Schulungsgebäude auf dem Landgut Holzdorf bei Weimar

Temporäre Unterrichtsräume aus 40 Tonnen Stroh

Auf dem Landgut Holzdorf, einer Schulungseinrichtung der Diakonie, entstand 2024 das temporäre Schulhaus Holzdorf. Statt einer Reihe von Container – wie bei Interimslösungen verbreitet – entschieden sich die Bauherrin und das Büro Z-Architektur für einen lasttragenden Strohballenbau. Das Projekt wurde im Rahmen des Forschungsvorhabens LaStrohBau begleitet und gefördert.

Außen wie innen ist das Gebäude mit Lehm verputzt.
Die Fenster befinden sich alle auf der Südseite.
Das Gebäude soll zehn Jahre stehen.

Rückbaubares Ausweichquartier

Notwendig wurde die Errichtung des Interimsbaus wegen der Sanierungs- und Umbaumaßnahmen, die das Team von Z-Architektur am Bestand vornimmt. Das temporäre Gebäude erhält den Bildungsbetrieb aufrecht und bietet dazu zwei Unterrichtsräume für die Erwachsenenbildung. Es ist 24,70 Meter lang und 8,40 Meter breit, wobei die Außenwände durchgehend 1,20 Meter stark sind. Fenster gibt es nur auf der Südseite, die Eingangstür befindet sich mittig auf der Nordseite. Hier betritt man zunächst einen Windfang, an den dann links und rechts die jeweils knapp 57 Quadratmeter großen Schulungsräume anschließen, mit Platz für 20 Personen.

Neben dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit sprach auch der Kostenvergleich: Kalkuliert man Genehmigungen und Fundamente sowie den Zuschuss aus dem Forschungsprojekt ein, dann ist der auf zehn Jahre genehmigte Strohbau nur wenig teurer als eine für zwei Jahre gemietete Containeranlage. Die Schlichtheit von Baukörper und Struktur trug zur Zeit- und Kosteneffizienz bei. Außerdem ist die gesamte Konstruktion darauf ausgelegt, bei Bedarf wieder abgebaut zu werden. Als Baumaterialien nutzte man vorwiegend die nachwachsende, wiederverwendbare und regional verfügbare Baustoffe. 

Einfache Konstruktion

Beim Boden und beim Dach kamen Paletten zum Einsatz, hergestellt in der Werkstatt der Diakonie. Sie bilden die auf einer Schottertragschicht liegende 20 Zentimeter hohe Unterkonstruktion. Darauf befindet sich eine 36 cm starke Strohdämmung aus Kleinballen sowie ein einfacher Rauhspundfußboden.

Das Dach ist als Kaltdach ausgeführt, bei dem Trapezbleche auf Fachwerkbindern aufliegen. Die Dacheindeckung aus Metallprofilen kann nach der Nutzung wiederverwendet werden. Paletten in 20 cm Höhe dienen als Ringbalken zum Lastabtrag. Die Decken der Unterrichtsräume sind ebenfalls mit Kleinballen aus Stroh gedämmt.

Dämmung: lasttragende Strohballen

Hochverdichtete Strohballen bilden die Außenwände und sind dabei zugleich tragende Wandkonstruktion und Dämmung. Auf die Strohwände wurde außen wie innen ein Lehmputz aufgetragen, der für ein angenehmes Raumklima sorgt. Der Einsatz von Lehm statt Kalk als Außenputz war möglich, da ein großer Dachüberstand den Putz vor Schlagregen schützt. Die Wetterseite des Gebäudes im Westen ist allerdings mit Brettern verkleidet.

Im Kontrast zu den gradlinigen Bauelementen wie den Fenstern, der Verschalung an der Westfassade oder dem mit Trapezblech gedeckten Dach sind die Strohwände leicht gewölbt, verursacht durch die Setzung der Ballen. Dies führt insbesondere an den Fensterlaibungen zu einer organischen Ausformung der Wände. Für die Fenster und Türen griff man auf Altbestand zurück. In der Tischlerwerkstatt der Diakonie arbeitete man dazu alte einfachverglaste Fenster wieder auf. Diese konnten verwendet werden, da die Anforderungen des GEG wegen des temporären Charakters des Bauwerks nicht zum Tragen kamen. Beheizt werden die Räume durch an der Decke angebrachte Infrarotheizelemente.

40 Tonnen Stroh in Wänden, Boden und Dach

Bei den hierzulande bereits weiter verbreiteten Stroh-Lehm-Gebäuden haben die goldgelben Halme ausschließlich dämmende Funktion. Dies liegt unter anderem daran, dass es bislang nur eine allgemeine Zulassung für Stroh als Dämmmaterial gibt. Im Gegensatz dazu haben die Strohballen des Schulhauses auch eine statische Funktion. Auf den im Verbund gestapelten Großballen der Wände lagert die Dachkonstruktion. Die quaderförmigen Ballen messen 240 x 120 x 90 Zentimeter und wiegen jeweils ca. 400 Kilogramm. Entsprechend war ein Gabelstapler nötig, um sie zu bewegen. Insgesamt wurden ca. 40 Tonnen Stroh in Wänden, Boden und Dach verbaut.

Reallabor Holzdorf

In Holzdorf werden die Eigenschaften des lasttragenden Strohballenbaus unter realen Bedingungen getestet. An diesem und weiteren Demonstratoren sollen die aus Vorversuchen bekannten Eigenschaften überprüft und neue Erkenntnisse über die Bauweise gewonnen werden. Die Daten sollen wissenschaftliche Grundlagen für ein technisches Regelwerk für den lastabtragenden Strohballenbau liefern. Dies ist das Ziel des Forschungsprojekts LaStrohBau, das von der Materialforschungs- und -prüfanstalt (MFPA) an der Bauhaus-Universität Weimar geleitet wird. Neben der Universität, der Diakonie Landgut Holzdorf und dem Büro Z-Architektur und sind auch zwei Landwirtschaftspartner beteiligt, nämlich der KeHo Agrarhandel und der Hof Herten. Mehr zum Forschungsvorhaben finden Sie bei den Tipps zum Thema.

Bautafel

Architektur: Z-Architektur, Weimar
Projektbeteiligte: Materialforschungs- und -prüfanstalt an der Bauhaus-Universität (MFPA), Weimar; Hof Herten, Rudolstadt; KeHo Agrarhandel, Dunningen
Bauherr*in: Diakonie Landgut Holzdorf
Standort: Landgut Holzdorf, Otto-Krebs-Weg, 99425 Weimar OT Holzdorf
Fertigstellung: Mai 2024
Bildnachweis: Z-Architektur (Fotos und Pläne)

Fachwissen zum Thema

Stroh ist in Deutschland lokal verfügbar.

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Stroh

Im zeitgenössischen Strohballenbau wird auch mit vorgefertigten Modulen gearbeitet.

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