Produktionsgebäude in Breitenwang

Solarstrom und Klimatisierung mit Grundwasser

In der üppig bewaldeten Bergwelt von Tirol, im Breitenwanger Ortsteil Kreckelmoos, wurde ein nachhaltiges Produktionsgebäude für den Hersteller von Zerspannungswerkzeugen und Hartstofflösungen Ceratizit nach Plänen von ATP Architekten und Ingenieure errichtet. Das 220 m lange und 85 m breite Gebäude reagiert architektonisch auf die Umgebung und nutzt zur Beheizung, Kühlung und Belüftung der Innenräume zum Großteil vor Ort gewonnene Energie. Sogar ein ausgetrocknetes Biotop in direkter Nachbarschaft wurde dadurch wiederbelebt.

Die Planenden entwickelten ein Konzept zur thermischen Nutzung des vorhandenen Grundwassers, zur Begrünung des 15.000 m² großen Dachs und für Revitalisierungsmaßnahmen der umgebenden Landschaft.
Auf dem Dach befindet sich eine ist PV-Anlage mit einer Leistung von 380 kWp, deren Strom direkt vor Ort genutzt wird.
Innen befinden sich sieben großzügige Produktionshallen, das Tragwerk besteht zum Großteil aus reinen Holzbauteilen.

Die neue Produktionshalle liegt nur rund einen Kilometer vom Stammwerk und Mutterkonzern Plansee in Reutte entfernt und ist zur betriebsinternen Erschließung über einen bestehenden Güterweg mit ihm verbunden. Zwischen den beiden Gebäuden verlaufen die Fernpassstraße B179 und eine eingleisige Bahnlinie. Das Grundstück für den Neubau lag jahrelang brach und war eine unansehnliche Deponie, die im Zuge der Bebauung beseitigt wurde. Der Neubau schützt die Anwohner außerdem vor dem Lärm der stark befahrenen Bundesstraße.

Bergwelt als gestalterisches Vorbild

Das Ziel des Entwurfsteams von ATP war es, das Gebäude harmonisch in die Umgebung einzufügen und gleichzeitig eine hohe Flexibilität für die Produktion zu ermöglichen. So ist ein teils dreigeschossiges Gebäude mit klar ablesbarem Sockelgeschoss entstanden, in dem sich insgesamt sieben Hallen befinden. Die Gestaltung versteht das Planungsteam dabei als Analogie zur schroffen Tiroler Bergwelt: Das Sockelgeschoss aus Stein bildet die solide Basis des Baukörpers, die durchgängige Holzfassade ist eine Reverenz an die umgebenden, heimischen Wälder. Die gut 11.000 Quadratmeter große Fassade aus Fichtenholz ist horizontal gegliedert.


Schwebende Holzboxen

Der Innenraum ist durch eine ausgeprägte Mittelzone in Längsrichtung strukturiert, in der die technische Versorgung erfolgt und die das Gebäude wie eine Art Rückgrat in zwei Hälften teilt. Imposante Holzfachträger ermöglichen mit ihrer Konstruktionshöhe von 4,20 Meter ein zusätzliches Zwischengeschoss, das Raum für die notwendigen Technikbühnen der jeweiligen Produktionsbereiche, für die Lüftungsgeräte sowie für insgesamt 16 Büros, vier Besucher- und zwei Brotzeiträume bietet. Von diesen schwebenden Holzboxen aus haben die Mitarbeitenden einen exklusiven Blick in die Hallen, die durch Holz, Beton und Technik geprägt sind. Die Konstruktion besteht aus einer massiven Fertigteil- und Ortbetonstruktur sowie weit spannenden Holzfachwerkträgern. Ein Großteil der Decken und das Dach bestehen aus Kreuzlagenholz.

Solarstrom für den Eigenverbrauch

Das 15.000 Quadratmeter große Dach der Produktionshalle ist extensiv begrünt, was mehrere Vorteile mit sich bringt: Das Grün schützt nicht nur vor Regen und Hagel, was die Lebensdauer der Dachabdichtung erhöht, sondern trägt auch zur Verbesserung des Mikroklimas bei, indem die Bildung von Hitzeinseln verhindert wird. Dies wirkt sich auch auf das Innenraumklima aus und senkt den Energiebedarf für die Temperierung der Räume. Auf dem Dach befindet sich zudem eine Photovoltaikanlage, die eine Bruttogesamtfläche von rund 1.880 m² und eine Leistung von 380 kWp hat. Die Anlage erzeugt jährlich etwa 480.000 kWh Strom, der direkt im Gebäude genutzt wird.


Grundwasser für die Heizung

In derartigen Produktionsstätten entsteht allein durch die Maschinen eine beachtliche Menge an Wärme, hier besonders durch die Druckluftkompressoren. Deren Abluft wird jedoch nicht wie üblich weggekühlt oder in die Atmosphäre entlassen, sondern aktiv zur Beheizung des Gebäudes genutzt. Zum Beispiel wird damit die Zufahrtsrampe eisfrei gehalten. Zusätzlich wurde ein spezielles System zur Gewinnung von Wärmeenergie aus der Umwelt entwickelt, das sich die Besonderheiten des Ortes zunutze macht: Um einen künstlichen Rückstau des Grund- und Hangwassers zu verhindern, sind unter dem Fundament Drainageleitungen angeordnet, mit denen das anfallende Wasser gesammelt und abgeleitet wird.

Dieses Drainagewasser wird ganzjährig zur thermischen Energiegewinnung genutzt, im Sommer zum Free Cooling und im Winter zum Betrieb von Wärmepumpen zur Beheizung der Innenräume. Die Abgabe der Wärme bzw. Kälte an die Räume erfolgt je nach Anforderungen über Heizungen, Radiatoren oder eine Raumlüftung mit Deckeninduktionsauslässen und Umluftgeräten. Die Wasserdrainage hat einen weiteren positiven Effekt: Durch das Ableiten des überschüssigen Wassers in den nördlich gelegenen Grünlandbereich konnte ein nahegelegenes, ausgetrocknetes Biotop wiederbelebt werden. -tg

Bautafel

Architektur: ATP architekten und ingenieure, Innsbruck
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Passer & Partner, Ziviltechniker, Innsbruck (Siedlungswasserbau); Nessler Ziviltechniker, Lechaschau (Unterführungsbauwerk); tPH Consulting, Hall in Tirol (Bauphysik und Schallschutz); Geo-Consult Allgäu, Blaichach (Bodengutachten); Geotechnik Henzinger ZT, Wattens (Baugrubensicherung); i.b. Eder – Ingenieurbüro für Biologie, Absam (Biologische Baubegleitung)
Bauherr*in: CERATIZIT Austria, Kreckelmoos Gem. Breitenwang
Fertigstellung: 2023
Standort: Planseestraße, 6600 Breitenwang, Österreich
Bildnachweis: ATP / Tom Bause, Innsbruck

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