Kultur- und Kongresszentrum Jordanki in Torun

Flexibler Veranstaltungssaal hinter schaumglasgedämmter Fassade

Im polnischen Toruń – vormals als Thorn bekannt und neben Bydgoszcz eine von zwei Hauptstädten der Woiwodschaft Kujawien-Pommern – wurde 2015 das Kultur- und Kongresszentrum CKK Jordanki eröffnet. Mit dem Neubau, der sich zwischen dem UNESCO-geschützten Zentrum mit seinen mittelalterlichen Backsteinbauten und der nördlich gelegenen Neustadt befindet, hat das Architekturbüro Menis Arquitectos ein Gebäude geschaffen, das sowohl Bezug auf den historischen Bestand nimmt, als auch der Topographie Rechnung trägt. Gleichwohl biedert sich der neue Komplex nicht an, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine Präsenz aus, wie sie einer Fest- und Veranstaltungsstätte angemessen erscheint.

Im Osten ist dem Veranstaltungsbau, der eine der Zufahrtsstraßen zum Stadtzentrum säumt, ein kleiner Platz vorgelagert.
Von der aleja Solidarności erstreckt sich der skulpturale Baukörper  in die Wallanlagen der einstigen Stadtbefestigung.
Die besondere Oberflächenbehandlung, die im Äußeren nur angedeutet wird, setzt sich im Innern – hier der Foyerbereich – fort.

Lokal verankert und global gebaut
Die skulptural geformten Baukörper, die sich von der aleja Solidarniści nach Westen in die einstigen Wallanlagen der früheren Stadtbefestigung erstrecken, werden durch aufwendig geschalte Oberflächen bestimmt. Dabei wechselt sich der helle Beton immer wieder mit Partien ab, die in der Picado-Technik gestaltet wurden: Bereits zehn Jahre zuvor durch das Büro beim Bau eines Kongresszentrums auf Teneriffa angewendet, wird dem Beton dabei gebrochener Stein zugegeben und schließlich mit dem Hammer abgeschlagen. Beigemischt wurde neben recyceltem Ziegel, der lokaler Produktion entstammt, auch ein aus China stammendes vulkanisches Gestein, das den akustischen Eigenschaften im Innern des Hauses zugutekommen soll. Denn es zeigt sich, dass das rötliche Picado, das nur vereinzelt ans Äußere dringt, von der Anmutung des durch vielfache Faltungen bestimmten Innenraums kündet, wo es gegenüber dem weißen Beton die Oberhand gewinnt.

Flexible Event-Grotte statt klassischem Konzertsaal
So öffnen sich hinter der doppelschaligen Betonwand, deren Zwischenraum eine 20 Zentimeter starke Schaumglasdämmung birgt, expressive Innenräume. Deren strukturierte, frei geformte und teils ineinander übergehende Wand- und Deckenflächen wecken Assoziationen zu einer Grotte. Die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig: Nicht nur lässt sich die Bestuhlung vollständig entfernen; der große, 1.000 Plätze fassende Saal kann darüberhinaus mit dem kleineren Auditorium zusammengeschaltet und im Westen geöffnet werden. Dann lässt sich die in die entgegengesetzte Richtung orientierte Bühne als überdachtes Freiluftpodium nutzen. So entstand nicht nur dem ursprünglichen Ansinnen gemäß ein reiner Konzertsaal, sondern ein Veranstaltungsort, der sinfonischen Darbietungen ebenso wie kleineren Ensembles gerecht wird, aber auch Filmvorführungen und Kongresse beherbergen kann.

Eine dynamische Decke kommt allen Anforderungen entgegen
Möglich gemacht werden diese vielfältigen Nutzungen, die nicht zuletzt mit ganz unterschiedlichen Anforderungen an die Akustik einhergehen, durch den Einbau einer dynamischen Decke. Die Deckenelemente mit Oberflächen, die dem Erscheinungsbild des Picado nachempfunden sind, sind 80 bis 140 Quadratmeter groß und wiegen bis zu 11 Tonnen. Unabhängig voneinander lassen sie sich um mehrere Meter bewegen. Auf diese Weise können unterschiedliche Raumvolumen von 6.800 bis 8.200 Kubikmetern geschaffen, die Nachhallzeit damit vergrößert oder verringert werden. Durch Einbringung zusätzlicher Absorptionsmittel lassen sich schließlich auch für das Sprechtheater hervorragende Bedingungen schaffen.

Neueste Architektur in Polen
Dass der Bau bislang nur wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe herausragender Kultur- und Bildungsbauten in Polen entstanden sind. Nebst der 2015 mit dem Mies van der Rohe-Preis der Europäischen Union ausgezeichneten Stettiner Philharmonie von Barozzi Viega, die sich in direkter Nachbarschaft eines neuen Museumsneubaus des Büros KWK Promes befindet, sorgte Renato Rizzis Theaterbau in Danzig (s.a. Objekte zum Thema) ebenso für Aufsehen wie das Universitätsgebäude, das im schlesischen Katowice nach Plänen von BAAS arquitectura fertiggestellt wurde – eine beeindruckende Wettbewerberschar, mit der sich das Kulturzentrum in Toruń gleichwohl messen kann. –ar

Bautafel

Architektur: Menis Arquitectos, Fernando Menis, Teneriffa
Projektbeteiligte: Team Teneriffa: Karolina Mysiak, Jaume Cassanyer, Javier Espílez (Mitarbeit Architekturbüro); José Antonio Franco/Martínez Segovia y asociados (Statik); José Luis Tamayo (Bühnenausstattung); Pedro Cerdá (Akustik); Team Polen: Jacek Lenart/Studio A4 Spółka Projektowa, Stettin (Projektleitung vor Ort); Tomasz Pulajew/Fort Polska, Bydgoszcz (Statik); Pedro Cerdá (Akustik); Mostostal Warszawa, Acciona Infrastruktura (Bauunternehmen); Foamglas, Hilden (Hersteller Dämmstoff)
Bauherr: Stadtverwaltung Torun
Fertigstellung: 2015
Standort: Cultural Congress Centre Jordanki, Aleja Solidarności 1-3 street, 87-100 Torun, Poland
Bildnachweis: Patryk Lewinski www.patryklewinski.com; Jakub Certowicz; Małgorzata Replińska,
courtesy CKK Jordanki and author; CKK Jordanki

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