Sanierung und Erweiterung des Fotomuseums Winterthur

Anbau mit wiederverwendeten Cortenstahlblechen

Als „Denkmaschine“ versteht sich das Fotomuseum Winterthur, betont Direktor Urs Stahel, der hier 1993 einen der progressivsten Orte für zeitgenössische Fotografie, visuelle Kultur und digitale Medien mitgegründet hat. Nach gut 30 Jahren Museumsbetrieb hat das ortsansässige Büro RWPA eine Sanierung und Erweiterung des heterogenen Gebäudebestands vorgenommen.

Die Erweiterung an der Nordwestecke hat eine Fassade aus Cortenstahlblechen.
Der historische Kopfbau an der Südwestecke wurde blau gefasst.
An der Südseite erleichtert eine Rampe den Zugang.

Das Fotomuseum befindet sich südöstlich der Altstadt am Standort der um 1877 errichteten Elastik-Weberei Ganzoni & Barthelts. Zwischen den beiden einst größten Textilfabriken Winterthurs gelegen – der Seidenstoffweberei Sidi im Norden und der Textilveredelung Carl Weber zur „Schleife“ im Süden – wirkt das Museumsareal auf 53 x 43 Metern vergleichsweise überschaubar. 

Als typische Verbindung von Produktion und Wohnen war es im 20. Jahrhundert aus vier heterogenen Gebäudeteilen zusammengewachsen: Im Süden, entlang der Grüzenstrasse, erstreckt sich das Webereigebäude von 1876. Es gliedert sich in einen dreigeschossigen, verputzten Kopfbau im Westen, den langen zweigeschossigen Produktionstrakt mit heller, elfachsiger Klinkerfassade und einen kleinen, eingeschossigen Anbau. Ostseitig kam hier bald ein Lager hinzu, das in den 1920er-Jahren durch ein dreigeschossiges Apretturgebäude in Klinker ersetzt wurde. Auf der Nordwestecke, an der Töpferstrasse, entstand 1905 ein Doppelhaus für den Weberei- und den Hausmeister.

Von der Weberei zum Kunstzentrum

Der Freiraum zwischen Wohnhaus und Lager wurde 1913 mit einer flachen, rund 22 x 22 Meter großen Produktionshalle bebaut, die ursprünglich mit drei Satteldach-Oberlichtern versehen war. Bis zur Schließung der Weberei 1956 folgten diverse kleinere Um- und Anbauten. Danach nutzten eine Papierfabrik und eine Schreinerei das Areal, bevor es sich ab 1989 zum Kulturort mit Tanz- und Fachveranstaltungen wandelte. Die Halle erhielt drei Shedsegmente. 1992 zog das Fotomuseum ein. 

Im Zuge der grundlegenden Standorttransformation wurden die einzelnen Bauteile zur Museumseinheit verbunden, wobei der südliche Weberei-Altbau mit seiner hellen Klinkerfassade bis heute das identitätsstiftende, denkmalrelevante Rückgrat zum Quartier bildet. Die Bereiche im Norden wurden stärker verändert und für den Museumsbetrieb modernisiert. In der Fabrikhalle ist ein großer Teil der alten Bausubstanz verschwunden. Für das Gebäudeensemble als Gesamtheit besteht kein Denkmalschutz.

Sanierung mit kleinen und großen Eingriffen

Dementsprechend erfolgte die aktuelle Sanierung und Erweiterung als differenzierte Intervention: ein sensibler Umgang mit dem alten Webereigebäude und weiterreichende Eingriffe im nördlichen Bereich und im Inneren. Das Doppelwohnhaus an der städtebaulich markanten Nordwestecke zur Töpferstrasse wich einem gut 300 Quadratmeter großen Erweiterungsbau mit einer Holzkonstruktion auf einem Recyclingbeton-Sockel. Dieser beherbergt einen zweiten Ausstellungsraum und fügt sich mit einer patinierten Cortenstahl-Fassade in das industriell geprägte Umfeld ein.

Durch den Teilabbruch einer Geschossdecke schufen die Architekten ein lichtdurchflutetes Foyer. Der Ausstellungsraum im ehemaligen Webereisaal sowie Kasse und Museumsshop sind an ihren bisherigen Orten verblieben. Neu hinzu kamen unter anderem Workshopräume, ein multifunktionaler, mietbarer Salon mit Küche sowie Wohnungen im Dachgeschoss des Webereigebäudes. Abgesehen von der nordwestseitigen Erweiterung ist die äußere Erscheinung des Bestands weitgehend unverändert. Der Kopfbau im Südwesten ist nun in mattem Graublau gefasst. Hinzugefügt wurden etwa ein spiegelndes Vordach und eine barrierefreie Zugangsrampe an der Südseite.

Fassade: Trapezbleche aus Oberwinterthur

Eine zentrale Rolle beim Fassadenkonzept spielte der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit. Deshalb wurden für die Hülle der nordwestlichen Erweiterung 250 Quadratmeter Cortenstahl-Trapezblech wiederverwendet. Das Material stammt von dem 2022 rückgebauten Schulhaus Wallrüti in Oberwinterthur, vier Kilometer nordöstlich des Museums. 1973 war das Schulhaus als innovativer Stahlbau nach einem Entwurf von Heinrich Irion und Dieter Egli errichtet worden. Die Entscheidung zum Schulabriss fiel aufgrund von statischen Problemen – allerdings erst nach heftigen Debatten.

Der Kubus der Museumserweiterung grenzt zu einem Drittel seiner Hülle an den Bestand. Die übrigen, im Stadtraum wirksamen zwei Drittel wurden mit den wiederverwendeten Fassadenblechen des Schulhauses verkleidet. Diese sind auf eine horizontale Lattung vor vertikaler Konterlattung zur Hinterlüftung geschraubt. Feuerverzinkte, auf die Konterlattung geschraubte Stahlprofile bilden den Sockel- und Dachabschluss und gliedern zudem die Fassade in zwei unterschiedlich hohe Bereiche. Als Randabschluss wurden neue Cortenstahl-Eckprofile hinzugefügt.

Wiederverwendung mit Hürden

Vielfältige Herausforderungen ergaben sich bei der Materialbeschaffung und Koordination der Abläufe des Re-Use-Projekts: So musste die Bauherrschaft überzeugt werden, das andernorts zu demontierende Material noch vor der Ausschreibung und somit vor Auswahl der ausführenden Unternehmen zu kaufen. Zudem musste eine Lösung für eine zweijährige Einlagerung der Cortenstahlbleche her. Die Erfahrung der Architekten zeigt, dass selbst in der Schweiz – die als Vorreiterin für zirkuläres Bauen gilt – administrative Prozesse, Planung und Bauabläufe noch verbesserungswürdig sind. Immerhin werden Re-Use-Projekte zunehmend umgesetzt, nicht nur in der Schweiz.

Bautafel

Architektur: RWPA, Winterthur 
Projektbeteiligte: Dürsteler Bauplaner, Winterthur (Bauleitung), Preisig Bauingenieure, Winterthur (Tragwerkplanung), Marquart Elektroplanung, Winterthur (Elektroplanung), Balzer Ingenieure, Winterthur (Gebäudetechnik), aundb, Winterthur (Bauphysik), P-Planing, Balterswil-Bichelsee (Brandschutz), Robin Winogrond, Zürich (Landschaftsarchitektur), mati, Adliswil (Lichtdesign)
Bauherr*in: Stiftung Fotomuseum Winterthur
Fertigstellung: 2025
Standort: Grüzenstrasse 44, 8400 Winterthur, Schweiz
Bildnachweis: Lucas Peters, Zürich (Fotos); RWPA, Winterthur (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Edelstahlfassade am Neuen Zollhof 2 in Düsseldorf; Architektur: Frank O. Gehry

Edelstahlfassade am Neuen Zollhof 2 in Düsseldorf; Architektur: Frank O. Gehry

Materialien

Stahl, Edelstahl, Cortenstahl

VHF am Baustofflabor der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur

VHF am Baustofflabor der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur

Fassadenarten

Vorgehängte hinterlüftete Fassaden (VHF)

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Fassade sponsored by:
MHZ Hachtel GmbH & Co. KG
Kontakt  0711 / 9751-0 | info@mhz.de