Restaurant La Sastrería in Valencia

Fliesen, Meer und Regionalbezug

Der Stadtteil Cabanyal-Canyamelar zählt derzeit wohl zu den angesagtesten Gegenden Valencias. Das ehemalige Fischerörtchen zeichnet sich durch labyrinthartige Gassen und pittoreske Häuser mit farbenfroh gefliesten Fassaden aus. Die Hektik der Großstadt bleibt hier außen vor, fast familiär wird es sogar, wenn die Anwohnerinnen und Anwohner ihre Plastikstühle auf die Gehwege stellen und sich so zu geselligen Runden im Freien zusammenfinden. Die junge Genration belebt das Viertel zudem durch Kunst und Kultur, was sich auch in der Gastroszene widerspiegelt – wie in vielen Metropolen wird auch hier die traditionelle, regionale Küche wiederentdeckt und zeitgemäß interpretiert. Zu erleben ist dies auch in dem Restaurant La Sastrería von Chefkoch Sergio Giraldo und Barkeeper Cristóbal Bouchet.

Der vordere Bereich des Lokals, der die Bar beherbergt, wird durch tresenartige, geflieste Tische mit Hochstühlen geprägt.
Kleine, quadratische und glänzend glasierte Fliesen – maßgefertigt für dieses Projekt – in den Farben Olivgrün und Weiß, wurden zu einem Schachbrettmuster angeordnet und bekleiden Tischplatten und -fronten.
Fliesen des gleichen Formats in Nachtblau und Weiß ergeben an der Wand dahinter ein vertikales Linienmuster.

In die Gestaltung des zweigeteilten Fischrestaurants mit Bar, für die die ortsansässige Designagentur Masquespacio verantwortlich zeichnet, floss eine gute Portion Regionalbezug ein. Im Außenbereich können die Gäste auf salonfähigen weiß-blauen Plastikstühlen Platz nehmen – in Anlehnung an die Stühle, die spontan auf die Straßen gestellt werden. Die Farben sind bereits an dieser Stelle ein Verweis auf die nahe Balearische See, das Innere unterliegt dann vollständig dem Konzept des Maritimen. Eine prägende Rolle spielen dabei keramische Fliesen.

Historische Fassaden und tosende Gischt im Raum

Der vordere Bereich des Lokals, der die Bar beherbergt, wird von einem langen, tresenartigen und gefliesten Tisch mit Hochstühlen dominiert. Kleine, quadratische und glänzend glasierte Fliesen – maßgefertigt für dieses Projekt – in den Farben Olivgrün und Weiß, wurden auf der Spitze stehend zu einem Schachbrettmuster angeordnet und bekleiden Tischplatten und -fronten. Fliesen des gleichen Formats in Nachtblau und Weiß ergeben an der Wand dahinter ein vertikales Linienmuster. Am Bartresen hingegen finden sich wieder olivfarbene und weiße Fliesen verschiedenen Formats und in einer Vielzahl von Verbänden und Mustern. Zur Ruhe kommt das Auge hier nicht. Das Vorbild ist mehr als offensichtlich: Der Bereich erscheint durch diese Gestaltung wie eine Erweiterung des Straßenraumes, als wären die historischen Fassaden in den Raum hineingewachsen.

Tritt man durch die Tür am Ende der Bar, sieht man sich direkt der offenen Küche gegenüber, in der Sergio Giraldo Meeresfrüchte zubereitet. Sandfarbene und dunkelblaue quadratische Fliesen mit einer Kantenlänge von 15 Zentimetern erzeugen hier eine riesige, am Boden beginnende Welle, die die Wände emporwächst und in einer kleinteiligen, keramischen Skulptur gipfelt, die von der Decke hängt – die spritzende Gischt, wenn man so möchte. Die Fliesen sind handgefertigt; dies kommt in den unebenen Oberflächen und den changierenden Glasuren zum Ausdruck, die im Blau auch silbrig und grün schimmernde Anteile aufweisen. Das Licht bricht sich auf der glänzenden Keramik ebenso unregelmäßig und mit zum Teil starken Reflexen wie auf der Oberfläche eines leicht bewegten Meeres. Auch die Decke ist wellenförmig verspiegelt und verstärkt die Lichtreflexionen zusätzlich.

Der Küchenbereich geht fließend in den zugehörigen Gastraum über, der deutlich intimer ist als der Barraum im vorderen Teil des Lokals. Hier nehmen die gepolsterten hohen Rückenlehnen in Grau, Blau und Türkis, die zugleich als Raumtrenner dienen, die Wellenform auf. Die eigens entworfenen Holzstühle sollen an die alten Fischerboote erinnern, die früher das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner prägten – das ist plakativ und nah am Kitsch, funktioniert aber und wirkt stattdessen verspielt, hip und glamourös zugleich.

Rettung in letzter Minute

Kaum vorstellbar, dass dieses lebendige Quartier beinahe dem seit Dekaden existierenden Plan der Stadt, die Avenida Blasco Ibáñez von der Innenstadt Valencias durch Cabanyal-Canyamelar bis zum Meer zu verlängern, zum Opfer gefallen wäre. 2010 genehmigte die Regierung der damaligen Bürgermeisterin Rita Barberà den Abriss von rund 1.700 der historischen Häuser, deren Besitzer und Besitzerinnen bereits seit 2007 enteignet worden waren. Schließlich verhinderten Bürgerinitiativen und Gerichte das Vorhaben. Nachdem Barberàs Partei die Kommunalwahlen 2015 verlor, legte der neue linke Gemeinderat um Bürgermeister Joan Ribó die Abriss- und Ausbaupläne für die Avenida Blasco Ibáñez auf Eis. Stattdessen haben sich die Regierenden die Wiederbelebung des Stadtteils Cabanyal auf die Fahnen geschrieben, und zwar durch die Sanierung und den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen. -sas

Bautafel

Architektur: Masquespacio, Valencia
Projektbeteiligte: ATG desarrollos (Generalunternehmer); Vicente Camp, Valencia (Produktion der handgefertigen Fliesen im Gastraum und Keramikskulptur); Leopoldo Mora, Valencia (Fliesen im Barbereich)
Bauherr/in: La Sastrería
Fertigstellung:
2020
Standort: Carrer de Josep Benlliure, 42, 46011 València, Spanien
Bildnachweis: Masquespacio, Valencia

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