Temporäre Skulptur Scale Infinite in Mailand

Konstruktion aus sechs vorgefertigten ineinander geschobenen Treppen

Mehrere, scheinbar wahllos zusammengesetzte Treppenläufe geben den Weg nach oben frei – bis sie zu einem Lauf verschmelzen, der nach einigen Metern Höhe abrupt endet. Gemeint ist nicht etwa eines der perspektivisch unmöglichen Treppenbilder, mit denen der niederländische Grafiker M.C. Escher Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt geworden ist. Sondern die begehbare Treppenskulptur Scale Infinite, die Anfang April 2014 im Rahmen der Ausstellung „Feeding News Ideas for the City“ auf der Mailänder Designwoche Fuori Salone zu sehen war.

Die Skulptur ist komplett aus amerikanischen Tulipwood hergestellt und besteht aus sechs ineinander geschobenen Treppen, die zu einem abrupt endenden Lauf verschmelzen
Rutschhemmende schwarze Stufenkanten und einseitig angebrachte Handläufe sorgen für die notwendige Sicherheit
Die Treppen sind allesamt vorgefertigt, die einzelnen Läufe scheinen miteinander zu verschwimmen

Geplant wurde das hölzerne Konstrukt vom Londoner Büro de Rijke Marsh Morgan Architects, kurz dRMM. Bereits vergangenen September sorgten die Architekten auf dem London Design Festival mit der Treppen-Installation Endless Stair für Aufsehen. Vier Wochen lang konnten Einheimische und Touristen direkt vor der Tate Modern insgesamt 15 ineinandergreifende Treppenläufe besteigen und in einer Höhe von knapp acht Metern die Sicht über die Themse und den Norden der britischen Hauptstadt genießen. In Mailand war die dreidimensionale Skulptur nun in einer deutlich kleineren, abgespeckteren Version zu bewundern: nur sechs der Treppen wurden im Innenhof des Hauptgebäudes der Universität La Statale aufgebaut.

Aber wie wurden die Skulpturen hergestellt? Als Ausgangsmaterial diente das amerikanische Tulipwood, welches sich aufgrund seiner Festigkeit und seines geringen Gewichtes gut für die Herstellung filigraner Holzkonstruktionen eignet. Dieses Laubholz wurde zu dreischichtigen, 580 mm breiten und 60 mm starken Brettern verarbeitet. Je zwei auf Gehrung geschnittene Bretter wurden mittels Keilzinken zu einer biegesteifen Ecke (L-Form) verklebt – sie bilden nun je eine Stufe mitsamt einseitigem Geländer aus. Auf der anderen Seite der Ecke vervollständigen zwei schmale, angeschraubte Leisten das Geländer. Durch das leicht versetzte Übereinanderstapeln der L-förmigen Elemente entsteht nach und nach eine einläufige Treppe. Kleine Quader aus fünflagigem Brettschichtholz dienen als Abstandshalter für die Stufen. Für einen sicheren Aufstieg sorgen rutschhemmende schwarze Stufenkanten und einseitig angebrachte, ebenfalls schwarze Handläufe. Vor Ort wurden die einzelnen Treppenläufe zur Skulptur zusammengesetzt; sie verschmelzen förmlich ineinander, Podeste sucht man vergebens. Hier und da tragen filigrane Stützen zur Stabilisierung der gesamten Konstruktion bei.

So einfach die Skulptur auf den ersten Blick erscheinen mag: Bis das optimale statische System gefunden war, mussten vorab eine Vielzahl computersimulierter Testreihen durchgeführt werden. Mit beiden Projekten wollen die Planer die großen Potenziale, die die modulare Holzbauweise in sich birgt, aufzeigen. Auf recht einfache Weise können mit den vorgefertigten Elementen innerhalb kurzer Zeit neue Konstellationen entstehen, angepasst auf den jeweiligen Ort. Wo die Treppen-Skulptur als Nächstes erklommen werden kann, ist noch unklar… Wir sind gespannt!

Bautafel

Architekten: de Rijke Marsh Morgan Architects (dRMM), London
Projektbeteiligte: Arup, London (Tragwerksplanung); Nüssli, Hüttwilen (Holzbau); American Hardwood Export Council, Reston (Holzlieferant); Imola Legno, Molfetta (Produktion der Brettsperrholzplatten)
Standort: wechselt
Bildnachweis: Giovanni Nardi, Verona und Judith Stichtenoth, Jonas Lencer, Alex de Rijke und Thomas Etchells, London

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