Kirche in Bettingen

Spirituelle Atmosphäre mit Glas und Licht

Viele Kirchengemeinden müssen wegen mangelnder Nachfrage ihre Gemeindehäuser verkleinern oder verkaufen. Doch im schweizerischen Bettingen, nahe Basel, wächst die evangelisch-reformierte Gemeinde. Die alte Dorfkirche wurde zu klein und war so marode, dass sie durch einen größeren Neubau ersetzt werden sollte. Nur eineinhalb Jahre nach ihrem Abriss, im November 2021, öffnete die Neue Kirche Bettingen ihre Pforten. Geplant haben sie der Basler Münsterbaumeister Andreas Hindemann und Glaser Saxer Keller Architekten.

Kirchen werden heute oft abgerissen, so wie die Basler Markuskirche. Drei ihrer Glocken und der goldene Wetterhahn krönen jetzt den Kirchenneubau im benachbarten Bettingen.
Der Neubau in Bettingen ersetzt ein altes, provisorisches Kirchenhaus, das für die wachsende Gemeinde in Bettingen zu klein wurde. Der Neubau erscheint nur wenig größer.
Das Gebäude liegt im Hang, sodass das untere Geschoss teilweise eingegraben ist und über die Baukanten des sichtbaren Volumens hinaus geht.

Kirche fürs Dorf

Von der nördlichen Straßenansicht wirkt der Kalkstein- und Sichtbetonbau nur wenig größer als sein Vorgänger: Seine niedrige Traufkante und schmale Front passen in die dörfliche Struktur. Die südliche Gebäudeseite ist breiter, darüber faltet sich das Dach zu einem Firstpunkt, der genau über dem Altar steht. Trotz dessen bleibt die Kirche unter den Bauhöhen der Umgebung. Selbst der zwölf Meter aufragende Glockenturm erreicht gerade die benachbarten Firsthöhen.

Platz geschaffen

Das Mehr an Fläche ohne sichtbar mehr Volumen rührt aus einem optimierten Grundriss und einem Souterrain her, das sich unter dem Erdgeschoss hinweg in die Breite streckt. Gemeindesaal und Foyer mit Aufzug und Treppe füllen das Parterre. Im Untergeschoss liegen die Sanitärräume, eine Küche sowie ein großer und kleiner Gruppenraum. Er steht für Kirchen- und Jugendgruppen und für die Nachbarschaft zur Verfügung. Aufgrund der Hanglage erhält das Untergeschoss von Westen seitliches Tageslicht. Auf der Ostseite erhellen Oberlichtbänder die eingegrabenen Räume. Der Architekt bleibt bei Grundriss, Material und Mobiliar reduziert und schafft optisch und funktional flexibel nutzbare Flächen auf kleinem Raum. 

Spirituelle Atmosphäre mit Glas und Licht

Glas lässt nicht nur Tageslicht in die Kellerräume dringen. Raumhohe Fenster und Glastrennwände schaffen Transparenz und Weite. Zudem erzeugen versteckte Oberlichter eine spirituelle Raumatmosphäre: Das Zenitlicht fängt sich im Lichttunnel, reflektiert an den Seitenwänden und zieht einen hellen Rahmen um den Altar. 

Glockenturm mit Schmelzglas

Der Glockenturm sorgt für den hohen Wiedererkennungswert und eine Identifikation mit der Kirche. Neben dem von Celestino Piatti gestalteten, goldenen Wetterhahn, „Güggel“ genannt, stammen auch die drei Kirchenglocken aus der abgerissenen Kleinbasler Markuskirche. Dort hingen sie fast hundert Jahre lang offen und sichtbar im Turm. Um dieser Tradition zu folgen und zugleich die Glocken vor Wetter und die Nachbarschaft vor zu lautem Geläut zu schützen, erhielten die Nord- und Südseiten des Turms eine Fassade aus Schmelzglas. Dessen unregelmäßig strukturierte Oberfläche bricht das Sonnenlicht in viele Punkte und zeigt die Glocken als verzerrtes, mit Licht und Läuten bewegtes Bild.

Schmelzglas auf Verbundsicherheitsglas

Die vierzehn Schmelzglasscheiben wurden manuell, eine nach der anderen, im Ofen der Werkstatt produziert. Sie haben eine feste Breite von 57,4 cm und eine Länge von 94,5 cm bis zu 192,1 cm. Dafür musste der Hersteller das Ofenbett samt Hinterlüftung verlängern, um die großformatigen Scheiben schmelzen zu können. So entstanden acht Millimeter dünne, strukturierte Glasplatten. Sie wurden mit einem Zweikomponenten-Silikon ganzflächig auf schalldämmende Verbundsicherheitsgläser (VSG, neun Millimeter) geklebt. 

Das Schmelzglas erschwerte die Montage: Die blinden Sprossen der Stahlrahmen mussten sicher auf die unregelmäßige Glasoberfläche geklebt werden. Zudem ergaben sich durch das Schmelzglas unterschiedliche Glasdicken, die das Bruchrisiko beim Einbau erhöhten. Entsprechend sorgsam mussten die Monteure arbeiten: Sie durften keinen Druck auf die Scheiben ausüben oder Zwänge im Rahmen erzeugen.

Dach mit PV- und Faserzementschindeln 

Auf dem Dach der Kirche sind PV-Dachschindeln zwischen die farb- und formgleichen Faserzementschindeln gesetzt. Sie erzeugen 21.400 kWh Strom – mehr als die Kirche selbst verbraucht. Die Kirche ist damit ein Plus-Energie-Gebäude und erhielt 2022 den Solarpreis der Schweizer Solaragentur. Insofern ist der Neubau nicht nur räumlich und architektonisch, sondern auch energetisch ein Gewinn für die Gemeinde.

Bautafel

Architekt: Andreas Hindemann, Basel, Glaser Saxer Keller Architekten, Bottmingen
Projektbeteiligte: Scholz, Rümlang (Glasarbeiten Glockenturm)
Bauherr*in: Evangelisch-reformierte Kirche BS
Fertigstellung: 2021
Standort: Brohegasse 3-5, 4126 Bettingen, Schweiz
Bildnachweis: Peter Schulthess, Basel, Patrick Scholz, Scholz AG, Rümlang


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