Kriechere 70 in Bezau

Revitalisierung eines Bregenzerwälderhauses

Kuhstall, Fotografie-Fachgeschäft, Architekturbüro – Das Bregenzerwälderhaus Kriechere 70 im österreichischen Bezau, hat im Laufe der Zeit einige Nutzungen erlebt. Nachdem es lange Zeit leer stand und der Witterung ausgesetzt war, befand sich das Gebäude in schlechtem Zustand. Die Baugruppe um das Vorarlberger Architekturbüro Innauer Matt übernahm die Sanierung. Benannt nach der Hauptstraße, an der sich das Gebäude befindet, beherbergt es nach knapp einjährigem Umbau das Architekturbüro von Innauer Matt Architekten sowie drei Wohnungen.

Das Gebäude ist benannt nach der Dorfstraße, an der es sich befindet.
Kriechere 70 gehört zu den Bregenzerwälderhäusern, die traditionelle bäuerliche Hausform im Bregenzerwald.
Typisch für diesen Haustypus sind die holzgeschindelten Fassaden mit großen Fenstern und Fensterläden sowie markante Satteldächer.

Traditionelles Bauernhaus

Wie bei den meisten Wohnhäusern im Vorarlberg handelt es sich bei Kriechere 70 um ein traditionelles Bregenzerwälderhaus. Der Gebäudetypus ist für das Landschaftsbild charakteristisch und wird auch Wälderhaus genannt. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Einhof, bei dem Wohnbereich, Viehhaltung, Vorratslagerung und Geräteaufbewahrung in einem Gebäude entlang des Firsts angeordnet sind. Damit unterscheidet es sich von Paar- und Gruppenhöfen, bei denen Wohn- und Stallgebäude in verschiedenen Baukörpern untergebracht sind. Wälderhäuser sind bekannt für ihre mit Holzschindeln bekleideten Fassaden, große Fenster und Fensterläden sowie markante Satteldächer. Das Erdgeschoss besteht in der Regel aus Mauerwerk, das Obergeschoss aus Holz.

Fotografisches Gedächtnis der Region

In den 1920er-Jahren richtete die Fotograf*innenfamilie Hiller ihr Fachgeschäft im ehemaligen Wirtschaftstrakt des Hauses ein, in dem sich einst der Stall befand. Von 1922 bis 1995 entstand ein umfangreiches Archiv, das nicht nur die Geschichte der Familie Hiller, sondern auch das Leben der Menschen im Bregenzerwald dokumentiert. Nach dem Tod des Vaters und ihrer beiden älteren Brüder übernahm Hedwig Hiller, die erste staatlich geprüfte Fotografin Vorarlbergs, das Geschäft. Sie beauftragte den ortsansässigen Architekten Leopold Kaufmann damit, das elterliche Atelier zu modernisieren. Durch das große Schaufenster zur Hauptstraße konnten Bewohner*innen über Generationen hinweg die neuesten Fotografien betrachten.

Als Hiller Mitte der 1990er-Jahre in den Ruhestand ging, wurde das Geschäft geschlossen. Nach fast zwanzig Jahren Leerstand vermietete die Fotografin 2012 ihr Atelier an das frisch gegründete Architekturbüro Innauer Matt. Aufgrund des schlechten Gebäudezustands begannen die Architekt*innen zwei Jahre später die Planung zur Sanierung. Hedwig Hiller erlebte die Fertigstellung des Hauses nicht mehr, sie verstarb im Jahr 2017.

Neubau des Vorderhauses

Die ursprüngliche Zonierung des Bregenzerwälderhauses mit Vorderhaus, Tenne und Hinterhaus prägt auch heute die Gebäudestruktur. Das nach Osten ausgerichtete Vorderhaus, das ursprünglich als Wohntrakt diente, konnte im Rahmen der Umbauarbeiten nicht erhalten werden. Stattdessen wurde eine neue Gebäudehälfte errichtet, die sich harmonisch an das Hinterhaus anschließt und die Formensprache des Bestandes aufgreift. Der Neubau besteht aus Mauerwerk und verfügt über großzügige Fensteröffnungen mit Rahmen aus Fichtenholz, die originalgetreu platziert wurden und die Horizontalen des Gebäudes betonen.

Jedes Fenster ist dreigeteilt, der mittlere Teil kann zur Belüftung geöffnet werden. Die Fassadengestaltung mit Holzschindeln erinnert an das Original und schafft eine freundliche Atmosphäre. Im Erdgeschoss des Vorderhauses befinden sich jeweils zwei 1-Zimmer-Wohnungen, während im Ober- und Dachgeschoss eine 3-Zimmer-Maisonettewohnung mit einer nach Süden ausgerichteten Dachterrasse untergebracht ist. Die vertikale Erschließungszone zwischen Vorder- und Hinterhaus, einst die Tenne, dient als Zugang zu den Wohnungen und dem Büro.

Erhalt des Hinterhauses

Das Hinterhaus, in dem sich zuvor das Fotogeschäft befand, blieb erhalten und wurde umfassend renoviert. Auf drei Etagen schuf das Architekturbüro seine Arbeitsumgebung mit Küche und Besprechungsraum. Die Fenster und Fensterbänke bestehen aus Lärche. Als Hommage an das ursprüngliche Gebäude erhielt die Fassade der oberen zwei Etagen eine Holzverkleidung im Keilspund-Stil, während das Erdgeschoss wie im Original weiß verputzt wurde. Die markante Schaufensterfront mit acht großen Fensterscheiben wurde ebenfalls instandgesetzt und ermöglicht von außen Einblicke in das Büro. Innauer Matt Architekten erhielt für die Revitalisierung von Kriechere 70 den Vorarlberger Holzbaupreis 2023.

Details aus Messing an Türen und Fenstern

In den Innenräumen setzen Beschläge aus matt vernickeltem Messing an Türen und Fenstern zarte Akzente. Die dreiteiligen Fenster im Vorderhaus wurden mit modernen Fensteroliven ausgestattet, die sich stimmig in das Gesamtbild des Bregenzerwälderhauses einfügen. Wie bei dieser Art von Beschlägen üblich, sind die Oliven so angebracht, dass sie waagerecht stehen, wenn das Fenster geschlossen ist, und senkrecht, wenn es geöffnet ist.

Neben den Beschlägen im Innenraum fallen an der Fassade entlang der Hauptstraße zwei weitere Details auf: Ein von einer Kunstschmiede maßgefertigter Türknauf ziert die Eingangstür zwischen Vorder- und Hinterhaus und zwei im Original erhaltene Stoßgriffe an der Doppelflügeltür ermöglichen den Zugang zum Architekturbüro. -sms

Bautafel

Architektur: Innauer Matt Architekten, Bezau (Markus Innauer, Sven Matt)
Projektbeteiligte: Merz Kley Partner (Tragwerksplanung); Kaspar Greber, Bezau (Holzbau); Schwarzmann, Schoppernau (Fensterbau); Stipo, Bezau (Fußböden); Fink Martin, Bezau (Installationstechnik)
Bauherr*in: Baugruppe Berchtel-Innauer-Matt
Standort: Kriechere 70, 6870 Bezau, Österreich
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Adolf Bereuter


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Materialien

Messing

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