Sanierung und Umbau: Bürohaus Müllerstrasse in Zürich
Zirkuläres Bauen mit Beton und Aluminium
In der dicht bebauten Innenstadt Zürichs sieht man Fassaden stets nur ausschnittsweise. Die grauen Brüstungen und dunklen Fensterbänder des Bürohauses in der Müllerstrasse sind von gleich mehreren Gassen aus einsehbar. Was aussieht wie ein Relikt der 1960er-Jahre, ist tatsächlich das neue Gesicht des 1980 fertiggestellten Gebäudes. Unter Federführung von Ilmer Thies Architekten wurde es bis 2023 saniert und umgebaut – und dabei wurden zahlreiche Materialien aus dem Bestand wiederverwendet oder recycelt.
Das Gebäude setzt sich aus einem länglichen, leicht geknickten Riegel entlang der Straße und einem in den Block ragenden kurzen Fortsatz zusammen – die Kubatur lässt sich womöglich nur aus der Luft oder im Plan genau erfassen. Mit dem Erdgeschoss und den fünf Bürogeschossen darüber erreicht das Gebäude bereits die Firsthöhe des Nachbarhauses. Ein zurückversetztes Attikageschoss und ein mansardähnliches Technikgeschoss bilden den oberen Abschluss. Wie zuvor befinden sich auch heute im Erdgeschoss Veranstaltungsräume und ein Personalrestaurant und in den Geschossen darüber die Arbeitsplätze. Ebenso behielt man das Technikgeschoss und die Parkplätze in den drei Untergeschossen bei.
Die Bestandsfassade wies ein Raster aus Gussaluminiumplatten auf, dazwischen auf Brüstungshöhe unterteilte, spiegelnde Verglasungen. Über dem Erdgeschoss umrandete ein Pflanztrog das Gebäude und diente den Schaufenstern als Wetterschutzdach. In Obergeschossen verbarg sich hinter dem unteren Drittel der Glasflächen eine Betonbrüstung, sodass die außen angedeutete Offenheit im Innenraum kaum spürbar war. Ebenso wenig waren die abgerundeten Ecken der Fassadenplatten zu sehen.
Gut dokumentierter Rückbau
Das Betonskeletttragwerk bietet Wandlungsfähigkeit. Vier Stützenreihen verlaufen in Längsrichtung des Gebäudes. Zwischen den beiden mittleren liegt ein Strang boxartiger Sanitärräume und Teeküchen sowie Aufzugs- und Treppenkerne. Während sich an dieser Grundstruktur nichts änderte, verschwanden zahlreiche Glas- und Gipskarton-Trennwände, die den Raum zwischen den Betonkernen und der Fassade gliederten. Kleinteilige Büroräume galten für den neuen Mieter – den „Tech-Konzern“ Google – und künftige Interessenten als ungeeignet.
Der Rückbau erfolgte planvoll: Mithilfe des von Madaster entwickelten digitalen Katasters wurden die Bauteile und Produkte nach ihrer Lage im Gebäude klassifiziert sowie Massen, Ursprung, Vorbearbeitung und Lagerung der Materialien erfasst. Die Daten flossen in sogenannte Materialpässe ein, die im BIM-Modell des Gebäudes hinterlegt sind. Dadurch war es möglich, einerseits Wiederverwendungs- und Recyclingpotenziale zu erkennen und andererseits die Sanierungsmaßnahme zu bewerten und Bilanz zu ziehen. Die Zahlen sind schließlich Entscheidungshilfen für Planende und Bauherr*innen und auch für Gütesiegel und Zertifikate relevant. Die neuen Bauteilanschlüsse wurden möglichst so konstruiert, dass sie zerstörungsfrei rückbaubar sind.
Fort mit Trögen und Brüstungen
Beim Rückbau der innenliegenden Brüstungen, des umlaufenden Trogs und bei der Durchführung mehrerer Wand- und Deckendurchbrüche fielen mehr als 500 m3 Betonabbruch an. Einige Stücke wurden direkt vor Ort als Sitzbänke wiederverwendet. Den Rest transportierte man in ein Baustoffrecycling-Zentrum im 15 km entfernten Rümlang, wo er zerkleinert wurde.
Das Abbruchgranulat ließ sich zu Beton der Festigkeitsklasse C30/37 verarbeiten. Er findet sich in neuen Stützen und Wandabschnitten der Sanitärräume. Insgesamt wurden 585 m3 benötigt, davon rund 40 % RC-Beton. 70 Prozent des neu eingebrachten Betons wurden mit ausschließlich recycelter Gesteinskörnung hergestellt. Außerdem steckt Betonabbruch in den Terrazzoböden der Lobbys.
Fassade: Zugstäbe statt Brüstungen
Von den innenliegenden Betonbrüstungen befreit wirken die Büroräume heute offen und freundlich. Durch den Rückbau drohte jedoch die Durchbiegung der Deckenränder. Um das zu verhindern, entwickelten die Architekt*innen ein neues Sekundärtragwerk: Über dem 5. Obergeschoss umrandet ein Überzug die Deckenplatte. Von den mit Beton ausgegossenen Stahlträgern hängen Zugstäbe, an die die weiteren Deckenplatten anschließen. Jeweils vier verlaufen zwischen den Stützen des Betonskeletts.
Die Stäbe sind so filigran, dass sie in einer Ebene mit den neuen Fassadenprofilen liegen und dort verschwinden können. Im Attikageschoss wurden die tragenden Stahlstützen freigelegt und in das neue Fassadenraster eingepasst. Dieses vereinheitlichten die Architekt*innen so, dass es die Ungenauigkeiten des Bestands aufnehmen kann. Auf diese Weise ließ sich die Zahl der benötigten Element- und Glasgrößen reduzieren – ein bedeutender Kostenfaktor.
Aluminium und Glas im Kreislauf
Im Zuge des Umbaus wurde die bestehende Gussaluminiumverkleidung vollständig demontiert. Sie wurde jedoch nicht eingeschmolzen, aufgrund der Zusammensetzung und Verschmutzung der Legierung. Stattdessen teilte man die Paneele per Wasserstrahlschnitt neu auf und reinigte und schliff sie. Anschließend montierte man die Platten an der neuen Elementfassade. Dieses Mal wurden sie aber nicht verklebt, sondern mit einer Trägerstruktur verschweißt und aufgehängt – zwecks besserer Demontierbarkeit.
Die beim Zuschneiden angefallenen Reststücke bedecken heute die Decken- und Wandverkleidungen zweier Erdgeschosslobbys oder erhielten ein zweites Leben als Wegweiser. Einige Paneele wurden schließlich doch eingeschmolzen und neu in Form gegossen, um die nach dem Zuschnitt noch fehlenden Elemente für die neue Fassade herzustellen.
Aluminium und Glas von Fenstern und Innenausbau sowie die Stahlbleche an der Fassade des Mansardgeschosses wurden vollständig demontiert, getrennt und eingeschmolzen. Das für die neuen Fensterprofile verwendete Aluminium ist zu drei Vierteln recycelt, das Glas nur zu 20 %. Zum Einsatz kam ein Sonnenschutzglas, das sich dank Flüssigkristalltechnologie auf Knopfdruck dynamisch verdunkeln lässt. Auf diese Weise minimiert es die Erhitzung der Innenräume, ganz ohne zusätzlichen Sonnen-, Sicht- und Blendschutz.
Bautafel
Architektur: Ilmer Thies Architekten (Sanierung)
Projektbeteiligte: Basler & Hofmann (Statik, Bauningenieurwesen); Feroplan engineering (Fassadenplanung); Aepli Metallbau (Fassadenbau); Zehnder & Kälin (Akustik und Bauphysik); Mosimann & Partner (Elektroingenieur); Meier-Kopp (Lüftungsanlagen); Allco (Totalunternehmer); Brunner Strub + Partner (Abbrucharbeiten); Ammann & Thürlemann (Aufbereitung Gussaluminiumplatten; Dachrandabschlüsse); Brun del Re Terrazzo (Bodenbeläge); CSD Ingenieure (Begleitung und Beratung zur Nachhaltigkeit und SNBS-Zertifizierung)
Bauherr*in: Swiss Prime Site Immobilien
Standort: Müllerstrasse 16/20, 8004 Zürich, Schweiz
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Andreas Gehrke (Fotos); Ilmer Thies Architekten (Pläne)
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