Sanierung eines Mehrfamilienhauses in Barcelona

Jeder Raum ein Muster

Kontinuität und Störung des Bestands – so überschrieb das Architekturbüro Vora seine Intervention in einem historischen Mehrfamilienhaus in Barcelona. Das nach seiner Adresse benannte Objekt Vallirana 47 befindet sich im Nordwesten der Stadt an einer ruhigen, kleinen Straße und wird zu beiden Seiten von den Brandwänden der Nachbarbauten begrenzt. Linkerhand des schmalen, zur Straße hin dreigeschossigen Hauses schließt ein fünfgeschossiges Eckgebäude an, zur Rechten zählt der Nachbar hingegen nur zwei Geschosse.

Der Baukörper erstreckt sich weit in die Tiefe des Blocks und beherbergt in den oberen Stockwerken jeweils zwei langgestreckte, hintereinander angeordnete Wohnungen. Im Parterre ist vorne ein kleiner Laden untergebracht, dahinter liegt eine weitere Wohnung.
Die Anschrift gab dem Objekt seinen Namen.
Alle fünf umgestalteten Wohneinheiten sind über ein zwischen den Gebäudeteilen befindliches Treppenhaus erreichbar.

Der Baukörper erstreckt sich weit in die Tiefe des Blocks und beherbergt in den oberen Stockwerken jeweils zwei langgestreckte, hintereinander angeordnete Wohnungen. Im Parterre ist vorne ein kleiner Laden untergebracht, dahinter liegt eine weitere Wohnung. Der rückwärtige Gebäudeteil ist um ein Geschoss höher, ein dort auf der obersten Etage gelegenes Apartment war nicht Bestandteil der Sanierungsarbeiten. Alle fünf umgestalteten Wohneinheiten sind über ein zwischen den Gebäudeteilen befindliches Treppenhaus erreichbar.

Die Wohnungen umfassen vier bzw. viereinhalb Zimmer und zeichnen sich durch ihre farbintensiven, historischen Zementfliesenböden aus, die alle restauriert werden konnten. Zementfliesen sind nicht glasiert, sondern durchgefärbt, sodass man sie abschleifen und polieren kann. Eine weitere Besonderheit, die von den Planenden herausgearbeitet wurde, sind die massiven, gemauerten Kappendecken vieler Räume. Die aus dem klassischen Tonnengewölbe heraus entwickelte Kappendecke besteht im Schnitt aus der Aneinanderreihung von Kreissegmenten, die auf Stahlträgern oder als Träger verwendeten Eisenbahnschienen aufliegen.

Kontinuität durch Brüche
Die Intervention von Vora bestand insbesondere darin, den ursprünglichen Grundriss in weiten Teilen aufzulösen, um ihn heutigen Bedürfnissen anzupassen und mehr Offenheit und Helligkeit in die Räume zu bringen. Dazu entfernten die Verantwortlichen einige der Zwischenwände oder versetzten diese – teilweise nur um weniger als einen Meter.

Augenfällig wird dies jedoch durch die ornamentalen Fliesenböden. Diese unterschieden sich im originalen Grundriss von Raum zu Raum sowohl in ihrer Farbigkeit als auch im Muster. Die reich ornamentierte Mitte wird dabei von einem unifarbenen Rand gefasst, ähnlich einem Teppich. Durch die heutige, neue Raumaufteilung befinden sich neben dem Muster, dass das Zimmer ursprünglich prägte, oft Teile eines anders gemusterten Bodenbelags, der ehemals im benachbarten Raum zu finden war. An anderer Stelle wiederum verläuft eine neue Wand mitten durch das Ornament.

Diese zunächst rücksichtslos anmutende Störung des Bestands führt letztlich zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit gegenüber den historischen Fliesen und hebt dort, wo verschiedene Muster aufeinandertreffen, ihre Vielfältigkeit erst richtig hervor. Wo unterhalb der ehemaligen Wände Teile des Bodens fehlten, wurden Passstücke aus schlichtem weißem Marmor ergänzt. Diese bilden einen so deutlichen Kontrast zu den bunten, ornamentalen Zementfliesen, dass der einstige Grundriss stets präsent ist. Die neu gezogenen Wände enden zudem auf Höhe der Deckenzierleisten, sodass die historischen Kappendecken frei liegen. Dadurch sind die Zimmer durch einen gemeinsamen Luftraum unterhalb der Decken verbunden und damit akustisch nicht mehr voneinander getrennt.

Neu und Alt treten nicht in Konkurrenz
Die Planenden fügten den historischen Räumen nur wenig Neues hinzu. Einbauten, wie die Küchenzeilen oder die Sanitärkeramik, geben sich dann allerdings eindeutig als zeitgenössisch zu erkennen. So erhielten die Küchen schlichte, weiße Schränke, deren Fronten zum Teil feine, gefräste Linienmuster aufweisen, und eine Arbeitsplatte aus weißem Marmor mit markanter schwarzer Äderung.

Die hier neu verlegten, quadratischen weißen Wandfliesen aus Keramik sind im Unterschied zu den alten Bodenfliesen glänzend glasiert und weisen in Teilen das gleiche grafische Muster auf wie die Schrankfronten – allerdings nicht als Umrisslinie, sondern als sonnengelbe Fläche. Einige Materialien und Ornamente, die die Kücheneinbauten bestimmen, finden sich nach der Modernisierung auch in den Bädern. So etwa die Wandfliesen; allerdings ist das Muster an dieser Stelle nicht in Gelb, sondern in Graugrün gehalten.

Obwohl diese grafischen Elemente sehr modern wirken, basieren sie auf der Struktur alter, metallener Gitter des Hauses. Auch hier lenkt gerade der grobe Bruch in der Gestaltung die Aufmerksamkeit auf den historischen Bodenbelag. Für das Planungsteam von Vora ist es die Dichte von Wahrnehmungs- und Informationsschichten, die für Komplexität und Vibrationen in den Räumen sorge. -sas

Bautafel

Architektur: Vora, Barcelona
Projektbeteiligte: Eskubi-Turró Arquitectes, Barcelona (Statik); Cerámica Cumella, Granollers (Sonderanfertigung Wandfliesen Küchen und Bäder)
Bauherrschaft: Pontejos Conservación y Preservación, Madrid
Fertigstellung:
2018
Standort: Carrer de Vallirana 47, 08006 Barcelona, Spanien
Bildnachweis: Adrià Goula, Barcelona

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