Nachverdichtung: Wohngebäude Kurti 50A in Leipzig

Anstelle eines kriegszerstörten Hauses im gründerzeitlichen Block

Innerstädtische Nachverdichtungen erhalten mittlerweile Vorzug vor dem „Bauen auf der grünen Wiese”. So auch in Leipzig, wo das ortsansässige Büro Aline Hielscher Architektur in der Südvorstadt eine gründerzeitliche Blockrandbebauung aus dem Jahr 1889 durch einen Neubau ergänzt hat. Der Block besteht aus dem historischen sechsgeschossigen Vorderhaus und ehemals einem fünfgeschossigen Hinterhaus, welches nach Aktenlage des Archivs im Krieg zerstört wurde. Dessen „Fußabdruck” nutzt der sechsgeschossige Neubau, der über eine Durchfahrt im Vorderhaus erschlossen wird.

Über die Durchfahrt im Erdgeschoss werden die oberirdischen Stellplätze und der hintere Bereich des Innenhofes erschlossen.
Das Erdgeschoss dient der Erschließung der Wohnungen und zur Unterbringung der notwendigen Stellplätze.
Moderne Metallfassade im Kontrast zum historischen Mauerwerk der Gründerzeit

Architektonisches Konzept

Ein Ziel der Planung war es, Wohnungen für Familien und Wohngemeinschaften zu schaffen, bei denen das Stadtquartier besonders beliebt ist. Das Erdgeschoss allerdings ist der Erschließung der Wohnungen vorbehalten sowie einer oberirdischen Unterbringung der notwendigen Stellplätze. Angesichts einer Bruttogeschossfläche von 148 Quadratmetern war schnell klar, dass lediglich eine Wohnung pro Geschoss entwickelt werden sollte. So entstanden Fünf-Zimmer-Wohnungen speziell für Familien und WGs: Ein effizienter Grundriss ermöglicht es, dass hier bis zu fünf Personen leben. Angestrebt wurde eine minimierte Verkehrsfläche bei maximaler Wohnqualität.

Innenraumkonzept

Jede Wohnung verfügt über eine Wohnfläche von 126 Quadratmetern. Das Herzstück bildet ein 50 Quadratmeter großer, von Nord nach Süd durchgesteckter und damit gut belichteter Wohn- und Essraum. Balkone auf beiden Seiten führen den Raum ins Freie fort. Nach Norden ist der Freisitz als „Blumenbalkon” ausgeführt, gen Süden bietet er Ausblick über den neu gestalteten Innenhof der Blockrandbebauung. An den Wohnbereich grenzt ein Zimmer mit Bad sowie ein Flur als Übergang zu drei weiteren Zimmern, Bad, WC und Abstellkammer. Der Wohnung ist nur ein kleiner Vorraum vorgelagert, das Treppenhaus schließt über einen Rettungsbalkon an die Wohnungen an.

Materialität

Die einheitliche Metallbekleidung der Fassaden ändert ihr Erscheinungsbild abhängig von den Wetter- und Lichtverhältnissen. Obwohl das Material in der direkten Umgebung nicht vorkommt, fügt sich das Gebäude doch wie selbstverständlich ein – es ist anders, ohne mit dem Bestand zu konkurrieren. Farblich abgestimmte Aluminiumfenster und Balkongeländer sowie eine nietenfreie Ausführung der Fassadenbleche unterstützen die homogene Gesamtwirkung. Ein Clip-System der hinterlüfteten Fassade ermöglicht eine kreislaufgerechte Demontage des Materials.

In den Wohnungen dominieren natürliche Materialien – farbliche Akzente werden lediglich in den Bädern gesetzt. Ein Bodenbelag aus Eichenholzparkett verbindet den Wohnraum und die einzelnen Zimmer, welche sich individuell gestalten lassen. Das Treppenhaus ist schlicht in Sichtbeton ausgeführt, akzentuiert durch ein mattschwarzes Geländer.

Brandschutz: Einschränkungen im Bestand

Das Bauen im Bestand ist meist mit Herausforderungen in Bezug auf den Brandschutz verbunden; Abstimmungen mit der Feuerwehr und daraus resultierende Abweichungen mit Kompensationsmaßnahmen sind eher die Regel als die Ausnahme. So auch beim Wohnhaus Kurti 50A (namensgebend ist die Adresse Kurt-Eisner-Strasse 50a) in Leipzig. Die Platzierung im Inneren der gründerzeitlichen Blockrandbebauung macht eine Zufahrt für den Hubrettungswagen in den Hof unmöglich. Das Anleitern durch Steckleitern der Feuerwehr kommt aufgrund der Gebäudehöhe nicht in Frage. Maßgeblich ist hier die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses gemäß §2 der Sächsischen Bauordnung (SächsBO), wonach das Gebäude in die Gebäudeklasse 5 einzustufen ist.

Lösungsfindung in Abstimmung mit der Feuerwehr

Die Ausbildung von zwei baulichen Rettungswegen in Form von Treppenhäusern oder Treppen hätten den Grundriss stark dezimiert. Ein Sicherheitstreppenhaus war die naheliegende Lösung. Die dadurch zwingend notwendige Rauchschutzdruckanlage stellte sich als zu teuer und zu wartungsintensiv heraus. Im Dialog mit der Feuerwehr wurde ein Sicherheitstreppenhaus mit außenliegendem Gang in Betracht gezogen und umgesetzt: Die Bewohner flüchten über einen Rettungsbalkon im Freien in das Treppenhaus – eine Rauchübertragung von den Wohnungen ins Treppenhaus ist somit nicht möglich.

Die Brüstungen der Balkone wurden massiv in Betonfertigteilen ausgebildet, um einen Brandüberschlag zwischen den Geschossen zu verhindern. Aus dem gleichen Grund wurde der Fassadenbereich neben dem Vorraum der Wohnungen massiv und ohne Öffnungen hergestellt. Der konstruktive Brandschutz ist durch die Ausbildung der Geschossdecken und der Wohnungsabschluss- und Treppenhauswände in Stahlbeton gegeben.

Bautafel

Architektur: Aline Hielscher Architektur, Leipzig
Projektbeteiligte:
Tom Döhler, Malte Guhlke, Aline Hielscher, Wiebke Kessler, Johanna Knigge, Florian Tobschall (Mitarbeit Architekturbüro); Bauplanung Erler BDB Leipzig (Tragwerksplanung); Wohlrab, Landeck & Cie., Aschersleben (Wärmeschutz); Bauplanung Leipzig / Ingenieurbüro J. Zimmermann, Leipzig (Brandschutz); Planungsbüro Haustechnik Dieter Quellmalz, Schkeuditz (HLS-PLanung); Planungsbüro Ling (Elektroplanung)
Bauherr:
privat
Fertigstellung:
2023
Standort:
Kurt-Eisner-Strasse 50a, 04275 Leipzig
Bildnachweis:
Célia Uhalde, Berlin

BauNetz Architekt*innen

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Rettungswege im strengen Sinn sind Zugänge und Wege für Einsatzkräfte wie der Feuerwehr, über die die Bergung (= Fremdrettung) von z.B. verletzten Personen und Tieren sowie die Brandbekämpfung (Löscharbeiten) möglich sind (siehe § 14 MBO).

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