Umbau: Bildungszentrum CPFB in Louvain-la-Neuve
Studieren im alten Postamt
Anfang der 1970er-Jahre, als der französischsprachige Teil der Katholischen Universität Löwen (Université Catholique de Louvain – UCL) seinen eigenen Campus errichtete, entstand eine ganze Reihe brutalistischer Bauten. Das Ensemble um den Place des Sciences stammt größtenteils aus der Feder des Architekten André Jacqmain vom Atelier d'architecture de Genval. Bis 2017 war bereits die von ihm entworfene Bibliothek zu einem Museum umgebaut worden. Nun folgte das ehemalige Postamt. Nach Plänen des Büros Archipelago erhielt das Gebäude seine bauzeitlichen Qualitäten zurück. Seit 2023 befindet sich hier das mit der Universität verbundene Bildungszentrum CPFB.
Mehrere große und kleinere Pultdächer auf flachen, winkelförmigen Stützen schieben sich ineinander, sodass der annähernd quadratische Grundriss kaschiert wird. Ein langes Pultdach senkt sich zum Platz hin, darüber ist ein halbkreisförmig ausgeschnittener Giebel zu sehen. Ebenso auffällig sind die gerundeten Kehlen der Winkelstützen – ein Motiv, das sich bei der Platzgestaltung und im Inneren wiederholt. Schwarz gerahmte Fenster und rotes Mauerwerk ergänzen die raue Betonstruktur. An sonnigen Tagen sind die Spuren der Bretterschalung besonders gut lesbar. An die Nutzung als Postamt erinnern heute noch die Ein- bzw. Ausfahrten auf der Rückseite, durch die kleine Lieferwagen ins Untergeschoss gelangen können.
Nutzungsphase Nummer vier
In den 2010er-Jahren war das Dekanat und die Verwaltung der Fakultät für Architektur, Bauingenieurwesen und Stadtplanung in dem Gebäude ansässig. Anschließend zog das Institut für Rundfunkkunst in das Gebäude ein und es wurde für die Arbeit mit Tontechnik, Multimedia und Schnitt umgebaut. Mit dem CPFB, einem Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung von Erwachsenen, sollte das Gebäude einen neuen Nutzer bekommen. Jedes Jahr empfängt die Einrichtung rund tausend Interessierte, die ein Bachelorstudium oder eine Ausbildung in einem sozialen Bereich absolvieren, etwa Pädagogik oder Ehe- und Familienberatung.
Sowohl das Kursangebot als auch die Studierenden, die Größe der Lerngruppen, das Lehrpersonal und die Stundenpläne sind vielfältig. Außerdem sollten neue Lernmethoden Platz finden. Wie ließ sich das ehemalige Postamt für dieses Programm herrichten? Um das herauszufinden, bezog das Architekturbüro Archipelago Studierende und Lehrkräfte in den Planungsprozess ein. Basierend auf Befragungen entstand eine Reihe von Diagrammen, die Abläufe, Arbeitsplätze und Equipment dokumentierten. Als nächstes analysierten die Architekt*innen die Informationen. In Kombination mit weiteren Workshops definierten sie die Aktivitäten, Raumanforderungen und Ausstattungsmerkmale weiter aus.
Zurück zum Original
In der ehemaligen „Klangschule“ fanden die Planer*innen eine kleinteilige Grundrissstruktur und umfassende Schallschutzmaßnahmen vor, durch die die Klarheit der bauzeitlichen Architektur und Materialpalette verloren gegangen war. Die nachträglich eingebauten Wände wurden abgebrochen und die Raumpakete neu geordnet.
Einzig die Ostfassade erfuhr eine größere Anpassung, um den dahinterliegenden Raum im Erdgeschoss zu öffnen. Hier befindet sich der Haupteingang mit einem hohen Foyer und der Haupttreppe. Zu den Fassaden hin liegen die Seminar- und Arbeitsräume, getrennt von Raumschienen mit Lern-Kammern, Büros, WCs und Lagern. Im Obergeschoss befinden sich an den Rändern weitere Seminarräume sowie ein Verwaltungsbereich, der um einen Besprechungsraum und ein Tonstudio erweitert wurde. In der Grundrissmitte, eingerahmt von den Erschließungsachsen, sind ein Raum für Gruppenarbeiten und ein offenes Auditorium.
Im Zuge der Sanierung wurde der Beton freigelegt und instandgesetzt, das ursprüngliche Mauerwerk wiederhergestellt sowie die Tischlerarbeiten und Holzrahmen aufgearbeitet. Glaswände halten den Blick frei auf die abwechslungsreichen Raumfolgen unter den Pultdächern. Nach den Aufräumarbeiten ist das Zusammenspiel der Dachträger mit dem durch Glassteine fallenden Licht wieder erlebbar. Während die bauzeitliche Gestalt weitgehend wiederhergestellt ist, erhielt das Gebäude eine moderne technische Ausstattung und thermische Ertüchtigung. Damit soll es für die nächsten 30 Nutzungsjahre gewappnet sein.
Beton: per Sandstrahlen freigelegt
Beruhigt stellten die Architekt*innen fest, dass es sich um qualitativ hochwertigen Beton handelte, sodass er meist nur gereinigt werden musste. Der überwiegende Teil der Wände und Decken war im Laufe der Zeit gestrichen worden, einige Bereiche wiesen Verschmutzungen auf. Um den Beton zu reinigen und die Struktur der Bretterschalung wieder sichtbar zu machen, wurden die Oberflächen sandgestrahlt. Einige Stellen musste man ausbessern, etwa dort, wo der Beton zu stark beschädigt oder wo die alte Haustechnik befestigt war.
Gänzlich erneuert wurden hingegen die Böden: Den alten Estrich ließen die Architekt*innen entfernen, weil er zu stark beschädigt und zu dünn war. Unter dem neuen Estrich konnten sie einen Teil der Haustechnik verstecken. Seine hochwertige, glatte Oberfläche erübrigte außerdem einen weiteren Bodenbelag. So blieb die Materialpalette dem Bestand entsprechend rein. -ml
Bautafel
Architektur: Atelier d'architecture de Genval (Bestand 1975); Archipelago (Umbau 2024)
Projektbeteiligte: aaia (Innenarchitektur); MATRIciel, Louvain-la-Neuve (technische Beratung in den Bereichen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit); Cosep, Mont-Saint-Guibert (Baustellensicherheit); CBD, Isnes (Statik)
Bauherr*in: CPFB – Centre d'enseignement supérieur de Promotion et de Formation continuée en Brabant Wallon
Fertigstellung: 2024
Standort: Place des Sciences 1A, 1348 Ottignies-Louvain-la-Neuve, Belgien
Bildnachweis: Johnny Umans, Gil Plaquet (Fotos); archipelago (Fotos und Pläne)
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