Normen-Notruf: Wege aus der Überregulierung

Handlungsmöglichkeiten zum vereinfachten Bauen mit Normen

Wie kann in Deutschland künftig einfacher gebaut werden? Die Überregulierung der deutschen Bauwirtschaft führt zu einem signifikanten Baukostenanstieg und einer langfristigen Beeinträchtigung des Wohnungsmarktes. Expert*innen schätzen, dass etwa um ein Drittel mehr gebaut werden könnte, wenn Bauvorschriften die Planung von Neubauten und die Instandsetzung von Bestandsgebäuden nicht verkomplizieren würden. Diese verursachen nämlich nicht nur unnötige Anforderungen - etwa im Bereich des Schall- und Wärmeschutzes - sondern erschweren auch spätere Eingriffe in die Bausubstanz erheblich.

Heike Böhmer | Direktorin des niedersächsischen Instituts für Bauforschung (IFB)
Prof. Dietmar Walberg | Leiter des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstituts ARGE
Arne Kleinhans | Vorsitzender der ARGE und Abteilungsleiter „Bauen und Wohnen“ im Ministerium für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport des Landes Schleswig-Holstein

Diese Beobachtung machte das Institut für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen, welches am 07. Juli 2026 gemeinsam mit dem Wohnungsbau-Institut (ARGE) Schleswig-Holstein einen Normen-Notstand ausrief und in diesem Sinne zur ersten Baunormenkonferenz einlud. Geleitet wurde die Diskussion von IFB-Direktorin Heike Böhmer, Institutsleiter des ARGE Prof. Dietmar Walberg, Arne Kleinhans, als Vorsitzender des ARGE und Abteilungsleiter Bauen und Wohnen im Ministerium für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport sowie Baurechts-Experte Michael Halstenberg.

Der Vorwurf der Bauforschenden: Deutschland habe sich „vernormt“. Planer*innen müssen sich kontinuierlich neuen, komplexeren und schärferen Normen stellen, die von Bund und Ländern durch rechtliche Bestimmungen verbindlich gemacht werden und so kostengünstigen Baulösungen einen Strich durch die Rechnung machen. Die ARGE und das IFB fordern nun einen radikalen Kurswechsel bei der Baunormung.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Die Situation ist längst eskaliert. Der Normen-Frust in der Bauwirtschaft ist enorm. Die Fülle an Vorschriften ist aus dem Ruder gelaufen. Wer mehr Wohnungen bauen will, muss dringend bei den Normen ‚abrüsten‘ und sie wieder zu dem machen, was sie waren: Ein Werkzeug, um Kosten zu senken. Deutschland braucht eine schnelle und mit Verstand gemachte Radikalkur bei den Normen“, fordern ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer. 

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Normen als Kostentreiber

Der Baukostenanstieg ist besonders im Bereich des Wohnungsneubaus bemerkbar; dort wird ein Anstieg von etwa 245 Prozent seit dem Jahr 2000 verzeichnet, davon werden 20 Prozent den steigenden Normenstandards zugeschrieben. Konkret bedeutet das, dass in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten eines Neubaus aufgrund der deutschen Normierungssituation um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche anstiegen. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass die Hürde zum Bau essenzieller Wohnräume immer größer wird.

Spürbare Unterschiede oder grundlose Verkomplizierung?

Insbesondere am Schallschutz wird deutlich, dass eine große Diskrepanz zwischen vorgegebenen, rechnerisch ermittelten Richtwerten und den tatsächlich spürbaren Auswirkungen auf die Raumakustik entsteht. Bei einem Wohnhaus in Wesel hätte es sich, so Walberg, um den Schallschutzbedarf bei Balkonen gehandelt, welcher mit lediglich 1 bis 3 Dezibel über dem Orientierungswert lag und so eine Verglasung der Balkone notwendig gewesen wäre. Damit die Kosten nicht explodierten, verzichteten die Planenden ganz auf Balkone – um eine kaum spürbare Lärmbelästigung zu verhindern, entschieden sie sich also gegen ein Stück Lebensqualität im Wohnraum. Um solche Szenarien künftig zu unterbinden, fordern ARGE und IFB wirtschaftliche Lösungen, die die Gebäudequalität tatsächlich steigern.

Weniger Normen, mehr Qualität

Die Anzahl und vor allem die Kosten von Bauschäden haben ebenfalls stark zugenommen, sagt Heike Böhmer. Sie bemängelt die Scheinqualität, die durch die Ausreizung von Bauauflagen entstehe. „Am Ende steht da ein Haus – völlig überdämmt, luftdicht, nur noch funktionssicher mit wartungsaufwändiger Lüftungstechnik ausgestattet, mit hochkomplexer, reparaturanfälliger Heizungs- und Regelungstechnik. Insgesamt also viel zu teuer, oft mit Baumängeln und erheblichen Risiken, zum Beispiel für Feuchtigkeitsschäden“. Nach Auswertungen des IFB machen Feuchteschäden und baukonstruktive Schäden fast zwei Drittel der Bauschäden aus, die durch Versicherungen gedeckt sind. Zudem haben sich die durchschnittlichen Kosten zur Beseitigung des Schadens mit 14.000 Euro in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt.

Konkrete Vorschläge für Bund und Länder

Die Kur soll ein neuer Basisstandard in Form des Gebäude-Typs E sein. So soll zumindest im Wohnungsbau wesentlich schneller und günstiger geplant und gebaut werden. Der Normenkontrollrat (NKR) schlägt den Leitgedanken der Grundausstattung vor (von unten nach oben). Auftraggeber*innen sollen demnach bereits bei der Vergabe ein rechtlich verbindliches Standardmodell wählen können. Wer beim Basis-Standard einsteigt, kann aufstocken; wer jedoch beim E-Modell bleibt, kann nach dem Prinzip des Gebäude-Typs E bauen. 

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Wenn der Bauherr am Ende mehr will, dann muss er einen höheren Standard bestellen und auch bezahlen. Aber es darf nicht länger einen ,Nur-High-End-Standard’ im Wohnungsbau geben. Ziel muss ein reduzierter, robuster Basis-Standard als gängige Wohnungsbau-Variante sein”, fordern IFB-Direktorin Heike Böhmer und ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg. 

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Baurelevante DIN-Normen sollen hierzu in Leistungsklassen unterteilt werden. Um dies umsetzen zu können, müssen Bund und Länder das Deutsche Institut für Normung (DIN) dazu verpflichten, die Klasse "Standard einfacher Ausführung" einzuführen; diese soll die gesundheitlich unbedenkliche und sichere Nutzung als grundlegenden Maßstab setzen. So sollen die rund 600 bauaufsichtlich genutzten Normen Grund- und weitergehende Anforderungen klar getrennt werden.

Was ist daran nun neu? Nicht die Art, wie gebaut werden soll, unterscheidet sich vom allseits bekannten Typ E. Was die Institute fordern, ist vielmehr die rechtliche Absicherung in Form eines Gesetzes, welches das DIN stärker in die Verantwortung zieht und bestehende Strukturen, im Sinne des Einfachen Bauens, neu definiert. Projektentwickler und Bauunternehmer brauchen eine rechtliche Grundlage, die Klagen – etwa gegen das Nicht-Einhalten von rechnerischen Richtwerten – mit einer vorausgesetzten Kategorisierung des Baustandards absichert. 

Schleswig-Holstein als Vorreiter

In Schleswig-Holstein wurde bereits der „Regelstandard Erleichtertes Bauen“ eingeführt, der als konsensueller Standard von allen wesentlichen am Bau Beteiligten gemeinsam definiert und über die Soziale Wohnraumförderung des Landes eingeführt wurde. Statt eines gänzlichen Aussetzens von Normen und Regelwerken, wird eine Leistungsphase 0 eingerichtet, in der frühzeitig eine ganzheitliche Gebäudeoptimierung definiert wird. Seit Einführung des Prinzips konnte eine Marktdurchdringung von ca. 80 % aller Geschosswohnungsbauten erzielt werden

Kontakt Redaktion BauNetz Wissen: wissen@baunetz.de
BauNetz Wissen Controlling und Management sponsored by:
PROJEKT PRO GmbH | Kontakt +49 8052 95179-0 | www.projektpro.com