Planen und Gestalten mit tragenden Lehmsteinen

Von der Ausnahme zur Regelbauweise

Lange waren tragende Lehmbauten auf Einzelzulassungen, Sondernachweise oder die Lehmbau-Regeln angewiesen. Mit der DIN 18940: Tragendes Lehmsteinmauerwerk - Konstruktion, Bemessung und Ausführung wurde erstmals eine Bemessungsnorm für tragendes Lehmsteinmauerwerk geschaffen. Sie orientiert sich an etablierten Mauerwerksnormen und berücksichtigt gleichzeitig die materialspezifischen Eigenschaften von Lehm.

Lehmsteinmauerwerk wird auf einer Aufkantung aus wasserbeständigen Baustoffen mit horizontaler Sperrschicht errichtet.
Außenwände benötigen darüber hinaus einen dauerhaften Witterungsschutz, beispielsweise durch hinterlüftete Fassaden oder geeignete Außenputze.
Besonders naheliegend ist die Kombination mit Holz. Auch Tür- und Fensterstürze lassen sich in Holz ausführen, wenn auf klassische Mauerwerksbögen verzichtet werden möchte.

Dadurch wird Lehmsteinmauerwerk zu einer planbaren Option für den modernen Hochbau. Die Norm definiert Anforderungen an Baustoffe, Konstruktion, Bemessung und Ausführung und schafft damit die Grundlage für den Einsatz tragender Lehmwände bis zur Gebäudeklasse 4. Für Architekt*innen, Tragwerksplaner*innen und Genehmigungsbehörden entsteht somit ein gemeinsamer Regelrahmen, der den Einsatz von Lehmsteinen im Neubau erheblich vereinfacht und die Integration in etablierte Planungsprozesse ermöglicht.

Tragendes Lehmsteinmauerwerk in der Planungspraxis

Die Planung tragender Lehmsteinbauten folgt in vielen Punkten den bekannten Prinzipien des Mauerwerksbaus. Besondere Aufmerksamkeit gilt jedoch dem konstruktiven Feuchteschutz. Lehmsteinmauerwerk wird auf einer Aufkantung aus wasserbeständigen Baustoffen mit horizontaler Sperrschicht errichtet. Das Mauerwerk wird dadurch dauerhaft vor aufsteigender Feuchtigkeit geschützt und gewissermaßen „aus dem Wasser gehoben“ – ein Konstruktionsprinzip, das auch aus dem Holzbau bekannt ist.

Außenwände benötigen darüber hinaus einen dauerhaften Witterungsschutz, beispielsweise durch hinterlüftete Fassaden oder geeignete Außenputze. Während der Bauphase muss dieser Schutz temporär ersetzt werden. Einhausungen oder das regelmäßige Abdecken der Wände gehören deshalb zum üblichen Bauablauf. Die zusätzlichen Schutzmaßnahmen erhöhen zwar den Aufwand während der Bauphase, sichern jedoch die Qualität, Dauerhaftigkeit und Wiederverwendbarkeit des Baustoffs.

Verarbeitung von Lehmsteinen

Die Verarbeitung der Lehmsteine folgt bekannten Prinzipien. Sie werden ähnlich vermauert wie Ziegel, benötigen aufgrund ihrer geringeren Druckfestigkeit jedoch teilweise größere Wandquerschnitte. Gleichzeitig bietet Lehm praktische Vorteile auf der Baustelle. Lehmmörtel bindet nicht hydraulisch ab und kann auch nach längeren Standzeiten durch Wasserzugabe erneut verarbeitet werden. Materialverluste lassen sich dadurch deutlich reduzieren. Hinzu kommen die positiven baubiologischen Eigenschaften von Lehm: Er enthält keine problematischen Zusätze, verursacht keine relevanten Emissionen und erfordert bei der Verarbeitung keine besonderen Schutzmaßnahmen. Die Baustelle ist damit bereits während der Errichtung von einem natürlichen und wohngesunden Baustoff geprägt.

Konstruktive Anschlüsse und Holz-Lehm-Kombinationen

Die DIN 18940 schafft nicht nur Planungssicherheit für die Tragwerksplanung, sondern definiert auch typische Konstruktionsdetails und Schnittstellen zu anderen Baustoffen. Besonders naheliegend ist die Kombination mit Holz. Decken können über Ringanker aufgelagert oder über gleitende Anschlüsse über das Mauerwerk spannen. Auch Tür- und Fensterstürze lassen sich in Holz ausführen, wenn auf klassische Mauerwerksbögen verzichtet werden möchte. Die Verbindung von Holz und Lehm ermöglicht dabei robuste Konstruktionen mit geringem Materialeinsatz und hoher Kreislauffähigkeit.

Lehm ist nicht brennbar und wird gemäß DIN EN 13501-1: Klassifizierung von Bauprodukten und Bauarten zu ihrem Brandverhalten - Teil 1: Klassifizierung mit den Ergebnissen aus den Prüfungen zum Brandverhalten von Bauprodukten der Baustoffklasse A1 zugeordnet.

Innenseitige Gestaltung von Lehmsteinmauerwerk

Da Außenwände in der Regel außenseitig gedämmt werden, bleibt der Lehm auf der Innenseite sichtbar. Dies eröffnet vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Das Spektrum reicht von präzisem Sichtmauerwerk über geschlämmte Oberflächen bis hin zu fein strukturierten Lehmputzen. Auch eingefärbte Putze, Anstriche oder Kalkoberflächen sind möglich. Die Materialität des Lehmbaus bleibt dabei stets ablesbar und verleiht den Räumen eine besondere Tiefe und Haptik.

Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit

Ein weiterer Vorteil liegt in der Langlebigkeit und Reparierbarkeit des Materials. Bohrlöcher, kleinere Beschädigungen oder Gebrauchsspuren lassen sich meist mit geringem Aufwand ausbessern. Wird das Mauerwerk dauerhaft vor Feuchtigkeit geschützt, kann es über viele Generationen hinweg genutzt werden.

Am Ende der Nutzungsdauer können Lehmsteine, Lehmmörtel und Lehmputze sortenrein zurückgebaut, aufbereitet und erneut verarbeitet werden. Die Materialqualität bleibt dabei erhalten. Lehm eignet sich damit wie kaum ein anderer Baustoff für geschlossene Stoffkreisläufe.

Text: Micha Kretschmann / earthbound

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