Schulgarten
Garten als grüner Lehr- und Lernort
Schulgärten sind seit der griechischen und persischen Antike Orte des Lehrens und Lernens. Im Laufe der Zeit wandelten sich zwar Form, Zweck und Aufgaben, doch die Bedeutung ist heute größer denn je. Sie wecken bei Kindern und Jugendlichen Freude am Gärtnern und erweitern ihren Horizont – naturwissenschaftlich, künstlerisch und geografisch. Als Elemente des Urban Gardening fördern sie Artenvielfalt und Klimaschutz.
Furttenbachs Paradies-Schulgarten von 1635 und 1663
1635 veröffentlichte der Ulmer Architekt, Mathematiker und Politiker Joseph Furttenbach (1591 – 1667), ein Universalgelehrter seiner Zeit, mit der Architectura universalis eine Art Architekturlexikon. Darin stellte er einen Entwurf für einen Schulgarten vor, den er 1663 in einer weiteren Publikation als „Paradiesgärtlein“ noch weiter ausarbeitete.
Sein Entwurf zeigt eine quadratische Fläche, die durch zwei sich kreuzende Achsen in vier weitere Quadrate geteilt und von enfiladenartigen Kammern und Raumfolgen umgeben ist. An den Enden der Achsen befinden sich jeweils vier Pforten als Eingänge, die gleichzeitig als Zugangskontrolle dienen und das Eindringen von Tieren verhindern sollen.
Mit dieser streng geordneten Geometrie gliedert Furttenbach die Fläche in vier verschiedene Themengärten: Zwei Kräuter- und Küchengärten mit essbaren Pflanzen, einen Baumgarten mit Obstbäumen und einen Blumengarten. Die empfohlenen Pflanzen wie Kirsch-, Pflaumen- und Birnbäume sowie Tulpen, Lilien, Narzissen, Iris, Krokusse und duftende Rosen listet er detailliert auf. Wege führen zu einem Pavillon in der Mitte, der für das Lernen und die geistige Erbauung der Schüler mit biblischen Sprüchen und Reimen dienen soll. Neben einem Apfelbaum sollte unbedingt eine Skulptur von Adam und Eva stehen und an den Sündenfall im Paradies erinnern.
Platons Akademeia
Furttenbachs Entwurf ähnelt Kloster-, Apotheken- und den botanischen Gärten an Hochschulen wie beispielsweise der Universität Leiden. Diese Gärten waren ebenfalls überwiegend rechtwinklig angelegt, von Mauern, einem Kreuzgang, einer Wandelhalle oder eine Enfilade eingefasst und in gleich große Felder für die verschiedenen Pflanzen aufgeteilt. Als Lehr- und Lerngärten liegt ihr Ursprung in der griechischen Antike wie der legendären Akademeia, ein Akademie-Garten mit Olivenbäumen, Platanen und Eiben, in dem Platon nach dem Vorbild seines Lehrers Sokrates seine Schüler unterrichtet haben soll.
Charbagh
Das geometrische Prinzip mit Quadraten, Vierung, Achsen und einem Mittelpunkt findet sich auch in den altpersischen Gärten beim Charbagh, das je nach Umschrift auch Tschahar Bagh, Carbag oder persisch چهارباغ geschrieben wird. Übersetzt bedeutet der Begriff „vier Gärten“ und geht auf die Zeit von Kyros dem Großen (um 500 v. Chr.) zurück. Spätere Quellen verweisen auf irakische Relikte (um 800 n. Chr.), das Gartenbuch Irschad az-zira'a, Leitfaden der Landwirtschaft (etwa 1515) und persische Teppiche, die diese Paradiesgärten als vielfältig geschmückte Grundrisse zeigen.
Paradiesgarten und Verbreitung
Die Zahl Vier in Zusammenhang mit einer vollkommen symmetrischen und damit harmonischen Ordnung wird als spirituell-symbolischer Verweis auf das Paradies gedeutet. Die Zahlensymbolik resultiert aus der Genesis, dem Koran und dem Talmud, nach denen im Paradies vier Flüsse entspringen, die den Paradiesgarten in vier Teile gliedern.
Das Ordnungsprinzip des Charbagh verbreitete sich bis nach Indien, etwa in die Gartenanlage des Taj Mahal, und nach Spanien, in die Gärten von Sevilla, Córdoba und Granada. Von dort gelangte es in europäische Klöster, die damals als Orte und Hüter des Wissens dienten.
Schulgärten in Deutschland
Auf Furttenbachs Ideen aufbauend, legten kirchliche Lehrer und Pädagogen wie Johann Amos Comenius (1592-1670), Johann Julius Hecker (1707-1768), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und Friedrich Fröbel (1782-1852) Schulgärten in ganz Deutschland an. Diese dienten der Erziehung, oft mit religiösem Bezug, aber auch der praktischen Agrar- und Gartenarbeit sowie der Ernährung von Schülern, Lehrern und deren Familien.
Schulgärten im Ersten Weltkrieg: Notacker
Ratgeber aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, beispielsweise in der Staatsbibliothek Berlin archiviert, forderten dazu auf, Schulgärten als volkswirtschaftliche Ressource zur Minderung der Lebensmittelknappheit zu nutzen und auszubauen. In den sogenannten „Kriegs-Schulgärten“ sollte zugunsten des Gemüseanbaus auf botanische Abteilungen und Blumengärten verzichtet werden.
Brach- und Rasenflächen, Wiesen und Spielplätze sollten von den Schülerinnen und Schülern als sogenannte Notacker erschlossen werden. Dazu gehörte es, die Flächen von Steinen und anderen Hindernissen zu reinigen, sie anschließend zu pflügen und zu bepflanzen. Empfohlen wurde der Anbau von Mangold, Spinat, Rüben, Kohl, Karotten, Porree, Sellerie, Gurken, Zwiebeln und Bohnen. Die teilweise schwere körperliche Arbeit, tageweise aufgeteilt auf „Knaben- und Mädchenklassen“, galt als gesundheitsfördernd: „durch die Arbeit in der frischen Luft (werden) ihre Körper gekräftigt“ (zitiert nach Heinrich Förster: Der Kriegs-Schülergarten: ein Beitrag zur Frage der erziehlichen und volkswirtschaftlichen Bedeutung der Schülergärten; mit einem Wirtschaftsplan und anderen Beigaben, Leipzig 1916). Diese Sichtweise wiederholte sich später im Nationalsozialismus.
Schulgärten heute
Heute sind Schulgärten grüne Lernorte, die über die pädagogisch-didaktischen Zwecke von Gartenbau und Landwirtschaft hinaus Wissen zu Umwelt und Natur, Gesundheit und Ernährung, Artenvielfalt, Klimaschutz und Urban Gardening vermitteln. Furttenbach strenge Geometrie gilt als zu formal und einengend. Sie wurde durch spielerischere und naturnahe Organisationsformen ersetzt. Zahlreiche Institutionen, Vereine und Arbeitsgemeinschaften geben Tipps, fördern Pilotprojekte und veranstalten Workshops und Wettbewerbe, etwa die 2002 in Fulda gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten (BAGS), die Lenné-Akademie für Gartenbau und Gartenkultur sowie Landes-Ministerien und Behörden.
Das Altersspektrum der Schulgärten reicht von Kita-Kindern über Schülerinnen und Schüler von Grundschulen, Oberschulen und Gymnasien bis zu Auszubildenden in Berufs- und Fachschulen. Sie verbinden Theorie und Praxis in Fächern wie Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Erdkunde, Sachkunde, Kunst sowie Literatur im Deutschunterricht und in Fremdsprachen.
Freilandlabor
Neben dem Beobachten natürlicher Prozesse motivieren Schulgärten zu Tätigkeiten wie Graben, Säen, Umtopfen, Wässern, Düngen, Kompostieren, Schneiden und Ernten. Da auf giftige und dornige Pflanzen verzichtet werden sollte, bieten sich Kräuter, Beerensträucher, Gemüse, Stauden und Blumen beispielsweise in Hochbeeten oder als Topfgärten an. Kletter- und Rankgerüste können für Bohnen und Kürbissen gebaut werden, ebenso Nisthilfen für Vögel und Insektenhotels. Als Freilandlabor unterstützt ein Schulgarten zahlreiche Erkundungen und Experimente, wie beispielsweise die Demonstration von Saponinen, seifenartig aufschäumenden Substanzen aus dem Laub des Geweihbaums (Abb. 9 – 11).
Herausfordernd bleiben die Sommerferien, in denen sich freiwillige Arbeitsgruppen um den Garten kümmern müssen, und die Winter, da die meisten Schulgärten weder Abstell- oder Unterstellräume noch Gewächshäuser haben. Hier machen dann Topfgärten Sinn, deren Pflanzbehälter in die Schulräume getragen werden können. -sj
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