M3 Forschungszentrum in Tübingen
Fester und beweglicher Sonnenschutz für Labor- und Bürobereiche
Fundierte Forschung bedarf einer entsprechenden Infrastruktur: Mit dem M3 Forschungszentrum erhielt die Universität Tübingen einen Neubau, der seit 2023 den Bereich Tumorbiologie mit der Stoffwechsel- und Mikrobiomforschung unter einem Dach vereint. Hier sollen neue Ansätze für die Behandlung komplexer Erkrankungen entstehen. Für diese anspruchsvolle Aufgabe schufen die Planenden von Heinlewischer flexibel nutzbare Labor-, Büro- und Kommunikationszonen, die den Austausch zwischen den Disziplinen fördern. Ein präzise abgestimmtes Sonnenschutzkonzept sorgt dafür, den hohen Tageslichteintrag optimal zu nutzen und zugleich Überhitzung und Blendung in den Arbeitsbereichen zu vermeiden.
Institut mit Weitblick
Das M3 liegt auf dem Gelände des Universitätsklinikums, auf einer Anhöhe mit Blick über die Stadt. Aufgrund der offenen Hanglage erscheint der längliche, in Ost-West-Richtung orientierte Gebäuderiegel mit Flachdach westseitig als dreigeschossiger und ostseitig als fünfgeschossiger Baukörper. Die Fassade ist durch geschosshohe Elemente aus Glas und schwarz beschichteten, gekanteten Aluminiumpaneelen gegliedert, die dem Gebäude eine zurückhaltende Erscheinung verleihen. Umlaufend kragen Gitterelemente aus, die als Überkopfverschattung dienen und die Horizontalen der rechteckigen Kubatur betonen.
Einfügung in die Hanglage
Neben dem westseitigen Haupteingang auf Straßenniveau gibt es auf der Südseite einen weiteren Zugang auf Höhe des 1. Untergeschosses. Hier ist dem Gebäude eine dezent begrünte Terrasse vorgelagert, die als Außenbereich für Pausen und informellen Austausch dient. Erd- und Untergeschoss sind über ein gemeinsames Foyer visuell und funktional miteinander verbunden. Auf insgesamt fünf Geschossen bietet das Gebäude Raum für die wissenschaftliche Arbeit von 18 Forschungsgruppen mit rund 250 Wissenschaftler*innen.
Offene Arbeits- und Laborstruktur
Im Inneren ist nordseitig eine Kernzone mit Großraumlaboren angeordnet, die von offenen Büro- und Kommunikationsbereichen umgeben wird. Gläserne Schiebewände ermöglichen eine räumliche Trennung beider Nutzungsbereiche, ohne den Tageslichteinfall und die visuellen Bezüge zu beeinträchtigen. Eine Funktionsspange mit Druckerräumen, Teeküchen, Besprechungsräumen und Sanitärbereichen sowie Rückzugsräumen bildet die Mittelachse des Grundrisses. Die in dezenten Grüntönen gehaltenen Einbauten entlang der Kernwand zwischen Labor- und Bürobereichen nehmen gestalterisch Bezug auf die umgebende Landschaft. Balkone an der Ost- und Westfassade ergänzen das Raumangebot um Aufenthaltsbereiche im Freien.
Sonnenschutz: feststehend und beweglich
Da die Arbeitsbereiche unmittelbar an den Fassaden angeordnet sind, war ein Sonnenschutzkonzept nötig, um Blendungen und eine Überhitzung der Innenräume zu vermeiden. Die Gitterroste der weit auskragenden Überkopfverschattung reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung auf die Fassade und machen sie außerdem zugänglich für Wartung und Reinigung.
Ergänzend sorgen außenliegende, einrollbare Sonnenschutzlamellen für eine individuell regulierbare Verschattung der Innenräume. Der korrosionsbeständige und windstabile Behang aus stranggepresstem Aluminium gewährleistet auch im geschlossenen Zustand eine hohe Transparenz und erhält so den Blickbezug nach draußen. Steht die Sonne mehr als 22° über dem Horizont, verhindert die spezielle Profilgeometrie die direkte Einstrahlung. Die Bedienung erfolgt elektronisch über einen in der Welle eingebauten Rohrmotor.
Ökologische Verantwortung
Bei der Planung wurden Ressourcenschonung und Energieeffizienz besonders berücksichtigt. Das Institut wird mit regenerativ erzeugter Fernwärme versorgt und verfügt über einen hohen baulichen Wärmeschutz. Manuell öffenbare Fassadenelemente ermöglichen eine natürliche Nachtkühlung der Räume. Eine Photovoltaikmodule auf dem Dach und an Teilen der Fassade der Technikzentrale unterstützen die Energieversorgung. Rund 75 % des Rohbaus (ca. 5.600 m3) bestehen aus Recycling-Beton mit rezyklierter Gesteinskörnung. An der Ostfassade sollen acht Nistkästen und eine Klangattrappe Mauersegler anlocken.
Bautafel
Architektur: heinlewischer, Berlin
Projektbeteiligte: Edzard Schultz (verantwortlicher Partner und Projektleitung), Agata Markgraf, Laura Walter, Christian Freisem, Marina Martinez Sanchis, Silvia Marzani, Christian Schlameuß, Marius Schulze, Martin Schumacher, Johanna Stemper, Lisa Walter, Thomas Weikert, Anja Zumpe (Projektteam); Edzard Schultz, Svenja Hörtdörfer, Lea Bradasevic (Wettbewerb); Ernst2 Architekten, Tübingen (Objektüberwachung); Mayer-Vorfelder und Dinkelacker, Sindelfingen (Tragwerksplanung); Hospitaltechnik Planungsgesellschaft, Krefeld (Laborplanung); TCON Ingenieurgesellschaft, Sindelfingen (TGA HLS); Raible + Partner, Reutlingen (TGA Elektrotechnik); Ingenieurbüro Bauphysik 5, Backnang (Bauphysik); Sinfiro Brandschutzingenieure, Balingen (Brandschutz); Jetter Landschaftsarchitekten, Stuttgart (Landschaftsarchitektur); Clauss Engineering (Hersteller: Alu-Sonnenschutzlamelle gerollt Typ ASG-12-R60 mit Schienenführung und Umlenkrohr)
Bauherr*in: Land Baden-Württemberg, vertreten durch Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen
Fertigstellung: 2022
Standort: Otfried-Müller-Straße 37, 72076 Tübingen
Bildnachweis: Brigida González, Stuttgart (Fotos); heinlewischer, Berlin (Pläne)
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