Umbau: Thoravej 29 in Kopenhagen
Decken, die zu Treppen wurden
2025 wurde ein fast 60 Jahre altes Industriegebäude in Kopenhagen zum Star der dänischen Architekturszene und sogar von der Frankfurter Allgemeinen besprochen. Ob hier das aufgebrochene Betonskelett mit den gekippten Deckenelementen für Faszination gesorgt hat? Vielleicht war es auch der Ansatz von Pihlmann Architects, beim Umbau auf das im Bestand Vorhandene zurückzugreifen. Indem sie das Betontragwerk aufbrachen, verwandelten sie den rigiden Industriebau in einen luftigen Co-Working-Space.
Vom Pelzhandel zum Co-Working-Space
An der Adresse Thoravej 29, in Kopenhagens Stadtteil Nordvest trifft man auf eine gut 70 Meter lange, gelbe Klinkerfassade mit Fensterbändern. In dem 1967 von Erik Stengade geplanten, viergeschossigen Industriebau wurde bereits mehrfach umgenutzt, bevor ihn 2021 die Stiftung Bikuben Fonden erwarb. Sie versammelt hier rund 35 Organisationen und Kleinunternehmen aus den Bereichen Kunst, Soziales, Nachhaltigkeit, Politik und Digitalwirtschaft.
Im Inneren gibt es praktisch keine Flure. Stattdessen grenzen die Arbeits- und Konferenzräume unmittelbar an großzügige Gemeinschaftsflächen: im Erdgeschoss an ein großzügiges Foyer mit Café und Auditorium, in den Obergeschossen an offene Büro- und Pausenbereiche. Zum Hinterhof nimmt ein eingeschossiger Anbau Tanzstudios, Ateliers, Werkstätten und WCs auf. Zur Straße liegen Ausstellungsflächen, Treppenkerne und Aufzüge, an die sich in den Obergeschossen auch die Sanitärräume angliedern.
Genaue Tragwerksanalayse
Das Betonskelettragwerk verfügt im Bestand über auffällig gerippte Decken, zusammengesetzt aus TT-Platten – auch bekannt als π-Platten oder Pi-Decken. Jedes dieser Elemente besteht aus einer 7,50 Meter langen Platte mit zwei unterseitigen Rippen. Sie kommen dort zum Einsatz, wo mit hohen Verkehrslasten zu rechnen ist und zugleich große Spannweiten benötigt werden. In diesem Fall variiert das TT-Profil je nach Einsatzort im Gebäude: In den oberen Geschossen werden die Platten dünner und somit ressourceneffizienter, aufgrund der geringeren Lasten. Die Träger des Betonskeletts verfügen über Auflagertaschen, in die die Rippen der TT-Platten eingelassen werden.
Gemeinsam mit den Statiker*innen von ABC Consulting Engineers wurde das Tragwerk untersucht, um herauszufinden, welche Teile sich entfernen lassen. Mögliche Umbauten ließen sich mit einem digitalen 3D-Modell des Gebäudes simulieren. Um Belastbarkeit und Materialeigenschaften der TT-Platten besser einschätzen zu können, kontaktierten die Planenden zusätzlich den Hersteller, der Pläne und Berechnungen aus den 1960er-Jahren bereitstellte. Diese waren essentiell, um die Möglichkeiten der Wiederverwendungen gut einschätzen zu können und die Sicherheitszuschläge bei der Neuberechnung der Statik möglichst gering zu halten.
Demontage und Lagerung auf der Baustelle
Noch während der Planung wurde der Innenausbau demontiert und die Materialien katalogisiert. Säcke mit altem Dämmstoff, Stapel von Deckenplatten und Parkett, alte Lüftungsrohre und Heizkörper, Türblätter, herausgeschnittene Betonteile und vieles mehr lagerte man unmittelbar auf der Baustelle zwischen – anfangs im Erdgeschoss, im Verlauf des Umbaus dann im Untergeschoss. Entsorgt wurde nur, was sich nicht wiederverwenden ließ oder schadstoffhaltig war.
Ein Sprinklersystem und Steinwollpaneele zwischen den Deckenrippen halfen, die aktuellen Brandschutz- und Akustikanforderungen zu erfüllen. Außerdem mussten neue Lüftungsrohre und Leitungen verlegt werden. Anstatt dazu die Betondecken an unzähligen Stellen zu durchdringen – und damit statisch zu schwächen – erweiterte man das Gebäude rückwärtig um 1,50 Meter. Zwischen der alten Mauerwerkswand und der neuen, filigranen Glasfassade konnten die Leitungen schnurgerade bis aufs Dach geführt werden.
Beton: aus Decken werden Treppen
Mehr als 30 TT-Platten wurden herausgeschnitten. Einige von ihnen fanden eine neue Bestimmung als Schreibtisch, oder wurden geneigt wieder eingebaut und mit Treppenstufen versehen. Ziel der Demontage war, die vier Geschosse räumlich zu verbinden. Dazu sollten die neu geschaffenen, breiten Treppen als Treffpunkte dienen.
Beim Durchtrennen hätte der vorgespannte Bewehrungsstahl normalerweise seine Spannung verloren – und die TT-Platten somit ihre Tragfähigkeit. Um sie zu erhalten, befestigte man vor der Demontage Stahlklammern an den Rippen. Mit Bodensägen wurde zunächst der Estrich entfernt, dann die erste TT-Platte mit von einem Mini-Bagger mit Hydraulikhammer abgebrochen. Die nachfolgenden Platten ließen sich dann mit einer großen Kreissäge herausschneiden. Um die jeweils sechs Tonnen schweren Elemente sicher abzusenken, waren temporär installierte Laufkatzen nötig. Schwerlastgerüste stützten derweil die umgebende Betonstruktur.
Zur langfristigen Verstärkung wurden die Träger mit einer Ortbetonschicht ergänzt, entlang der Außenwände betonierte man auf Trapezblechen. Zusätzlich ergänzen Hohlprofilträger aus Stahl das Tragwerk an den neu entstandenen Treppenlöchern, zu erkennen am gelblichen Brandschutzanstrich. Einige verfügen über eine Reihe u-förmiger Halterungen, in die die Rippen der geneigten TT-Platten passen. Sie nehmen die Schub- und Scherkräfte auf.
Schließlich zeigen die Berechnungen des Architekturbüros, dass Wiederverwendung generell vorteilhaft ist, um die mit einer solchen Baumaßnahme verbundenen CO2-Emissionen zu reduzieren – 88 % sollen es gegenüber dem Einsatz neuer Materialien. Besonders stark ist die Reduktion im Bereich des Tragwerks, sprich bei den Betonteilen. Darüber hinaus sollen 90 % weniger Bauabfälle angefallen sein.
Bautafel
Architektur: Erik Stengade (Bestand); pihlmann architects, Kopenhagen (Umbau)
Projektbeteiligte: Emcon (Beherrenvertretung); Hoffmann (Bauunternehmen); ABC Consulting Engineers (Tragwerksplanung); Studio C (Marketingstrategie); Borg Brückner (Signaletik); Sara Martinsen (Innenarchitektur); Minae Kim, Santiago Mostyn, Martine Syms, Wu Tsang (Kunst am Bau); Kristoffer Negendahl, (Lebenszyklusanalyse)
Bauherr*in: Bikubenfonden, Kopenhagen
Fertigstellung: 2025
Standort: Thoravej 29, 2400 Kopenhagen, Dänemark
Bildnachweise: Hampus Berndtson (Fotos); pihlmann architects, Kopenhagen (Pläne)
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