Sanierung wie im Flug

Baustellenbesuch beim ersten seriell sanierten Plattenbau Deutschlands

150 Leute mit weißen Helmen und neongelben Westen stehen staunend vor einem WBS70 in Ludwigsfelde, rund eine Zugstunde südlich von Berlin. Ein Stück Fassade schwebt durch die Luft, gehalten von einem Kran. Unten steht ein Bauarbeiter und führt das drei mal vier Meter große Element, zwei weitere nehmen es oben in Empfang und bringen es in Position. Ohne viel Lärm und Schmutz geht eine der ersten seriellen Sanierungen bei einem deutschen Plattenbau voran. An einem sonnigen Februartag war Gelegenheit, die Arbeiten zu begutachten und mit den Beteiligten zu sprechen, im Rahmen der Veranstaltung Energiesprong on Tour.

In Ludwigsfelde wurde Seeria Renova als Generalunternehmer beauftragt. Matek lieferte die Gebäudehülle, REMA war für die Haustechnik zuständig. BBP war als Generalplaner tätig.
Wenig Lärm und Dreck sowie die kurze Bauzeit sind die Vorteile der seriellen Sanierung, wie Bürgermeister Andreas Igel betonte.
Die WBS 70 in Ludwigsfelde sind in Großtafelbauweise entstanden und weisen einen dreischichtigen Wandaufbau auf mit einer Kerndämmung von gerade einmal  5 cm.

Seit einigen Jahren schon macht die Initiative Energiesprong, ins Leben gerufen von der Deutschen Energie Agentur (dena), das serielle Sanieren in Deutschland bekannt. Dazu bietet sie auch Exkursionen zu Baustellen an, begleitet von Vertreter*innen der beteiligten Wohnungsgesellschaften und Fassadenherstellern. In Ludwigsfelde dabei waren Frank Kerber von der Märkischen Heimat und Kaarel Väer, von Seeria Renova aus Estland. Es sprachen außerdem der Bürgermeister Andreas Igel, Robert Raschper aus dem Marktentwicklungsteam der dena, und Maren Kern, Vorsitzende des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU).

Im Rahmen einer seriellen Sanierung bekommen typenähnliche Gebäude eine zweite Fassadenschicht aus vorgefertigten Modulen. So erhalten sie neben einer zusätzlichen Dämmschicht auch neue Fenster – für Einsparungen bei den Heizkosten. Die Skaleneffekte machen das Verfahren kostengünstiger als Sanierungen mit individuell abgestimmter Planung und Ausführung. Ideale Voraussetzungen dafür bieten die standardisierten Plattenbauten Ostdeutschlands: Allein zehntausende des WBS 70 gibt es, darunter auch einige im Bestand der Märkischen Heimat.

Als eine energetische Sanierung auf dem Plan stand, reisten Vertreter*innen der Wohnungsgesellschaft nach Estland, wo es ebenfalls viele Plattenbauten gibt. In Tallinn besichtigten sie ein Pilotgebäude, das 2017 mit seriell gefertigten Fassadenelementen von Matek ausgestattet worden war. Das Holzbauunternehmen gründete mit der BBP Bauconsulting aus Berlin und der REMA Haustechnik aus Frankfurt/Oder den Generalübernehmer Seeria Renova. Gemeinsam sind sie nun in Ludwigsfelde tätig. Das estnisch-deutsche Team empfahl sich unter anderem aufgrund der kurzen Lieferzeit für den Auftrag.

Holzbau trifft Betonbau

Im Oktober 2024 begannen die Arbeiten in der Albert-Schweitzer-Straße. Zuallererst wurde ein Gerüst gestellt, damit die Vermesser*innen das Gebäude scannen und später die Konsolen für die Fassadenmodule anzeichnen konnten. Der Ludwigsfelder Pilot wurde 1983 fertiggestellt, ist 102 Meter lang und verfügt über fünf Vollgeschosse.

Die Bestandswände sind dreischichtig aufgebaut: Auf eine 15 cm starke Tragschicht folgen 5 cm Dämmung und schließlich eine 6 cm starke Wetterschutzschicht. Obwohl die Großtafeln standardisiert sind, sind sie nicht identisch. Ebenso sind Fugen und Fluchten nicht überall akkurat. Der Laserscan hilft, mit den Ungenauigkeiten umzugehen. Anhand der Punktwolke lässt sich iterieren, wie groß die Fenster- und Türöffnungen in den neuen Fassadenelementen sein müssen, damit statt hundert verschiedener nur drei bis vier Typen in Serie produziert werden können. 228 wurden für den Plattenbau in Ludwigsfelde benötigt.

Die 195 mm tiefen Holzrahmen sind mit Mineralwolle gedämmt. Außenseitig weisen sie eine hinterlüftete Verkleidung mit beige durchfärbten, 8 mm starken Faserzementplatten auf. Rückseitig ist eine zementgebundene Spanplatte montiert. Eine rund 60 mm dicke Steinwolleschicht gleicht die Unregelmäßigkeiten der Bestandswand aus. Insgesamt kommen 325 mm Fassadenaufbau hinzu. Fenster und Balkontüren sind dreifachverglast.

Montage im Schnellverfahren

Auf der Baustelle werden zunächst etwa auf Höhe der Deckenplatten Stücke aus der Bestandswand herausgeschnitten, um die Konsolen zu befestigen. Die dunkleren von ihnen verfügen über einen aufgeschweißten Bolzen zum Aufstecken des Fassadenelements. Die helleren Konsolen dienen zum Fixieren der Elementoberkante. Sind die Ankerpunkte gesetzt, kann das Gerüst abgebaut werden. Von nun an wird mit Kränen und Krankörben gearbeitet.

Jedes der Module wiegt rund eine Tonne. Je vier Stück sind zu einem Paket zusammengefasst und werden so per LKW zur Baustelle transportiert. Dort hebt sie ein Kran an das Gebäude heran. Die Arbeiten sind vergleichsweise wetterunabhängig. Bei starkem Wind müssen sie jedoch unterbrochen werden, weil dann die Elemente schwer zu kontrollieren sind.

Um möglichst wenig Baustellenbetrieb in den Wohnungen zu haben, entwickelte Seeria Renova ein ebenfalls vorgefertigtes Laibungselement. Ist die serielle Hülle außen montiert, können innen die alten Fenster ausgebaut werden. An ihre Stelle wird ein weißer Kunststoffrahmen eingesetzt und verklebt, der die Laibung und die raumseitigen Ränder der Öffnung abdeckt. So entsteht im Innenraum ein sauberer Übergang von der Bestandswand zum neuen Fenster. Für den Tausch benötigen die Bauarbeitenden lediglich wenige Stunden.

Mehr als Dämmung

Die Fassadenmodule stehen im Erdgeschoss nicht unmittelbar auf dem Boden. Stattdessen wird ein fast anderthalb Meter hoher Sockelbereich ausgebildet, ähnlich wie bei einem WDVS. Der Drempelanschluss erhielt eine Zellulose-Einblasdämmung. Neue Balkone und Eingänge mit schützenden Überständen werden die Fassade komplettieren. Darüber hinaus erhält der Plattenbau in Ludwigsfelde Photovoltaik-Module auf einem Teil der Dachflächen sowie im Keller eine Deckendämmung und neue Brandschutztüren. Zum Heizen wird weiterhin das kommunale Fernwärmenetz genutzt. Im Frühling 2025 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Hoffnung besteht, dass das Projekt zur Blaupause für die serielle Sanierung von Plattenbauten wird.

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Tragwerksraster, Ausbauraster und Fassadenraster können anhand der Außenwände erkennbar sein und so einen Eindruck vom Inneren des Gebäudes vermitteln.

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Elementfassade mit integriertem Sonnenschutz am Hegau Tower in Singen, Architekten: Murphy/Jahn

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Fassadentafeln aus Faserzement am Star Inn Hotel am Hauptbahnhof Wien

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