Münchner Volkstheater

Kurven im Klinkerkleid

Meister Eder, Monaco Franze und Weißwurst-Paula – vor 40 Jahren war das Münchner Volkstheater noch von Schauspielenden wie Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer und Ruth Drexel geprägt. Heute hat es nicht nur ein ausgesprochen junges Ensemble, sondern auch ein völlig neues Haus. 1903 gegründet, hat die Einrichtung mittlerweile zweimal ihren Standort in der Landeshauptstadt gewechselt. Nach Kriegszerstörungen des Ursprungsbaus in der Altstadt wurde das Theater erst 1983 in einem Fünfzigerjahre-Bau westlich vom Königsplatz wiedereröffnet. 2017 entschied sich die Stadt wegen Platznot und Sanierungsbedarf für einen Neubau auf dem ehemaligen Schlacht- und Viehhof-Gelände in der Isarvorstadt. LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart setzten sich mit ihrem Entwurf in einem Generalübernehmerverfahren durch.

Das Theater nimmt den Westteil des ehemaligen städtischen Viehhofs ein.
Denkmalgeschützte Verwaltungsbauten des Viehhofs wurden integriert.
Haupteingang und Foyer befinden sich in einem Hof.

Entstanden ist ein Gebäudekomplex mit drei Spielstätten: dem Hauptsaal für 600 Personen mit absenkbarem Orchestergraben und Drehbühne sowie zwei weiteren Bühnen zuzüglich Werkstätten für Schneiderei, Schreinerei und Schlosserei, Technik, Tonstudio, Verwaltungsräume, Requisitenabteilung und Lager. Zentral angeordnet ist der 27 Meter hohe Bühnenturm, um den die Spielstätten herum organisiert sind. Die denkmalgeschützten Bestandsbauten der Viehhofverwaltung – eine dreigeschossige Backsteinzeile mit steilem Walmdach an der Nordostseite des Baufensters – gaben den Anstoß, den Neubau bis zu den Gesimskanten des Bestands in Rotklinker auszuführen. 

Durch den Bogen, über den Hof
An das historische Eckhaus an Tumblinger und Zenettistraße schließt jetzt ein weiter, immerhin sechs Meter hoher Segmentbogen an, hinter dem sich ein Hof mit dem Haupteingang öffnet, letzterer zusätzlich markiert durch eine Stele mit dem Schriftzug „Volkstheater“. Vom Eingangsbereich etwas separiert durch die geschwungenen Wandflächen von Foyer und ovalem Treppenhaus befindet sich im Ostteil des Hofs die Gastronomie mit Biergarten. Foyer, Windfang und Gastronomiebereich sind großflächig verglast. Ein großes Rundfenster gibt den Blick frei auf den Eingang zur Probebühne im ersten Obergeschoss, doch die geschlossenen, skulptural wirkenden Klinkerflächen dominieren den Hof. 

Innen ist das Foyer in Goethefarben gehalten. Kräftiges Dunkelblau und leuchtendes Gelb kontrastieren mattere Flächen in Graublau, Mintgrün und Altrosa. Dem Foyer schließen sich der Zuschauerraum für 600 und die zweite Spielstätte für 200 Personen an, während die Bereiche für Bühnen, Anlieferung, Werkstätten und Lagerräume den südlichen Teil des Baufensters beanspruchen. Die Verwaltungsräume liegen an der Ostseite. Sie sind mit den Altbauten verbunden und schließen so, zusammen mit dem Gastronomiebereich, den Hof rückseitig ab. 

Während das gesamte, rund sieben Hektar große Viehhofareal in den nächsten Jahren zu einem innerstädtischen Quartier entwickelt werden soll, findet nördlich der nach dem Architekten des Schlacht- und Viehhofs benannten Zenettistraße vorerst weiterhin Schlachtbetrieb statt.

Fassade: Rotklinker, Streckmetall, semitransparente Membran
Formal sind die drei Neubaufassaden entsprechend ihren Funktionen jeweils anders behandelt. An der Nordwestseite bilden drei kleinere Segmentbögen rechts ein Gegengewicht zum großen Hofdurchgang auf der linken Seite. Die gegenüberliegende Südostfassade hat dagegen nur einen, von Fassadenschwüngen flankierten Segmentbogen, hinter dem sich die Gastronomie verbirgt. Ansonsten überwiegen hier die weißen Fensterbänder der Büros mit dunklen Senkrechtmarkisen, ergänzt durch einzelne Schlitzfenster am Werkstättentrakt.

Die Klinkerverblendung an den beiden Längsseiten endet i.d.R. auf Höhe der Gurtgesimse der Altbauten und ist nur selten bis zum Hauptgesims hochgezogen, wodurch der Neubau flacher wirkt und die Horizontale betont wird. Dagegen ist die Südwestfassade von vertikalen Gliederungselementen beherrscht. An der niedrigeren Montagehalle wird die Klinkerfläche von schräg nach oben ausladenden Sichtbetonstützen unterbrochen, der dahinterliegende, höhere Werkstattbereich hat eine dichte Reihung vertikaler Schlitzfenster. Trotz der unterschiedlichen Fassadengliederungen wirkt der Theaterbau als geschlossenes Ganzes, was durch die umlaufenden Klinkerflächen und nicht zuletzt durch die Höhenentwicklung des Gebäudekomplexes mit dem alles überragenden Bühnenturm bewirkt wird.

Der Baukörper ist mehrfach zurückgestaffelt, wodurch sich eine Schichtung der Fassaden ergibt, die mit mehrfachen Materialwechseln einhergeht. Im unteren Bereich der Längsseiten und am Werkstättentrakt wurde die Stahlbeton-Tragschicht mit Rotklinker vor Wärmedämmung und Luftschicht verblendet. Nicht verklinkerte Flächen auf Höhe des zweiten Obergeschosses der Altbauten wurden weiß verputzt. Hinter dem nächsten Rücksprung verbergen sich die Anlagen der Haus- und Bühnentechnik, deren fensterlose Außenwände sich hinter einer facettenartig gefalteten Streckmetallverkleidung mit schräg ausgestellten Dreieckstafeln als oberem Abschluss verbergen. Die weißen Bleche sind pulverbeschichtet und auf einer mit Zugseilen ausgesteiften Unterkonstruktion aus QRO-Profilen montiert. 

Der Bühnenturm schließlich hat Stahlbetonwände mit vlieskaschierter Mineralwolldämmung, die von einer hellen, semitransparenten Membranfassade verhüllt sind. Die Membran aus beschichtetem Glasfasergewebe wurde durch eine punktuelle Unterkonstruktion aus feuerverzinktem Stahl vor Ort zu regelmäßigen Hoch- und Tiefpunkten gespannt und verleiht dem massiven Bühnenturmvolumen so eine gewisse Leichtigkeit.

Bautafel

Architektur: LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Projektbeteiligte: Katja Pütter, Alexander Hochstraßer, Lina Müller, Philipp Kraus, Levin Koch, Johannes Brambring, Jean-Philippe Maul (Projektteam Architektur); Georg Reisch, Bad Saulgau (Generalübernehmer); itv Ingenieurgesellschaft für Theater- und Veranstaltungstechnik, Berlin (Theater- und Bühnenplanung); und Wolfgang Sorge Ing. Büro für Bauphysik, Nürnberg (Bau- und Raumakustik); SSF Ingenieure, München u.a. (Tragwerksplanung); Werner Schwarz, Ingenieurbüro, Stuttgart (Elektroplanung); M. Oelmaier Ingenieurbüro, Biberach a.d. Riß (Brandschutz); K+P Kaufer Passer, Starnberg/Tuttlingen (Haustechnik); Pfaller Ingenieure, Nürnberg (Projektsteuerung)    
Bauherr: Landeshauptstadt München
Fertigstellung: 2021
Standort: Tumblingerstraße 27, 80337 München
Bildnachweis: Roland Halbe, Stuttgart / LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart

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Materialien

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