Kabelovna Studios in Prag
Ein Tonstudio in alten Gemäuern
Holešovice im Prager Norden entstand im späten 19. Jahrhundert als Arbeiterkolonie rund um die dort angesiedelten Fabrikbauten. Heute erinnern Schornsteine und verdichtete Innenhöfe an die industrielle Vergangenheit des Stadtteils und locken lokale Kunstschaffende in die Nachbarschaft. So beispielsweise die Kabelovna Studios: Wo früher elektrische Kabel hergestellt wurden, findet sich heute ein Tonstudio für die Postproduktion. Das Planungsteam um B² Architecture kitzelte den Industriecharme aus der alten Fabrik und sorgte mit atmosphärischen Additionen für eine angemessene Akustik.
Ein idealtypisches postindustrielles Kreativquartier
Neben dem Tonstudio haben sich in der Nachbarschaft zahlreiche Kulturzentren, Modelabels, Künstlerateliers und Theaterhäuser angesiedelt – ein postindustrielles Kreativquartier, wie es sich Stadtplaner*innen erträumen. Zum Großteil finden sich diese Nutzungen in den Innenhöfen der gründerzeitlichen Wohnblöcke. Die ehemalige Kabelfabrik stammt aus dem Jahr 1908. Es handelt sich um ein unscheinbares, eingeschossiges Gebäude in Ziegelbauweise.
Das Tonstudio teilt sich seine zentrale Eingangshalle mit einem Kunsthändler und einer Siebdruckproduktion. Hier erzeugt das Gebäude mit seinem dreischiffigen Aufbau und einer zenitalen Belichtung über Obergaden und spitze Lichtkuppeln das Bild einer gemütlichen Markhalle. Von diesem „Wohnzimmer“ genannten Teil erfolgt die Erschließung der einzelnen Einheiten. Nach Feierabend soll der gemeinsam genutzte Raum der ganzen Nachbarschaft für Partys zur Verfügung stehen.
Vertonung in Voiceover-Kabinen
Im Fokus der Revitalisierung stand der Erhalt der industriellen Raumqualität. Gänzlich neu ist ein flächendeckender Bodenbelag aus beigefarbenem Anhydrit – auch bekannt als Calciumsulfatestrich. Darüber hinaus wurden die meisten im Bestand vorhandenen Bauteile saniert und oberflächlich gereinigt. Die vormals verputzten Innenwände befreite man größtenteils von der Putzschicht, sodass auf den meisten Flächen die rohe Ziegelstruktur zum Vorschein tritt. Das dabei entstandene Profil mit unterschiedlich tiefen Fugen begünstigt bereits die Schalldiffusion und sorgt damit für einen gleichmäßigeren Raumklang.
Die eigentlichen Vertonungsarbeiten finden im östlichen Teil der einstigen Fabrik statt. Somit steigt die Anforderung an den Schallschutz, je weiter man ins Innere des Gebäudes vordringt. Durch massive Wände vom gemeinsam genutzten Wohnzimmer abgetrennt, dienen zwei Räume als Aufnahmestudios und ein weiterer als intimes Besprechungszimmer. Die jeweils angedockten Lagerräume im hinteren Teil bestückte man im Falle der Aufnahmestudios mit sogenannten Voiceover-Kabinen.
Wenn Schall zum Gestaltungselement wird
In den beiden Tonstudios übernimmt neben der Ziegelwand ein poröser Deckenabhang die Schallabsorption. Darüber hinaus unterstützt die Möblierung den gleichmäßigen Raumklang. Sofas, Zimmerpflanzen und Leinwände machen durch Diffusion und Streuung einen kleinen, aber bemerkbaren Unterschied. Die geschwungenen Neon-Leuchtstoffröhren nach Entwurf der Architekt*innen tragen zwar nicht zur akustischen Gesamtwirkung bei, visualisieren aber die komplexe Form von Schallwellen und damit auch die Programmatik des Studios.
Glaselemente mit hohen Schalldämmwerten lassen Blicke in die angrenzenden Räume zu. In den abgeschlossenen Voiceover-Kabinen zur Nachvertonung galten höchste Anforderungen an die Raumakustik. Hier bleibt vom Bestand lediglich eine einzelne Ziegelwand erkennbar. Alle weiteren Oberflächen bestückten die Architekt*innen mit Teppich und Akustikelementen aus Schaumstoff. Neben flächigen und profilierten Absorbern sorgen Pyramidenabsorber auch für einen gestalterischen Mehrwert.
Bautafel
Architektur: B² Architecture, Prag
Projektbeteiligte: MAXIM / Lappa design, Prag (Akustikpaneele); Morávek, Náchod - Bražec (Akustiktüren und -fenster)
Bauherr*in: Karel Havlíček (Kabelovna Studio), Prag
Fertigstellung: 2022
Standort: Dělnická 191/27, 170 00 Prag 7, Tschechien
Bildnachweis: Alex Shoots Buildings