Jenaplanschule in Weimar

Partizipativer Planungsprozess

Reformschulen wie Montessori, Comenius, Waldorf oder Jenaplan sind zunehmend gefragt. Sie versprechen auf jeweils eigene Weise ein flexibles, selbstbestimmtes Lernen, mit individueller Förderung, fächerübergreifenden Inhalten, starkem Gemeinschaftssinn und ohne Notendruck. Entsprechend wuchs auch die Jenaplanschule in Weimar. Die staatliche Gemeinschaftsschule wurde 1993 mit nur sechzehn Kindern gegründet. Zwanzig Jahre später zählte sie bereits über 400 Schüler*innen aller Altersstufen. Die bestehenden Gebäude, die bis heute auf zwei Standorte verteilt sind, stießen damit an ihre Grenzen. Benötigt wurden zeitgemäße und größere Räume, die das pädagogische Konzept der Schule besser unterstützten. Am partizipativ organisierten Planungsprozess beteiligten sich neben Verwaltung und Schulgemeinschaft auch drei Architekturbüros: Gernot Schulz Architektur, Ernst2 Architekten und Hausmann Architektur.

In drei Quadern mit jeweils drei Geschossen plus einer Sporthalle ist Platz für rund 350 Schüler*innen.
Die ungewöhnliche Idee, die aus einem Beteiligungsverfahren resultierte: Erschließungsflächen werden außen auf eine Stahlkonstruktion verlegt. Das spart Heizkosten und schafft im Innern mehr Platz für den Unterricht.
Der Außenraum erweitert bei milden Temperaturen die Unterrichtsfläche. Natur und Landschaft werden zum Lernort.

Nach Phase Null
2014 eröffnete die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen die Möglichkeit, die Schulplanung als öffentlich gefördertes Pilotprojekt für neue pädagogische Räume anzugehen. Unterstützung kam unter anderem von der Bauhaus-Universität Weimar und der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Mit ihrer Hilfe wurde ab 2016 ein Beteiligungsverfahren initiiert, bei dem Schulgemeinde und Architekturbüros bereits in der Phase Null zusammenkamen, um Bedarf und Möglichkeiten auszuloten. Erst daraus ging der Beschluss hervor, den maroden DDR-Typenbau an einem der beiden Standorte abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Heute werden dort rund 350 der insgesamt etwa 850 Schüler*innen unterrichtet.

Partizipative Planung

Die Partizipation zog sich über den gesamten Planungs- und Bauablauf von Leistungsphase Null bis Acht und bezog die gesamte Schulgemeinde, alle Planungsteams und die Verwaltungsebene in unterschiedlichen Formaten ein. Es gab Workshops zu verschiedenen Themen, Exkursionen, eine Selbstbauwoche und Informationsveranstaltungen, zu der auch die Nachbarschaft eingeladen wurde. Jeder große Meilenstein wurde zudem mit einem Schulfest gefeiert. 

Eine Lenkungsgruppe aus Schulleitung, Verwaltung, Architekt*innen und Montag Stiftung kam regelmäßig zusammen und lud bei Bedarf Fachplanende sowie weitere Gäste zum Austausch ein. Zudem liefen während der Planung alle Informationen über eine von der Montag Stiftung bereitgestellte und betreute digitale Plattform zusammen, darunter etwa Pläne, Dokumente und Protokolle. Dort konnten Planungsteams, Schulleitung und kommunale Verwaltung den detaillierten Planungsstand, alle wichtigen Dokumente und Diskussionspunkte jederzeit und transparent einsehen und sich dazu direkt austauschen.

Ziel der Partizipation war, die Bedürfnisse abzufragen und prozessbegleitend bedarfsgerechte, auch ungewöhnlichen Lösungen zu entwickeln. So sollten Räume entstehen, die flexibler auf verändernde pädagogische Konzepte reagieren können. Diese Lösungen zahlen sich am Ende auch finanziell aus, sowohl beim Bau als auch bei der Nutzung. Denn mehr Flexibilität und eine optimierte Flächenausnutzung erübrigen spätere Raumerweiterungen und Umbaumaßnahmen.    

Architektur

Entstanden sind drei quaderförmige Betonskelettbauten mit jeweils drei Geschossen, umlaufenden Laubengängen und außenliegender Metalltreppe. Diese Bauweise befreit die Innenräume von Erschließungsflächen, sowie von tragenden Wänden und Fluchtwege-Auflagen. Sie spart zugleich Energie, weil Treppenhäuser und Flure außerhalb der Gebäudehülle liegen und nicht beheizt werden müssen. Im Innern entstehen frei teilbare Grundrisse, die mit Holz-Glas-Wänden, eingestellten Einbauten aus Holz, Vorhängen und Holzfaltelementen zoniert werden. Wände lassen sich bei Bedarf leicht versetzen oder ganz entfernen.

Ausbaustandard

Die Flexibilität im Grundriss geht mit einem reduzierten Ausbaustandard einher: Stahlbetonträger und Estrichboden bleiben sichtbar, die Wände unverputzt, Elektroleitungen sind in Kabelkanälen auf den Oberflächen verlegt. Details und Bauteilanschlüsse bleiben ablesbar und leicht zugänglich. Lediglich für die Akustik wurde die Decke abgehängt und mit Absorberflächen versehen. Eine Luft-Wärmepumpe mit PV-Unterstützung versorgt die Fußbodenheizung, ansonsten wird das Gebäude low-tech über die Fenster belüftet und durch die Laubengänge verschattet.  

Schule als Werkstatt 

Die Außenwände sind mit einer Fassade aus Trapezblech versehen, die vorgestellten Stahlbalkone mit Metallnetzen gesichert. Alle Elemente sind einheitlich in Mintgrün lackiert. Zusammen mit den frei sichtbaren Konstruktionen entsteht ein Werkstattcharakter, der nicht nur dem begrenzten Budget entspricht, sondern auch zur praxis- und projektorientierten, alters- und fächerübergreifenden Pädagogik der Schule passt. So bauten die Schüler*innen im Rahmen einer Selbstbauwoche Tische, Podeste und Garderoben selbst zusammen. 

Auch Partizipation: Erfahrungen teilen 

Nicht nur Planung und Bau verliefen partizipativ, auch die anschließende Dokumention bezieht Dritte mit ein: Als Pilotprojekt ging das Planungsvorhaben mit seinen Plänen, Gutachten und Kostenaufstellungen in die Schulbau-Open-Source-Plattform der Montag Stiftung ein. Dort sind die Lösungen und ihre Auswertungen öffentlich zugänglich. Was lief gut, wo lagen die Herausforderungen, welche Ansätze erwiesen sich als wenig geeignet? Die Jenaplanschule in Weimar ist damit eines von fünf Pilotprojekten, die auf der Plattform veröffentlicht sind und deren Erfahrungen partizipative Prozesse bei künftigen Schulbauprojekten unterstützen sollen.

Bautafel

Architektur: gernot schulz : architektur, Köln; Ernst2 Architekten, Stuttgart; Hausmann Architektur, Frankfurt a.M.
Planungbeteiligte: Rabe Landschaften, Hamburg; Station C23, Leipzig (Landschaftsplanung), IB Matthias Münz, Weimar; IB Leonhardt, Andrä und Partner, Stuttgart (Tragwerksplanung); IBC Ingenieurbau-Consult, Mainz (Brandschutzplanung); IB Hausladen, Kirchheim b. München (Bauphysik, HLS-Planung); IB Endter und Butler; Erfurt (HLS-Planung); IB Fruth, Grässner & Partner, Sömmerda; STF Energy, Dülmen (Elektroplanung); Hoock & Partner, Regensburg (Akustikplanung), Walter Heilmann (Pädagogische Beratung), IB BMPesch (Risikomanagement), Ökomarkt, Hamburg (Beratung Küchenplanung), Bauhaus-Universität Weimar, Kulturagenten für kreative Schulen, Halle an der Saale (Beratung), nitschke + kollegen architekten, weimar (Sporthalle Architektur)
Bauherrin: Stadt Weimar in Kooperation mit der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar, der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Bonn und der IBA Thüringen
Fertigstellung: 2025
Standort: Am Hartwege 2, 99425 Weimar
Bildnachweis: Thomas Müller, Weimar / Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

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