Rasterfassade

Geometrisches Ordnungsprinzip

Eine Rasterfassade basiert, wie der Name schon sagt, auf einem Raster – einem Ordnungssystem, das auf strengen mathematisch-geometrischen Regeln beruht. Je nach Definition wird es als Geflecht, Gitter, Gitternetz oder Grid bezeichnet und besteht aus einer theoretisch unbegrenzten Anzahl von jeweils parallelen horizontalen und vertikalen Linien, die Kreuzungspunkte und rechtwinklige Felder erzeugen. In Varianten kann dieses Gitter aus polygonalen Feldern wie Dreiecken und Sechsecken bestehen, zwei- und dreidimensional sein sowie planeben oder gekrümmt.

Rhythmus und Akzente entstehen durch Wechsel von Transparenz und Opazität, Enge und Weite sowie Farbe und Materialität. Im Bild: Skyscraperbaustelle in New York City
Die Kritik an Rasterfassaden reicht vom Vorwurf der Einfallslosigkeit, stereotypischer und unwirtlicher Maßstabslosigkeit bis zu totalitärer Monumentalität.
Parametrische Entwürfe und Bauten bilden die Ausnahme. Im Bild: Wohnhochhaus Via 57 West, New York City, Architektur: BIG

Prinzip

Bei Rasterfassaden wird überwiegend ein zweidimensionales, planebenes, orthogonales Raster verwendet. Parametrische Entwürfe und Bauten bilden die Ausnahme. Das Raster wird als Schicht oder Layer aus Hilfslinien erstellt, das auf die Gebäudekubatur gelegt und sich aus- und einblenden lässt. Die Ausführung erfolgt als nichttragende Vorhang- oder Elementfassade. Die Rasterlinien entsprechen in der Regel Pfosten und Riegeln, die das konstruktive Skelett aus Decken und Stützen bilden. Je nach Spannweite entstehen so engere oder weitere Gitter, kleinere oder größere Felder.

Die Felder werden wahlweise mit transparenten Flächen wie Fenstern oder Fenstertüren ausgefacht, oder mit opaken Verkleidungen wie Metallpaneelen. Rhythmus und Akzente entstehen durch den Wechsel von Transparenz und Opazität, Enge und Weite, Farbe und Materialität etwa beim Sonnenschutz. Rasterfassaden können mit dreidimensionaler Tiefe bis nahezu glatter Oberfläche ausgeführt sein.

Ordnung, Kritik, Effizienz

Die serielle Wiederholung gleicher Feldgrößen schafft Ordnung, Ruhe und Klarheit, wird aber oft als monoton empfunden. Die Kritik an Rasterfassaden reicht von Einfallslosigkeit, über stereotype und unwirtliche Maßstabslosigkeit bis zu totalitärer Monumentalität. Ihre Vorteile liegen in der Kombination meist hoher Stückzahlen von Fenstern und Paneelen mit der Möglichkeit der Vorfertigung und dem Verzicht auf Sonderanfertigungen. Das spart Zeit bei Produktion und Montage und senkt die Baukosten – ein Prinzip, das mit Fließbandfertigungen und Montagestraßen im Maschinen- und Anlagenbau vergleichbar ist.

Mathematik und Geometrie

Entgegen landläufiger Meinung sind Raster und Rasterfassaden keine Erfindung der Moderne ab den 1920er-Jahren oder der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er-Jahren. Schon in der griechischen und römischen Antike wurden Rechteckraster genutzt. So plante beispielsweise der griechische Mathematiker und Philosoph Hippodamus von Milet (etwa 500 v. Chr.) Städte wie Milet und Priene mit rasterartigen Grundrissen. Rechteckige Felder waren für den Bau von Häusern vorgesehen, die Linien markierten Wege und Straßen, Leerfelder formten Plätze.

Möglicherweise ist dieses Prinzip der Landvermessung und Aufteilung noch wesentlich älter, mit Wurzeln in frühen arabischen und indischen Kulturen. Es findet sich weltweit in so unterschiedlichen Städten wie New York, Barcelona oder Peking.

Descartes, Durand, Le Baron Jenney

Im 17. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und des Rationalismus, griff der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) diese geometrischen Regeln auf. In seinem 1637 veröffentlichten Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la verité dans les sciences (Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen) verband er arabische Zahlenlehre, Algebra und Geometrie. Sein nach ihm benanntes kartesischen Koordinatensystem aus Nullpunkt, x- und y-Achse nutzen wir bis heute, etwa zur Beschriftung von Flächen in Grundrissen und Schnitten.

Jean-Nicolas-Louis Durand (1760–1834), französischer Architekt und Architekturtheoretiker, entwickelte Descartes’ Prinzip weiter. Er schuf modulare Elemente für die Architektur und veröffentlichte 1802 eine Sammlung kommentierter Tafeln mit Rastern und seriellen Fassadenelementen in der Publikation Précis des lecons d'architectures données à l’École Polytechnique (Zusammenstellung der Architekturvorlesungen an der polytechnischen Hochschule). Damit gilt er als Urahn für die Vorfertigung und Montage mittels Rastern in der Architektur.

Der US-amerikanische Architekt William Le Baron Jenney (1832-1907), der als Erfinder der Stahlbeton-Wolkenkratzer gilt und in Paris als Kommilitone von Gustave Eiffel Architektur studierte, erlernte dort Durands Schriften und Tafeln. Zurück in Chicago übertrug er Durands Ideen auf die Fassaden von Hochhäusern und war damit der erste, der Rasterfassaden realisierte. -sj

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Beim Begriff Fensterband handelt es sich um eine meist waagerechte Aneinanderreihung von Fenstern, die nur durch Rahmen, Pfosten oder schmale Blindfenster unterbrochen sind (im Bild: zeitgenössische Fensterbänder, Berlin, Gewers Pudewill, 2020).

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