Holz- und Lehmbau Roland Kindlimann, Wald, und Levante Lehmbau, Wernetshausen (Lehmbau); Nektar Design, Zürich (Schreinerarbeiten); Brühwiler Sanitär & Heizung, Zürich (Heizung und Sanitärarbeiten); Ruckstuhl Bau und Elektroprojekt, Zürich (Energie-Planung); Etavis, Zürich (PV-Planung)
Bauherrschaft: Modissa Immobilien
Fertigstellung: 2025
Standort: Grubenstrasse 29, 8045 Zürich, Schweiz
Bildnachweis: Martin Zeller (Fotos); baubüro in situ (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Verschiedene Ausführungen von PIR-Dämmplatten mit und ohne Kaschierung

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Dämmstoffe

Polyisocyanurat-Hartschaum (PIR)

Nach Angaben der Deutsche Umwelthilfe fallen in Deutschland jedes Jahr über 200.000 Tonnen Dämmstoffabfälle an.

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Grundlagen

Prinzipien für die Wiederverwendung von Dämmstoffen

Normen

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Stroh ist in Deutschland lokal verfügbar.

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Dämmstoffe

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