Stroh-Premiere in Oberhausen
Sieben sanierte Schwimmbäder
Anfang der 1960er-Jahre, als Oberhausen noch ein Industriestandort war, wurden dort sieben an Schulen angegliederte, öffentliche Lehrschwimmbäder errichtet. Aktuell sind sie Schauplatz eines der europaweit größten Bauprojekte mit Stroh: Im Rahmen des Projekts DISKO kam das Material erstmals bei einem öffentlichen Bauvorhaben in Deutschland zum Einsatz.
Den Strukturwandel im Ruhrgebiet haben die Lehrschwimmbäder überstanden und sie werden nach wie vor rege genutzt. Die Beliebtheit hinterließ wegen mangelnder Instandhaltung jedoch ihre Spuren: Zwar erinnerte die oft aufwendige Innenarchitektur noch an den früheren Stellenwert der kommunalen Infrastruktur, doch über viele Jahre hinweg waren Schäden nur kleinteilig ausgebessert worden. So war der ursprüngliche Charme der Gebäude teilweise nur noch schwer nachzuempfinden. Hinzu kam, dass die technische Ausrüstung der Schwimmbäder den aktuellen Erfordernissen nicht mehr entsprach. Lüftungen und Heizungen mit jahrzehntealten Kesseln liefen durchgehend mit gleicher Stärke. Außerdem konnten die Anlagen nur vor Ort gesteuert werden. Ungedämmte Dächer und Außenwände sowie undichte Fenster waren ebenfalls ein gravierendes Problem. Die Bilanz: 16 Prozent des städtischen Energiebedarfs entfielen auf die Schwimmbäder und entsprechend hoch war der damit verbundene CO2-Ausstoß.
Projekt DISKO
Um das Bildungs- und Freizeitangebot der Schwimmhallen trotz enorm gestiegener Energiekosten weiter aufrechtzuerhalten, wurden die Mitarbeitenden der Oberhausener Stadtverwaltung aktiv. 2019 riefen sie das Projekt Digitalisierung als Schlüssel zum Klimaschutz – intelligentes Energiemanagement von Lehrschwimmbädern – Das Oberhausener Modell (DISKO) ins Leben. Im darauffolgenden Jahr wurden Fördergelder aus dem Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) bewilligt, die 90 Prozent der Baukosten deckten – insgesamt 8,1 Millionen Euro. Den Rest stellte die Stadtverwaltung. Solche Förderungen des EFRE.NRW-Programms Wachstum und Beschäftigung sollen unter anderem dazu beitragen, CO2-Emissionen zu reduzieren.
Update für die Schwimmbadtechnik
Die Arbeiten begannen im Frühling und Sommer 2021. Mittlerweile sind der erste und zweite Bauabschnitt abgeschlossen. Im März oder April 2024 werden auch die letzten beendet sein. Die Umwälzpumpen der Schwimmbäder wichen Hocheffizienzpumpen mit Frequenzumrichtern und Wärmerückgewinnung. Durch die Digitalisierung und weitgehende Automatisierung der Bädertechnik ist es nun möglich, sie effizienter zu betreiben und aus der Ferne zu überwachen und steuern. Die Nutzung von Wärmerückgewinnung und Umluft soll helfen zusätzlich Energie einzusparen.
Eine extensive Dachbegrünung speichert Starkregen und trägt zur Kühlung des Umfeldes bei. Auf den Dächern befinden sich solarthermische Anlagen, die fortan helfen, das Bade- und Duschwasser erwärmen. Energiesparend sowie viel langlebiger und heller als ihre Vorgängerinnen sind die neu verbauten LED-Leuchten. Abhängig vom jeweiligen Standort, wurden eine Reihe ergänzender Maßnahmen umgesetzt, die den Treibhausgasausstoß weiter verringern sollen.
Strohmodule für Dach und Wand
Eines der Gebäude wurde ausschließlich haustechnisch saniert und an zwei Standorten waren erst vor wenigen Jahren die Gebäudehüllen erneuert worden. Bei den übrigen fünf wurden alte Fenster und Glasbausteinwände durch neue, dreifach verglaste Fenster ersetzt und die Außenwände mit Stroh gedämmt. Insgesamt sechs der sieben Schwimmbäder erhielten außerdem eine Dachdämmung aus Stroh. Der Dämmstoff wurde wegen seiner umweltfreundlichen Herstellung und Eigenschaften ausgewählt. Die Pflanzen wachsen schadstofffrei und ohne Chemikalien heran.
Die verbauten Holz-Stroh-Module funktionieren als natürlicher CO2-Speicher und sind komplett kompostierbar. Bei der Sanierung erwiesen sich vorgefertigte, mit dem Kran bewegbare Module des Typs DD34 der Firma Lorenz als besonders praktikabel. Sie eignen sich sowohl für Außenwände und Böden mehrgeschossiger Gebäude als auch für komplette Dachaufbauten. Die Elemente wurden vor die Bestandswände aus Mauerwerk oder Stahlbeton gestellt und mit Lärchenholz verschalt. Die Flachdächer wurden hingegen mit Einblasstroh der Firma istraw.blow gedämmt. Das lose Dämmmaterial ließ sich leichter an die Unebenheiten der bestehenden Dachflächen anpassen und erwies sich damit als technisch sicherere und wirtschaftlichere Lösung.
Gute Bilanz
Mit der neuen Dämmung erreichen die Außenwände U-Werte zwischen 0,126 und 0,127 W/(m2K). Damit entsprechen sie dem Passivhausstandard. Zusammen mit den anderen Maßnahmen des DISKO-Projekts können die Energiekosten deutlich sinken. Dies berichtet Architekt Dennis Harms von Baugestalt Architekten, dessen Team das Projekt in Kooperation mit dem Modulhersteller realisierte: „Nach der energetischen Sanierung der sieben Lehrschwimmbäder können ca. 6.600.000 kWh im Jahr eingespart werden. Das sind ca. 8 % des Gesamtverbrauchs der Liegenschaften der Stadt Oberhausen“.
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