House for Five Women bei Gradacac

Farbige Blechverkleidung über 20 Glastüren

Nach dem Krieg wurde die Save zum Grenzfluss zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegovina. In der bosnischen Hälfte seitdem geteilten Region Posavina liegt die Kleinstadt Gradačac. Zwei Kilometer südwestlich, im Dorf Gornji Lukavac, wurde Anfang 2025 das House for Five Women eingeweiht. In dem vom serbisch-schweizerischen Architekturbüro TEN entworfenen, farbenfrohen Gebäude leben alleinstehende, weibliche Kriegs- und Gewaltopfer.

Das Gemeinschaftsprojekt bietet Wohnraum für alleinstehende, weibliche Kriegs- und Gewaltopfer.
Die Straßenfassade hat im Erdgeschoss eine Glasfront mit 20 Türen.
An beiden Enden befindet sich je ein Sanitärkubus

Das Projekt wurde von Hazima Smjalovic initiiert und gemeinsam mit Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (IngOG+) und der Gemeinde Gradačac weiterentwickelt. Eigentümerin des Hauses und für dessen Betrieb verantwortlich ist die von IngOG+ gegründete Stiftung Naš Izvor (Deutsch: Unsere Quelle) in Zusammenarbeit mit der lokalen Frauenorganisation Vive Žene. Ziel ist es, für traumatisierte, sozial benachteiligte Frauen und ihre Kinder ein sicheres Zuhause zu schaffen. Sie werden Teil einer Wohngemeinschaft, die sich durch Bewirtschaftung des umliegenden Landes weitgehend selbst versorgt.

Halb Rückzugsort, halb Gemeinschaftsort

Nach sieben Jahren Projektentwicklung einschließlich Akquise und zweijähriger Bauzeit ist ein ein- bis zweigeschossiges Gebäude entstanden. Fünf abgeschlossene Zimmer mit eigenen Kochnischen reichen sich an der Fassade zum rückwärtigen Gartenbereich auf. Quer dazu erstreckt sich ein breiter, 90 Quadratmeter großer Gemeinschaftsbereich mit Esstisch, Sitzecke und einer langen aufgeständerten Arbeitszeile, die als Küche sowie zur Verarbeitung der angebauten Lebensmittel dient. Ein Oberlichtband markiert den Übergang zwischen beiden Zonen und vermittelt zwischen deren unterschiedlichen Raumhöhen. An beiden Enden des Gemeinschaftsbereichs befinden sich zwei geschlossene Sanitärkuben, die auch vom Garten aus begehbar sind.

Als einziger Raum im Obergeschoss befindet sich über dem Gemeinschaftsbereich ein 26 Meter breiter, nur gut zwei Meter tiefer Multifunktionsraum, der der von der traditionellen Typologie des Hirtenlagers inspiriert ist und Platz bietet für verschiedene saisonale Funktionen wie der Lagerung von Lebensmitteln aber auch für die Unterbringung zusätzlicher Bewohner oder Gäste. Ganz Landschaftsarchitekten aus Zürich waren für die Außenraumgestaltung zuständig. Dazu zählen die Anlage eines Gemüsegartens sowie die Pflanzung von Ahornbäumen und eines Walnussbaums. Wichtig war dabei die Einbindung in den landschaftlichen Kontext.

Fassade: Teppich aus farbigem Blech

Die Straßenfassade mit breiter Glasfläche im Erdgeschoss und einer bunten Blechfront darüber bildet den Blickfang des Gebäudes. Zehn Doppelflügeltüren reihen sich aneinander und öffnen mit einladender Geste den Gemeinschaftsbereich zur Straße. Die Sanitärkuben sind betoniert, die Außenwände der Individualräume mit Spritzputz versehen. Im Innenraum ist die Grenze zwischen Gemeinschafts- und Rückzugsbereich durch rote, unverputzte Ziegelwandflächen markiert.

Die Fassade des Obergeschosses gestaltete die in Zürich lebende iranische Künstlerin Shirana Shahbazi. Den dahinterliegenden, langgezogenen Mulitfunktionsraum realisierte man als Raumfachwerkkonstruktion mit geschweißten Stahlkastenprofilen. Die gedämmte Hülle ist innenseitig mit Sperrholzplatten beplankt, außen hingegen mit Blechen auf einer Lattung verkleidet. 

Inspiriert von farbigen, zum Lüften und Entstauben raus gehängten Teppichen, unterteilte Shahbazi die Fläche in unterschiedlich große farbige Rechtecke in Dunkelblau, Olivgrün und mehreren Rot- und Pinktönen. Ihre heiteren Farben erhielten sie in einer lokalen Autolackiererei, wo die Bleche geschliffen und gespritzt. Die glatte Lackoberfläche in Verbindung mit vielen kleinteiligen Beulen und Verwerfungen der dünnen, punktuell angehefteten Bleche verleiht der Obergeschosshaut eine fragile, folienartige Anmutung. Gartenseitig lassen sich bewegliche Fassadenelemente über die gesamte Raumbreite hinweg nach oben klappen und werden dabei von Gasdruckfedern gehalten.

Bautafel

Architektur: TEN Studio, Zürich / Belgrad
Projektbeteiligte: Ognjen Krašna, Jana Kulić, Aleksanda Bašić, Lukas Burkhart, Nemanja Zimonjić (Projektteam Architekturstudio); IngOG+ Ingenieure ohne Grenzen Schweiz (Projektkoordination, Planung, Finanzierungsmanagement); Hazima Smajlović (Projektinitiatorin); Shirana Shahbazi, Zürich (Künstlerin, Fassade und Innenraum); Daniel Ganz, Zürich (Landschaftsarchitekt); Miodrag Grbić (Statik); Bessire Winter (kooperierendes Architekturbüro); Subhija Smajlović, Adnan Begović, Aida Hrustić, Esmir Mehanović (lokale Unterstützung)
Bauherr*in: Naš Izvor Gradačac
Fertigstellung: 2025
Standort: Gornji Lukavac 394, 76250 Gradačac, Bosnien und Herzegowina 
Bildnachweis: Maxime Delvaux und Adrien de Hemptinne, Brüssel; Miloš Martinović, Belgrade (Fotos); TEN, Zürich / Belgrad (Pläne)

Fachwissen zum Thema

Vorgehängte, hinterlüftete Fassade aus Titanzinkblech am Jüdischen Museum, Berlin (Beispiel leichte Bekleidungselemente)

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Fassadenelemente

Bekleidungselemente

Polychromes, ornamentiertes Renaissance-Fachwerk

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Grundlagen

Farbe in der Architektur

Goldfarben eloxiertes Aluminium am Berliner Axel-Springer-Hochhaus (1965), Architekten Melchiorre Bega, Gino Franzi, Franz Heinrich Sobotka und Gustav Müller

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Materialien

Metalle

Bei Eingängen und Fluchttüren ist darauf zu achten, dass sie barrierearm sind.

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Fassadenelemente

Türen und Toranlagen

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