Museum Historische Oberamteistraße in Reutlingen
Gussgläserne Biberschwanzziegel vor hölzernem Raumfachwerk
Was tun, wenn historische Fachwerkhäuser einzustürzen drohen? Abfangen und die Stützkonstruktion als Raumerweiterung nutzen – das waren die Vorgaben im Wettbewerb für das neue Museum Historische Oberamteistraße in Reutlingen, bei dem sich Wulf Architekten durchsetzten. Erhalten blieb so eine der ältesten Fachwerkhauszeilen Süddeutschlands. Sie besteht aus den Häusern Oberamteistraße 28, 30 und 32 mit Wurzeln bis ins dreizehnte Jahrhundert sowie dem Keller des 1972 abgebrochenen Steinernen Hauses auf dem südwestlich angrenzenden Eckgrundstück Nr. 34 aus dem vierzehnten Jahrhundert.
Die drei Häuser, die die lokale Bau- und Wohnkultur seit dem Mittelalter dokumentieren, sind selbst Exponate des 2026 teileröffneten Museums. Zusammen mit dem Heimatmuseum im ehemaligen Königsbronner Klosterhof (Oberamteistraße 22), einem Industriemagazin in einer ehemaligen Metalltuch-Fabrik, gehört die neue Institution zu den Historischen Museen Reutlingen.
Nachbildung mit neuem Tragwerk
Auf dem Eckgrundstück zeichnet der Neubau die Konturen des vor mehr als 50 Jahren abgerissenen Hauses nach, einschließlich seiner Vorkragung in den Straßenraum. Konstruktiv sah man dagegen von einer Wiederherstellung ab und entwickelte stattdessen ein Brettschichtholz-Raumfachwerk aus heimischer Weißtanne, das die Horizontalkräfte aus der Schiefstellung des Bestandes sowie zusätzliche Belastungen im Erdbebenfall aufnimmt.
Das markante dreiecks- und rautenförmige Tragwerk wird aus horizontalen Durchlaufträgern und Streben im Querschnitt von 20 x 20 Zentimetern gebildet. Sie sind an 267 unterschiedlichen Knotenpunkten mit Knaggen aus Baubuche kraft- und formschlüssig verbunden. An der Nordostseite, zur Bestandsbebauung hin, ist die Struktur entsprechend der abzufangenden Kräfte als dichterer Stützbock ausgebildet. Die strukturellen Schwächen des benachbarten Fachwerkhauses (Oberamteistraße 32) haben hier die exakten Ansatzpunkte vorgegeben.
Konstruktive und funktionale Aufgaben
Der Neubau mit seinem zwanzig Meter hohen Luftraum vereinigt in sich mehrere Funktionen: Einerseits stabilisiert er die historische Hauszeile. Andererseits schützt er die erhaltenen Gewölbekellerfragmente des Steinernen Hauses und bietet eine barrierefreie Erschließung der mittelalterlichen Nachbarhäuser über einen nordseitig integrierten Aufzug. Eine großzügige Treppenanlage – ebenfalls aus Holz – inszeniert den luftigen Raum in der dritten Dimension. Er ist für verschiedene Veranstaltungsformate, Begegnungen und Austausch vorgesehen und soll sich als offener, lebendiger Treffpunkt inmitten der Reutlinger Stadtgesellschaft etablieren.
Fassade aus gläsernen Biberschwänzen
Das homogene, transluzente Erscheinungsbild des neuen Baukörpers setzt sich zusammen aus insgesamt mehr als 28.000 gussgläsernen Biberschwanzziegeln aus La Rochère – Frankreichs ältester aktiver Kristallglasfabrik. Nach eigenen Angaben ist sie heute der einzige Großserienhersteller von industriellen Gussglas-Dachziegeln in Europa. Die Glashülle zieht sich als Wetterschutzschicht vollständig über Wand- und Dachflächen. So scheint die dahinterliegende Holzkonstruktion durch und zugleich gelangt gefiltertes Licht ins Innere. Auf Fensteröffnungen wurde verzichtet. Zwei Betonstufen an der westlichen Gebäudeecke in der Spendhausstraße verweisen auf eine unauffällig in die Glashülle integrierte Fluchttür.
Bei dem unregelmäßigen Baukörpers stehen First und Traufe nicht exakt parallel zueinander. Dadurch bilden die Dachflächen hyperbolische Paraboloide, deren leichten Krümmungen die Eindeckung folgt. Die fünfzehn Millimeter starken Biberschwanz-Glasziegel wurden in Anlehnung an eine klassische Kronendeckung in zwei Schichten übereinander verlegt.
Spannungsfrei und natürlich belüftet
Es galt, Brennglas-Effekte, Hitzestau und Bruch durch thermische Spannungen zu vermeiden. Entsprechend verbaute man runde Abstandshalter aus Eichenholz, die eine dauerhafte Hinterlüftung sowie die Ableitung von Eigengewicht und Windkräften in das Primärtragwerk gewährleisten. Die Eichenholz-Abstandshalter sind jeweils mit einer speziell entwickelten Stockschraube auf den Glasziegeln der Deckschicht angebracht. Dafür haben die Schrauben einen oberen Abschnitt mit Feingewinde und einen unteren Abschnitt mit Holzgewinde, der sie in der Lattung verankert.
Weil die offenen Fugen zwischen den Glasschindeln für einen permanenten Luftaustausch sorgen, kommt der Neubau ohne Klimatisierung aus. Er ist allerdings auch nicht gedämmt. Neben der natürlichen Belüftung erfolgt auch die Entrauchung ohne mechanische Unterstützung ausschließlich über die von den Abstandshaltern gebildeten Fugen.
Da es sich nicht um Sicherheitsglas handelt, wurde rückseitig eine Speziallackierung aufgetragen. Diese gewährleistet die Resttragfähigkeit der Glasziegel im Fall eines Bruchs und verhindert das Herabfallen von Splittern. Für die Gratbereiche, wo die Glasziegel mit diamantbesetzten Bandsägen und eigens entwickelten Bohrern angepasst werden mussten, fixieren spezielle Edelstahl-Doppelklammern die Lagerschicht. Die Umsetzung der maßgeblich von str.ucture aus Stuttgart mitkonzipierten Fassadenlösung erhielt eine Zustimmung im Einzelfall (ZiE).
Bautafel
Architektur: wulf architekten, Stuttgart/Berlin/Basel
Projektbeteiligte: wulf architekten, Stuttgart und Ingenieurbüro Grau, Bietigheim-Bissingen (ARGE Oberamteistraße); str.ucture, Stuttgart (Tragwerksplanung Neubau); strebewerk. Architekten, Stuttgart (denkmalgerechte Instandsetzung); Bäuerle Landschaftsarchitektur + Stadtplanung, Stuttgart (Landschaftsarchitektur); Hitzler Ingenieure, Stuttgart (Projektsteuerung); IB Wienand, Reutlingen (HLS-Planung); IB Köhler, Leonberg (ELT-Planung); planR, Ditzingen (Aufzugsplanung); Brandschutz Consulting, München (Brandschutz); Kurz und Fischer, Winnenden (Bauphysik); Béla Berec, Stuttgart (Modellbau)
Bauherr*in: Stadt Reutlingen
Fertigstellung: 2025
Standort: Oberamteistraße 34 / Spendhausstraße 3, 72764 Reutlingen
Bildnachweis: Brigida González, Stuttgart (Fotos); Gebäudemanagement Reutlingen (Baustellenfotos); wulf architekten, Stuttgart/Berlin/Basel (Baustellenfotos und Pläne)
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