Telekom Hochhaus in Konstanz
Vom Büro zum Wohnraum mit Weitblick
Ein ehemaliges Fernmeldehochhaus der Deutschen Telekom in Konstanz hat eine neue Nutzung erhalten: Das 62 Meter hohe Gebäude wurde zum Wohnturm mit rund 100 Eigentumswohnungen umgebaut. Für die Transformation entwickelten die Planenden von Sauerbruch Hutton eine neue Gebäudehülle, die den Bestand mit einer vorgelagerten Schicht aus Loggien umschließt. Bewegliche Ganzglas-Schiebeelemente ermöglichen dabei, die Außenräume je nach Witterung zu öffnen oder zu schließen.
Geschichtlicher Kontext
Das Hochhaus befindet sich im Konstanzer Stadtteil Petershausen und entstand zwischen 1968 und 1971 für die Deutsche Post, nach Plänen des Architekten Hans Merkenthaler. Nach dem Münster ist es das zweithöchste Bauwerk der Stadt. Charakteristisch war ursprünglich eine streng gerasterte Bandfassade, die das Gebäude deutlich von der gründerzeitlich geprägten Umgebung abhob. Nachdem die ursprüngliche Büronutzung aufgegeben worden war, stand das Gebäude über mehrere Jahre weitgehend leer. 2017 erwarb die BPD Immobilienentwicklung das Areal. Aus einem 2019 ausgelobten Wettbewerb ging der Entwurf von Sauerbruch Hutton als Sieger hervor. Anstatt das Hochhaus durch einen Neubau zu ersetzen, sah das Konzept seine Transformation zu einem Wohnturm vor.
Städtebauliche Einbindung
Quer zur Straße platziert, umgeben Plätze, ein kleiner Stadtpark und eine Schule das Hochhaus in der überwiegend von Wohngebäuden geprägten Nachbarschaft. Rückwärtig befindet sich das frühere Technikgebäude – ein länglicher Flachbau. Zum Park hin wird der Turmsockel durch zwei transparente, pavillonartige Baukörper gefasst. Ihre begrünten Dachflächen sollen das Mikroklima auf dem Grundstück regulieren und die Biodiversität fördern. In den beiden Pavillons sind öffentliche Nutzungen wie ein Restaurant und ein Pilatesstudio untergebracht. Die angrenzende Platzfläche wird durch Vegetationsflächen gegliedert. Entlang ihres Randes angeordnete Bänke bieten Sitzgelegenheiten und schaffen einen Übergang zum benachbarten Park.
Neues Fassadenkleid für den Bestand
Höhe und Proportionen des 15 Geschosse hohen Riegels blieben erhalten. Sichtbar ist die Transformation aber an den Fassaden: Die Stirnseiten sind nun mit hellen, gefalteten Aluminiumpaneelen bekleidet, die die vertikale Ausrichtung betonen und den Baukörper schlanker erscheinen lassen. Den Längsseiten wurde eine Schicht aus Loggien vorgelagert. Diese ist nicht über die gesamte Fassadenbreite durchgehend ausgebildet und verstärkt dadurch ebenfalls die Vertikale.
Die Knicke entlang der Betonfertigteil-Brüstung erzeugen ein wellenförmiges Fassadenbild. Die Bekleidung aus keramischen Fliesen in Grün-, Blau- und hellen Gelbtönen, deren Farbwirkung sich je nach Betrachtungsabstand und Lichteinfall verändert – ein Verweis auf die Vegetation des angrenzenden Parks. Zur variablen Erscheinung trägt auch die Verglasung der Loggien bei: Die Glas-Schiebeelemente lassen sich je nach Bedarf von den Bewohner*innen öffnen und schließen und verändern damit die Ansicht der Fassadenflächen.
Geeignete Grundstruktur für die Wohnnutzung
Die bestehende Organisation des Hochhauses erwies sich als ideal für die Umnutzung: Die Büroräume an den Längsseiten waren nach Osten oder Westen orientiert und über einen zentralen Mittelflur zwischen den beiden stirnseitigen Treppenhäusern erschlossen. Auch die Tragstruktur konnte weitgehend übernommen werden. Ausreichende Lastreserven sowie ein Stützenraster mit wenigen tragenden Innenwänden ermöglichten die Realisierung unterschiedlicher Wohnungstypen, ohne umfangreiche Eingriffe in den Bestand vorzunehmen. Insgesamt konnten rund 93 Prozent des Rohbaus erhalten bleiben. Im Vergleich zu einem Neubau entspricht dies einer Einsparung von knapp 2.300 Tonnen CO2.
Helle und luftige Wohnungen mit Weitblick
Insgesamt entstanden 105 Eigentumswohnungen mit ein bis fünf Zimmern. Im ersten und zweiten sowie im 14. und 15. Obergeschoss sind die Lofts als Maisonettewohnungen über zwei Geschosse organisiert. Ergänzt wird das Wohnangebot durch eine gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse. Von hier reicht der Blick in östlicher Richtung über den Bodensee bis zu den Schweizer Alpen. Im Westen sind der Untersee und die Insel Reichenau zu sehen.
In den Wohnungen wurden die Stahlbeton-Rippendecken nicht durch abgehängte Decken verdeckt, sondern blieben sichtbar. So ergaben sich Raumhöhen von 2,65 bis 3,15 Metern. Der zentrale Wohn-, Koch- und Essbereich ist großzügig gestaltet, während Schlafzimmer, Bäder und Nebenräume kompakt organisiert sind. Entlang der Fassade angeordnete Räume lassen sich mithilfe von Schiebetüren flexibel verbinden und trennen. Dadurch können je nach Bedarf offene Raumfolgen oder separate Rückzugsbereiche geschaffen werden. Holzdielen bilden einen warmen Kontrast zu den hell gestrichenen Wänden.
Loggien als vorgelagerte Fassadenschicht
Den wesentlichen baulichen Eingriff bildeten die neuen Loggien entlang der Längsseiten des Hochhauses. Zunächst wurde dafür die bestehende Bandfassade zurückgebaut und durch eine neue Ortbetonfassade mit bodentiefen Öffnungen ersetzt. Daran schloss man – ebenfalls in Ortbeton – die Balkonplatten an. Die Konstruktion ist selbsttragend und gründet auf Mikropfälen und vermeidet so eine zusätzliche Belastung des bestehenden Tragwerks. Die Loggien sind jeweils abschnittsweise einer Wohnung zugeordnet. Ihre niedrigen Brüstungen mit aufgesetzten Edelstahlgeländern ermöglichen auch im Sitzen den Blick auf den Bodensee. Als Bodenbelag kamen Dielen aus Gebirgslärche zum Einsatz.
Ganzglas-Schiebeelemente als Wetterschutz
Um die Loggien auch in den oberen Geschossen vor Wind und Niederschlag zu schützen, wurden zwischen den Brüstungen und den darüberliegenden Balkonplatten rahmenlose Ganzglas-Schiebeelemente des Typs Proline S Mega von Solarlux installiert. Die Glaselemente werden oben und unten in schmalen Aluminiumprofilen geführt und lassen sich seitlich verschieben. Je nach Stellung können die Loggien vollständig oder teilweise geöffnet und bei Bedarf vor Witterungseinflüssen geschützt werden. Im geschlossenen Zustand überlappen sich die Scheiben um 50 Millimeter, um das Eindringen von Schlagregen zu reduzieren. Ein schmaler Lüftungsspalt ermöglicht weiterhin den Luftaustausch; auftreffendes Wasser wird nach außen abgeleitet. Integrierte Aushebe- und Absturzsicherungen gewährleisten die sichere Nutzung.
Aufgrund der Gebäudehöhe waren insbesondere in den oberen Geschossen hohe Windlasten zu berücksichtigen. Das ungedämmte Schiebesystem wurde laut Hersteller auf dem Prüfstand einer Belastung von 7.000 Pascal ausgesetzt, was einer Windgeschwindigkeit von rund 380 km/h entspricht. Je nach Einbausituation kamen Scheiben aus 12 oder 15 mm starkem Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) beziehungsweise 16 mm starkem Verbund-Sicherheitsglas (VSG) zum Einsatz. Die Schalldämmung der Schiebeelemente beträgt laut Hersteller 12 dB. Die Aluminiumprofile wurden im Farbton Umbragrau pulverbeschichtet und damit auf die Farbgestaltung des Gebäudes abgestimmt. Per Bauaufzug gelangten die Glaselemente in die einzelnen Geschosse.
Bautafel
Architektur: Sauerbruch Hutton, Berlin
Projektbeteiligte: Julia Blasius (Projektleitung); Katja Correll, Maria Fernandez, Stefan Fuhlrott, Nan Liu, Lucia Martinez Estefania, Emanuela Mendes, Katarina Petrovic, Marco Rabaglino, Saskia Vendel (Projektteam); Werner Sobek, Frankfurt am Main (Tragwerk); ATM Herbert Marks GmbH, Rottenburg-Ergenzingen und Greiner Engineering, Konstanz (Technische Gebäudeausrüstung); GN Bauphysik Finkenberger + Kollegen, Stuttgart (Bauphysik und Akustik); hhp, Berlin/München (Brandschutz); SINAI, Berlin (Landschaftsplanung); Solarlux (Hersteller: Schiebe-System Proline S Mega mit HWF-Pulverbeschichtung GSB Premium, Umbragrau)
Bauherr*in: BPD Immobilienentwicklung
Fertigstellung: 2026
Standort: Moltkestraße 4-8, 78467 Konstanz
Bildnachweis: Helmuth Scham (Fotos); Sauerbruch Hutton (Pläne)
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