Technisch modifizierter Bambus als Baumaterial
Leistungsstarker, rasch nachwachsender Rohstoff
Bambus ist keine Baumart, sondern gehört zur Gattung der verholzenden Gräser. Aufgrund eines schnellen Wachstums und einer leichten, stabilen Struktur verkörpert die Pflanze ein höchst effizientes Werk der Natur. Bekannt sind mehr als 1.600 verschiedene Arten – von kleinen strauchartigen Varianten bis hin zu riesigen Bambusarten: Moso (Phyllostachus pubescens) oder Asper (Dendrocalamus Asper) in Südostasien, Guadua (Guadua angustifolia) in Lateinamerika werden 30 bis 40 Meter hoch und erreichen Durchmesser zwischen zehn und zwanzig Zentimetern.
Wie andere Gräser auch, breiten sich Bambusgewächse über unterirdische Wurzelballen und ein Netz von Rhizomen aus. Manche Arten wachsen bis zu einen Meter am Tag. Die Halme wachsen jährlich nach, sodass sich die Stämme nach vier bis fünf Jahren ernten lassen und die Pflanze auf natürlichem Wege regeneriert.
Bewirtschaftung, Verbreitung und Einsatzmöglichkeiten
In sorgfältig bewirtschafteten Bambusplantagen werden pro Jahr etwa 20 bis 25 Prozent der hoch gewachsenen Stämme geerntet, was das weitere Gedeihen eher fördert als mindert. Da das Wurzelsystem fortbesteht, gibt es keinen Kahlschlag, und die Kultivierung von Bambus trägt nicht zur Entwaldung bei. Weltweit ist eine Fläche von rund 40 Millionen Hektar mit Bambus bedeckt, allein in China sind es mehr als sieben Millionen Hektar. Dank Aufforstung wächst diese Fläche kontinuierlich an.
Bestimmte Arten von Riesenbambus gedeihen sogar auf Brach- und Restflächen. Dort tragen sie zur Verbesserung des Bodens bei, indem sie Erosion verhindern, Regenwasser halten, den Grundwasserspiegel erhöhen und letztlich auch die Biodiversität.
Neben der Verwendung für konstruktive Zwecke gibt es zahlreiche weitere Anwendungsbereiche für Bambus, seien es Papier oder Textilien, Lebensmittel, Bioenergie sowie technisch entwickelte Bauprodukte für Boden, Wand und Decke, Möbel und Fassaden, Terrassendecks und Stege sowie Mobiliar für den Außenbereich.
Technisch modifizierte Baustoffe aus Bambus
Für den Einsatz in zeitgemäßen Baukonstruktionen werden die unregelmäßig runden Stämme zu standardisierten und besonders leistungsfähigen Bauprodukten (engineered bamboo) verarbeitet. Die Verarbeitungsmethoden ähneln denen von Holzbaustoffen, sie umfassen das Spalten und Hobeln sowie das Pressen von Bambusfasern zu Paneelen, Balken und Platten unter Hitzeeinwirkung und dem Einsatz von Klebstoffen.
Folgende drei Produktfamilien sind auf dem Markt vorherrschend:
- Bambus-Parkett oder Bodenbelag: Hergestellt aus verklebten Bambusstreifen, eignen sich die Produkte für den Innenbereich – als Bodenbelag, Wandpaneele und Balken.
- Stranggewebter oder hoch verdichteter Bambus: Höchst tragfähige, besonders harte Bauelemente mit einer Dichte von mehr als 1.100 kg/m³, die für den Einsatz im Außenbereich oder in stark frequentierten Bereichen geeignet sind.
- Thermisch modifizierter und verdichteter Bambus: Unter Einwirkung von Hitze und hohem Druck entstehen äußerst stabile Bauelemente, beständig gegenüber biologischen Schädlingen. Diese eignen sich zur Bekleidung im Innen- und Außenbereich, für Fassaden und Böden bzw. Terrassen.
Nachhaltigkeit
Das rasche Wachstum und der jährliche Erntezyklus erlauben eine kontinuierliche Produktion ohne Raubbau. Durch die Aufforstung versteppter Grasflächen mit Riesen-Bambus lassen sich pro Hektar mehr als 1.000 Tonnen CO₂ kompensieren: Einerseits durch Kohlenstoffbindung von Pflanzen und Erdreich sowie durch Speicherung von CO₂ in den Bauelementen, andererseits durch die Substitution von Baumaterialien aus Stahl, Aluminium und Kunststoffen, deren Herstellung mit einem deutlich höheren CO₂-Ausstoß verbunden ist.
Bauprodukte für den Innenbereich
Es gibt viele Möglichkeiten, Bambusprodukte im Innenbereich einzusetzen: als Boden- und Wandbelag, für Möbel und Treppen. Die feine Maserung geht mit einer harten, formstabilen Oberfläche einher. Eine zarte Textur und gleichmäßige Materialität in Verbindung mit der warmen Farbpalette sorgen für einen zeitgemäßen Look. Dank seiner hohen Stabilität eignet sich technisch modifizierter Bambus gut für große Plattenformate und präzise Tischlerarbeiten.
Bauprodukte für den Außenbereich
Es gibt darüber hinaus Bauprodukte aus Bambus, die sich gut für den Außenbereich eignen und vielseitig einsetzbar sind. Durch thermische Modifizierung und eine starke Verdichtung des Materials unter Hochdruck erreicht beispielsweise stranggewebter Bambus
- eine hohe Formstabilität auch unter wechselhafter Luftfeuchte
- biologische Dauerhaftigkeit
- die europäische Brandschutzklassifizierung B-s1-d0.
Jüngste Innovationen
- Fassadenbekleidungen für mehrgeschossige Holzbauten: Thermisch modifizierte Bambusplatten lassen sich in modular vorgefertigte Systeme integrieren.
- Rückbaubare und wiederverwendbare Systeme: Mit Klickverbindungen befestigte Fassadenelemente ermöglichen einen einfachen Abbau und erneuten Einsatz der Platten im Sinne der Kreislaufwirtschaft.
- Laminierte Balken für Pfosten-Riegel Fassaden: Schlanke, laminierte Bambusprofile wurden erfolgreich für den konstruktiven Einsatz getestet.
- Hybride Holz-Bambus-Paneele: CLT-Elemente kombinieren die strukturellen Vorteile von Holz mit einer harten, verschleißfesten Oberlage aus Bambus.
- In Europa gewachsener und erwirtschafteter Bambus: In jüngster Zeit begründete Bambusplantagen in Portugal, Spanien und den Niederlanden zielen auf eine regionale Versorgung und Wertschöpfungskette ab.
- Biobasierte Klebstoffe: Bauprodukte aus Bambus mit Klebstoffen aus Lignin und Soja
Zusammenfassung und Ausblick
Ergänzend zu Holz als Baumaterial stellen technisch entwickelte Bauprodukte aus Bambus eine wichtige Komponente dar auf dem Weg in eine nachhaltige, CO₂-reduzierte Bauwirtschaft unter verstärktem Einsatz nachwachsender Rohstoffe. Das schnelle Wachstum der Pflanzen, überzeugende mechanische Eigenschaften, eine verfeinerte Oberflächenstruktur in Verbindung und Dauerhaftigkeit sind gute Gründe dafür.
Mit zunehmend europäischen Standards, zertifizierten Fassadenelementen, regionaler Plantagenwirtschaft und biobasierten Klebstoffen sollte sich Bambus als Baustoff etablieren, weg von der exotischen Rarität hin zu einem leistungsstarken, heimischen Material für die kommende Generation nachhaltiger Gebäude.