Teehaus in den Hamburger Wallanlagen
Instandsetzung eines Baudenkmals mit Schräglage
Schiefe Dinge rückt man gerade – das ist ein menschlicher Reflex. Was aber, wenn die Schräglage eine Geschichte zu erzählen vermag und den Charakter des Objektes bestimmt? In der Architektur existiert dieser Fall häufiger, am populärsten wohl beim Schiefen Turm von Pisa. In Hamburg ist das Teehaus in den Wallanlagen so ein Kandidat. Ganze zwei Grad ist der kühn konstruierte Pavillon mit Pylonentragwerk und auskragenden Überkopfverschattungen seit seiner Errichtung im Jahr 1963 aus dem Lot geraten. Für die 2022 vom Ingenieurbüro Hellmann durchgeführte Generalsanierung verlangte der Denkmalschutz, die Schiefstellung des Gebäudes als bestimmendes Merkmal zu erhalten.
Frühes Beispiel für eine Hängekonstruktion
Für ihre eigenwilligen Formen, ambitionierten Konstruktionen und zukunftsweisende Gestaltung bekannt, sticht Pavillon- und Ausstellungsarchitektur aus dem Kanon der Typenarchitektur hervor. Traditionell wird hier architektonisch experimentiert und Ingenieursleistung demonstriert. Wie kein zweiter steht hierzulande der Architekt Frei Otto mit seinen leichten Zeltdachkonstruktionen für diesen Bautypus Pate. Das Teehaus in den Hamburger Wallanlagen entwarf der Architekt Heinz Graaf. Errichtet wurde es im Jahr 1963 zur Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) und avancierte schnell zu ihrem Wahrzeichen. Es gilt als ein besonders früher Vertreter der in der Nachkriegszeit aufkommenden hängend konstruierten Bauwerke. Nur einige Hundert Meter entfernt steht das ikonische Finnlandhaus, bei dem es sich um eines der ersten hängend konstruierten Hochhäuser handelt. Als die Bauarbeiten daran begannen, war das Teehaus gerade fertiggestellt.
Als Blick- und Treffpunkt war das Teehaus das Herz der sogenannten japanischen Gärten. Erhalten ist von ihnen lediglich der große Teich, an dessen Ufer sich das kleine Bauwerk befindet. Es ist von einem Netz aus Bohlenstegen und -plattformen umgeben, die eine Überquerung der Wasserfläche ermöglichen. Vier Pylonen stützen die Konstruktion: Abgespannt über eine Zugseilkonstruktion, ist das Obergeschoss an ihnen aufgehängt. In dem freitragenden Stahlskelett befindet sich der Besucherraum. Erschlossen wird dieser über einen von der Stahlkonstruktion entkoppelten, gemauerten Sockel. Das Obergeschoss hat einen quadratischen Grundriss. Es ist umlaufend bodentief verglast und auf Höhe der Traufe von einer auskragenden Überkopfverschattung umgeben. Zentral erhebt sich zwischen den vier Pylonen eine quadratische Laterne über das Flachdach.
Problematischer Baugrund mit Geschichte
Im Gegensatz zu den meisten anderen IGA-Gebäuden entging der Pavillon einem Rückbau. Schon früh erkannte man den Wert des Bauwerks für die Parkgestalt und als Freizeitort. Übergangsweise zog die IGA-Gesamtleitung ein. Zur nächsten Gartenschau im Jahr 1973 wurde das Teehaus zur zentralen Ausstellungsstätte umgebaut. Durch die anschließende, jahrzehntelange Nutzung als Altentagesstätte geriet das Teehaus aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Aufmerksamkeit zog der Pavillon erst durch sein spezifisches Schadensbild auf sich.
Von der bedrohlichen Schieflage alarmiert, beauftragte das Bezirksamt Hamburg-Mitte im Jahr 2011 ein bautechnisches Gutachten: Das Bauwerk war bereits einseitig um 23 cm abgesunken und neigte sich weiter. Bis zum Beginn der Instandsetzungsarbeiten 2016 kamen weitere 14 mm hinzu. Das Gebäude war auf Kriegstrümmern errichtet worden. Die bauzeitlichen Punktfundamente der Pylonen wiesen eine zu geringe Tiefe auf und reichten nicht bis auf tragenden Grund. Zeitgleich angefertigte Denkmalgutachten stellten den Wert der baulichen Anlage fest. Dazu zählen insbesondere die ingenieurtechnische Leistung sowie die Singularität der Konstruktion und des Bautypus. Doch auch die Schiefstellung zählte man als bestimmendes Merkmal zum Denkmalwert.
Die Planung zur Instandsetzung begann 2016, die Sanierung wurde im Zeitraum von 2018 bis 2022 durchgeführt. Der Schwerpunkt lag darauf, die Struktur des Gebäudes zu stabilisieren und seine Nutzungsmöglichkeiten zu erweitern, ohne die historische Integrität zu beeinträchtigen. Eine wesentliche Maßnahme war die Nachgründung der Punktfundamente, um die fortschreitende Schiefstellung zu stoppen. Von der Ausstattung der Erbauungszeit war im Innenraum kaum etwas erhalten. Das ursprünglich offene Raumkonzept war durch zahlreiche Einbauten verloren gegangen. Aus diesem Grund erfolgte eine Freilegung bis auf die Tragstruktur und den Versorgungskern, um wie zur Zeit der ersten IGA einen Rundumblick auf die umliegenden Parkanlagen zu ermöglichen.
Die filigrane Stahlkonstruktion des Teehauses erforderte besondere Aufmerksamkeit. Historische Elemente wurden erhalten und restauriert, während gleichzeitig moderne Technologien integriert wurden, um die Sicherheit und Funktionalität zu gewährleisten. Ein neu eingebautes Ausgleichspodest, das den Fußboden begradigt, erleichtert künftige Nutzungen des Innenraums und macht zugleich die Schiefstellung visuell erlebbar. Eine neue Raumbox im Zentrum des Gastraumes enthält Stauraum, eine Küche und ein barrierefreies WC. Sofern es die Vorgaben des Denkmalschutzes zuließen, setzte man zahlreiche Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung um. Dazu zählten etwa die Erneuerung sämtlicher Fenster sowie eine Verbesserung des außen liegenden Sonnenschutzes.
Sonnenschutz: Rekonstruierte Aluminiumlamellen und neue Außenraffstore
Bedingt durch den hohen Glasanteil der Fassade erhielt der Teepavillon bereits bei seiner Errichtung ein System aus Sonnenschutzvorrichtungen, die nicht nur effektiv verschatteten, sondern integral die Gestalt des Bauwerks bestimmten. Die auskragenden Überkopfverschattungen in Form von feststehenden Horizontallamellen aus Holz verleihen dem Bauwerk seither seine Identität als Teehaus. Im Zuge der Instandsetzung wurden die stark bewitterten Elemente aus Aluminium rekonstruiert. Die längste Zeit des Tages vermindern sie den Sonneneintrag, nämlich immer dann, wenn das Sonnenlicht in erhöhtem Winkel einfällt. Je tiefer die Sonne steht, also insbesondere auch zur Winterzeit, desto mehr direktes Sonnenlicht kann in den Innenraum eindringen. Auch die Fensterflächen der Laterne auf dem Dach sind durch Lamellen verschattet. Hier sind sie allerdings nicht auskragend als Überkopfverschattungen, sondern entlang der Fassadenebene angeordnet.
Im Zuge der jüngsten Instandsetzung neu hinzugekommen sind Raffstoren vor den großen Fensterflächen des Besucherraumes. Der außen liegende Sonnenschutz ist beweglich, das heißt variabel einstellbar: Je nachdem, ob die Behänge herabgelassen oder hochgezogen und die Lamellen geöffnet oder geschlossen sind, kann der Sonneneintrag und die Tageslichtzufuhr präzise reguliert werden. Das erlaubt eine höhere Effizienz bei der passiven Kühlung des Teehauses im Sommer, sowie bei der natürlichen Erwärmung des Innenraums im Winter.
Nach der erfolgreichen Sanierung wurde das Teehaus im Sommer 2022 wiedereröffnet. Es dient seither als multifunktionale Begegnungsstätte und steht der Öffentlichkeit für kulturelle Veranstaltungen, Gemeindetreffen und weiterhin als Treffpunkt für Senioren zur Verfügung. -sr
Bautafel
Architektur: Heinz Graaf (Entwurf 1963); Ingenieurbüro Hellmann, Hamburg (Generalsanierung 2022)
Projektbeteiligte: Dipl.-Ing. Ralf Hellmann, Architekt Alexander Judt, Architektin Sophia Rickert (Team Generalsanierung Bearbeitung und Projektplanung); Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen-ABH 44– Hochbaudienststelle (Projektsteuerung); Landschaftsarchitekten Dittloff+Paschburg, Hamburg (Planung des Sanierungsbereichs Garten- und Landschaftsbau); Arthur Ludwig Stahl- und Leichtmetallbau, Hamburg (Sonnenschutz)
Bauherr*in: Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Hamburg-Mitte
Fertigstellung: 2022
Standort: Holstenwall 11, 20355 Hamburg
Bildnachweis: Ingenieurbüro Hellmann, Hamburg / Jürgen Fischer (Fotos); Ingenieurbüro Hellmann, Hamburg (Pläne)
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