Kraftwerk Stadshaard in Enschede

1.400 Fassadenplatten mit 390 Motiven im Stil Delfter Fayencefliesen

In der Regel schmucklos und möglichst unauffällig gestaltet, liegen die meisten Kraftwerke an der städtischen Peripherie. Ganz anders im niederländischen Enschede: Hier befindet sich das Gas-Kraftwerk Stadshaard (dt.: Stadt-Herd) inmitten des Wohn- und Arbeiterviertels Roombeek an einer der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Das Viertel hat in der Vergangenheit einiges mitmachen müssen, seit im Jahr 2000 die Explosion einer Feuerwerksfabrik weite Teile der Bebauung zerstörte. Insgesamt 1.500 Gebäude wurden beschädigt, davon rund 200 Häuser vollständig zerstört und weitere 300 als unbewohnbar erklärt. Im Zuge des Neuaufbaus und des Neugestaltung entstand auch das Stadshaard, geplant wurde es von Branimir Medic und Pero Puljiz aus dem Büro Cie Architekten.

Der niederländische Künstler entwarf fast 400 Motive
Stromstecker, Eisenbahnen, Bierflaschen, Windturbinen und Königin Beatrix zieren die Platten
1.400 Aluminium-Paneele schmücken die Fassaden

Alles andere als zurückhaltend ist das Kraftwerk mit seiner im Stil Delfter Fayencefliesen bedeckten Fassade ein unverkennbarer Orientierungspunkt innerhalb des Viertels. Auf einer dreieckigen Grundfläche von rund 390 m² erhebt es sich 10 m in die Höhe, sein Schornstein an der Nordwest-Ecke ist 42 m hoch. Fenster sucht man vergebens. Lediglich zwei blaue Türen auf der Rückseite im dunkel gefliesten Sockelbereich des Kraftwerks und zwei unauffällige Lüftungsgitter sind als Öffnungen in der Fassade erkennbar. In seinem Inneren befinden sich zwei riesige Gaskessel, die elektrischen Strom produzieren und mit deren Abwärme rund 900 Haushalte beheizt werden. Fällt ein Winter besonders kalt aus, kann ein konventioneller Heizkessel zugeschaltet werden.

Fliesen und Platten
Das gesamte Gebäude inklusive des Schornsteins ist mit Platten verkleidet, die den traditionellen Delfter Keramikfliesen nachempfunden sind. Dieser holländische Exportschlager ist in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens zu finden: Seine typisch blau weißen Muster zieren einzelne Wandflächen, ganze Räume, Kamine, Kachelöfen oder Geschirr aller Art – und nun auch ein Kraftwerk. Allerdings bestehen die verwendeten Platten nicht etwa aus Keramik, sondern aus 2 mm dünnem Aluminium. Insgesamt 1.400 quadratische, jeweils 1 m² große Aluminiumpaneele bedecken das Kraftwerk. Dahinter verbirgt sich eine mit Betonpaneelen ausgefachte Stahlkonstruktion. Um eine mögliche Überhitzung zu verhindern, wurde die Konstruktion nicht isoliert, sodass die Restwärme aus dem Kraftwerk entweichen kann. Bis zu einer Höhe von 5 m wurden die Aluminiumpaneele auf die dahinterliegende Konstruktion geleimt – die höher gelegenen Elemente wurden verschraubt.

Die wirkliche Besonderheit der Fassade enthüllt sich jedoch erst bei genauerem Hinsehen. Da entdeckt man Stromstecker, Eisenbahnen, Bierflaschen, Windturbinen oder die niederländische Königin Beatrix auf dem Fahrrad. Insgesamt 390 verschiedene Motive zieren das Gebäude, alle wurden von dem Künstler Hugo Kaagman entworfen. Im sogenannten Decalverfahren, einer speziellen Digitaldrucktechnik, wurden sie auf die Paneele aufgebracht. Dabei wurden die Platten nicht direkt bedruckt, sondern die Übertragung erfolgte über eine Trägerfolie (Decal = Abziehbild), die anschließend mit Vakuumdruck und Wärme auf die weiß lackierten Elemente übertragen wurde. Eine abschließende Klarlackschicht schützt die einzelnen Motive vor UV-Strahlung und Graffitis. -kt

Bautafel

Architekten: Branimir Medic und Pero Puljiz von Cie Architekten, Amsterdam/NL
Projektbeteiligte: Arnhem Groep, Duiven/NL (Statik); MSP Dak en Wand, Heerenveen/NL (Fassadenverkleidung); Decall Consulting, De Rijp/NL (Fassadenplatten); Hugo Kaagman, Amsterdam/NL (Plattengestaltung)
Bauherr: Essent Warmte, Hengelo/NL
Fertigstellung: 2010
Standort: Enschede/NL
Bildnachweis: Hugo Kaagman, Amsterdam/NL; Jeroen Musch, Rotterdam/NL und Daan Zuijderwijk, Amsterdam/NL

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