Schulhaus Chliriet in Oberglatt

Adieu grauer Schulalltag

Kein Weiß und keine materialechten Oberflächen – mit dieser skurrilen Vorgabe haben bs+emi Architektenpartner das Schulhaus Chliriet bei Zürich entworfen. Das Gebäude verbindet einen charmanten Retro-Look der 1950er Jahre mit modernen, kräftigen Farbakzenten. Das innovative Farbkonzept, bei dem jedes Element – von der Holzkonstruktion über die Möblierung bis hin zur Haustechnik – eine eigene, markante Farbe erhält, schafft eine lebendige und inspirierende Lernumgebung. Darüber hinaus sorgt ein ausgeklügeltes Sonnenschutzsystem aus Fallarm- und Fassadenmarkisen für ein angenehmes Raumklima.

Als Sonnenschutz dient ein System aus großformatigen Fassaden- und Fallarmmarkisen.
Mit ihrer türkisen Farbgebung und der Betonung der Diagonalen, gliedern sich die Markisen in das Entwurfs- und Farbkonzept ein.
Der langgestreckte Baukörper liegt parallel zur östlichen Grundstücksgrenze.

Das Sekundarschulgebäude ist Teil einer eigenständigen Kreisschulgemeinde in der Metropolregion Zürich, mit zwei Standorten in den Gemeinden Rümlang und Oberglatt. Mit dem Neubau in Oberglatt wurde die Kapazität der Sekundarschule verdoppelt. Grund für die Expansion waren steigende Bevölkerungszahlen und ein verändertes Unterrichtssystem, das kleinere Klassengrößen vorsieht. Aktuell werden 402 Schüler*innen in 22 Klassen (je 11 Klassen pro Standort) unterrichtet. Als Standort der neuen Schule wurde eine bestehende Mehrzweckhalle mit angrenzenden Sportfeldern gewählt, von deren Mitnutzung die Schülerschaft profitieren kann.

Optimal diagonal

Der langgestreckte Baukörper liegt parallel zur östlichen Grundstücksgrenze. Unmittelbar dahinter beginnt die ortstypische Agrarlandschaft mit Feldern, Gehölzen und Wiesen. Zusammen mit der Mehrzweckhalle bildet der Schulneubau einen großzügigen Pausenhof, über den die Gebäudeteile erschlossen werden. Der Neubau ist als zweigeschossiger Holzskelettbau mit zwölf Achsen konzipiert. Die Fassade schließt oben in einem zweiteiligen Pultdach mit weit auskragendem Dachüberstand ab, der den Schüler*innen als schattenspendender Unterstand dient.

Ein bestimmendes Element des Entwurfs ist die Diagonale. Sie findet sich in den Strebepfeilern an den Schmalseiten des Gebäudes, in den Stahlstützen an der Rückseite und neben der Pultdachform auch in der Neigung des Sonnenschutzgewebes wieder. Die schrägen Linien in Verbindung mit großen Fensterflächen und filigranen Stahlstützen verleihen dem Gebäude eine Leichtigkeit, die an Nachkriegsarchitektur der 1950er Jahre erinnert. Zum Retro-Look passt auch der großzügige Einsatz von Farbe. Doch während die Nachkriegszeit eher mit Pastelltönen assoziiert wird, dominieren beim Schulhaus Chliriet kräftige Töne: Leuchtendes Rot-Orange und Türkis, kombiniert mit hellem Gelb, Graublau und tiefem Schwarz, ergeben eine frische Palette, die eine positive Lernatmosphäre schaffen soll.

Farbsystematik im Klassenraum-Cluster

Im Inneren setzt sich das Farbkonzept fort. Es basiert auf einem stringenten Farbkanon, der unterschiedliche Materialien und Ausstattungselemente markiert: Die Holzkonstruktionen sind rötlich-orange, die Möbel grün und die technischen Elemente stechen in einem intensiven Violett hervor. Keine Materialfarbe ist hier zufällig gewählt, auch Weiß gibt es nicht. „Der Innenraum entsteht aus dem Zusammenspiel der einzelnen Farben. Die Polychromie nimmt den Schulalltag vorweg“, erklärt das Architekturbüro.

Das Schulgebäude wird über einen leicht außermittig angeordneten Haupteingang in der Westfassade erschlossen. Über die gesamte Breite des Gebäudes erstreckt sich auf der Pausenhofseite die Wandelhalle, von der alle Räume des Erdgeschosses abgehen. Die Klassenräume orientieren sich zur Landschaft. Das Obergeschoss wird dezentral über sechs einläufige Treppen erschlossen. Dies ist notwendig, da das Obergeschoss in sechs Cluster zu je zwei Klassenräumen mit Vor- und Erschließungsräumen sowie Gruppenräumen aufgeteilt ist. Die Klassenräume liegen jeweils in einer der zwölf Achsen und sind analog zum Erdgeschoss zur Landschaft ausgerichtet. Die übrigen Räume sind zum Pausenhof orientiert und verfügen über Außentüren zum Balkon und zur Terrasse. Durch Verbindungstüren können die Klassenzimmer miteinander verbunden werden. Entlang der östlichen Fensterfront entsteht auf diese Weise eine Enfilade von beeindruckender Tiefe.

Sonnenschutz: Fallarm- und Fassadenmarkisen in Türkis

Die Glasflächen der Fassade werden auf unterschiedliche Weise wirkungsvoll verschattet. Je nach Himmelsrichtung und Geschoss kommt ein sinnvoll ausbalanciertes Sonnenschutzsystem zum Einsatz: Durch weit auskragende Dachüberstände werden die Fenster zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht, effektiv verschattet. Der Einfallswinkel des Sonnenlichts ist zu dieser Zeit steil, sodass die Schüler*innen trotz verschatteter Fenster einen ungehinderten Blick in die Landschaft genießen können.

Anders verhält es sich in den Morgen-, Nachmittags- und Abendstunden. Dann steht die Sonne tiefer und die Strahlen treffen in einem flacheren Winkel ein. Für den Schulbetrieb sind blendfreies Arbeiten und ein stabiles Raumklima besonders wichtig. Beides wird in der Chliriet-Schule durch den textilen Sonnenschutz in leuchtendem Türkis erheblich erleichtert. Jedes der großen Fenster ist mit Markisen ausgestattet, die eine variable Beschattung der Fensterflächen ermöglichen. Bei den meisten Fenstern handelt es sich um Fallarmmarkisen. Eine Ausnahme bilden die sehr hohen Fenster der nach Südwesten ausgerichteten Pausenhoffassade. Hier kommen schräg angeordnete Fassadenmarkisen zum Einsatz.

Das türkisfarbene Textil ist hier nicht wie bei den anderen Markisen des Gebäudes an Fallarmen befestigt, sondern wird entlang seitlich gespannter Drahtseile geführt. Geschickt gewählt ist auch der Montageort der südwestlichen Jalousien. Sie befinden sich nicht in der Fensterebene, sondern am auskragenden Ende des Balkons bzw. des Pultdaches. Dadurch werden nicht nur die Fensterflächen, sondern auch große Teile des Außenraums verschattet. An heißen Sommertagen verbessert dies die Aufenthaltsqualität für die Schüler*innen auf ihrem Pausenhof erheblich. -sr

Bautafel

Architektur Umbau: BS+EMI Architektenpartner, Zürich
Projektbeteiligte: Hofmann & Müller Landschaftsarchitektur, Zürich (Landschaftsarchitektur); Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure, Zürich / Pirmin Jung Schweiz, Sargans (Tragwerksplanung / Holzbau); EBP Schweiz, Zürich (Haustechnik); Raumanzug, Zürich (Bauphysik)
Bauherrin: Sekundarschulgemeinde Rümlang-Oberglatt
Standort: Chlirietanlage, Chlirietstrasse 20, 8154 Oberglatt, Schweiz
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Roland Bernath, Zürich (Fotos); BS+EMI Architektenpartner, Zürich (Pläne)

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Bei Fallarmmarkisen wird der Behang durch seitliche, um einen Drehpunkt bewegliche Arme geführt.

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Ausgehend vom Untergrund werden drei Montagearten unterschieden.

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Horizontale Sonnensegel zur Verschattung von Außenflächen.

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Unifarbene Markisenstoffe

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