Holzparkhaus Wendlingen
Fünf Ebenen in offener Bauweise
Das Holzparkhaus Schwanenweg in Wendlingen am Neckar ist zum Zeitpunkt seiner Errichtung (2024) das größte seiner Art in Deutschland. Realisiert wurde es nach Plänen der Stuttgarter Herrmann + Bosch Architekten im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA'27). Seine Lage auf dem ehemaligen Gelände der Erwin Behr Möbelfabrik, zwischen dem Bahnhof Wendlingen (Neckar) und dem neu entstehenden Otto-Quartier, ist strategisch günstig. Das Parkhaus ist angebunden an den öffentlichen Nahverkehr, die Autobahn A8 nicht weit. Als Park-and-Ride-Hub fördert es die umweltfreundliche Mobilität in der Region.
Ovale Form für optimale Nutzung
Der ovale Grundriss ist begründet durch die speziellen Gegebenheiten des Grundstücks. Dank der gerundeten Form ließen sich tote Winkel vermeiden und die Anzahl der Stellplätze maximieren. Mit einer Höhe von 18,90 Metern erstreckt sich das Gebäude über fünf Ebenen. Es bietet Platz für 350 Pkw-Stellplätze und 100 Fahrradstellplätze. Zusätzlich stehen 56 Fahrradboxen, zehn E-Bike-Ladestationen und eine Fahrradservicestation zur Verfügung.
Die Konstruktion basiert maßgeblich auf dem nachwachsenden
Rohstoff Holz: Die tragende Struktur besteht aus Stützen und
Trägern aus Brettschichtholz (BSH), während die Decken mit 12 cm
starken Brettsperrholzplatten (BSP) ausgeführt sind. Insgesamt
wurden etwa 2.400 Kubikmeter Holz verbaut, was nicht nur eine
nachhaltige Ressourcennutzung darstellt, sondern auch zur Bindung
von circa 1.980 Tonnen CO₂ beiträgt. Konstruktiv bemerkenswert ist
die stützenfreie Gestaltung der Parkebenen, ermöglicht durch 16
Meter weit spannende und 108 cm hohe Brettschichtholzträger. Damit
ist eine flexible und effiziente Nutzung der Stellflächen
möglich.
Kreislauffähig und flexibel
Ein zentrales Anliegen bei der Planung war die Kreislauffähigkeit des Gebäudes. Auf Verbundmaterialien wurde verzichtet, nahezu alle Verbindungen sind gesteckt oder geschraubt. Dies erleichtert einen späteren Rückbau, ermöglicht eine sortenreine Trennung der Materialien und fördert deren Wiederverwendbarkeit. Die Fassade des Parkhauses ist funktional und ästhetisch gestaltet: Die Südseite zur Straße ist mit Metallgittern versehen, als Rankhilfe für Kletterpflanzen und um eine natürliche Belüftung zu ermöglichen. Das lichtdurchlässige Profilglas an der Nordseite verbessert den Lärmschutz zum angrenzenden Wohngebiet.
Zunächst wurden die beiden Treppenhäuser und das zentrale Rampensystem aus Beton errichtet. Anschließend folgte die Montage der Holzkonstruktion, wobei die Verwendung vorgefertigter Bauteile den Bauprozess erheblich beschleunigte. Dank einer mit 2,30 Metern großzügigen lichten Geschosshöhe ließe sich das Gebäude potenziell umnutzen: Diese Dimensionen erlauben eine Umwandlung in Wohn- oder Arbeitsräume.
Die natürliche Belüftung des Parkhauses wird durch die offene Bauweise an drei Seiten gewährleistet. Mechanische Lüftungssysteme sind damit überflüssig, was den Energieverbrauch reduziert. Durch die Fassadenbegrünung wird das Gebäude aufgewertet, sie verbessert das Mikroklima und fördert die Biodiversität.
Anforderungen an den Brandschutz
Maßgeblich für die Brandschutzanforderungen an ein Gebäude ist zunächst die Einordnung in die jeweilige Gebäudeklasse (GK) gemäß Musterbauordnung (MBO) bzw. den daraus abgeleiteten Landesbauordnungen (LBO). Danach sind oberirdische Garagen ohne Aufenthaltsräume in den Obergeschossen, der Gebäudeklasse (GK) 3 zuzuordnen, da die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist, im Mittel weniger als 7,00 m über der Geländeoberfläche liegt. Nach Landesbauordnung für Baden-Württemberg ist das Holzparkhaus also der GK 3 zuzuordnen und wird gemäß LBO nicht als Sonderbau eingestuft. Es unterliegt jedoch den Anforderungen der Garagenverordnung (GaVO), die den Brandschutz dieser Gebäude und deren spezifisches Gefahrenpotenzial berücksichtigt.
Laut § 6 der GaVO müssen tragende Bauteile mehrgeschossiger, offener Großgaragen entweder aus nicht brennbaren Materialien (A) bestehen oder feuerbeständig (F90-B) sein. Diese Regelung stellt eine Herausforderung für Holzbauwerke dar, da Holz als brennbarer Baustoff klassifiziert ist. Allerdings kann durch geeignete Brandschutzmaßnahmen ein ausreichendes Sicherheitsniveau erreicht werden.
Im Einklang mit den Schutzzielen des § 15 LBO wird die Entstehung eines Brandes durch technische und organisatorische Maßnahmen verhindert. Da die Garage keine raumabschließenden Bauteile hat, kann eine Brandausbreitung nur bedingt durch Materialwahl verhindert werden. Zur Rettung von Menschen und um wirksame Löscharbeiten zu gewährleisten, wurden zwei fünfgeschossige Treppentürme aus Stahlbeton errichtet – eine übliche Lösung in der mehrgeschossigen Holzbauweise.
Herausforderungen für die Feuerwehr
Offene Großgaragen stellen für die Feuerwehr eine besondere Herausforderung dar. Aufgrund von Erleichterungen in der GaVO sind Bauweisen ohne oder mit geringem Feuerwiderstand zulässig, sofern sie durch Robustheitsanforderungen kompensiert werden. Diese Anforderungen haben ihren Ursprung in der Europäischen Norm DIN EN 1990, die festlegt, dass lokale Schäden nicht zum Einsturz des gesamten Bauwerks führen dürfen.
Holzkonstruktionen können hinsichtlich ihrer Robustheit mit eingeschossigen Industriebauten verglichen werden. Der „Untersuchungsbericht zu Hallen in Holzbauweise nach MIndBauRL“ bestätigt, dass Tragwerke aus Holz, die nach „kalten“ Kriterien bemessen wurden, brandschutztechnisch als robust gelten. Während Stahlbauteile im Vollbrand durch Erwärmung schnell versagen, führt die langsame Abbrandgeschwindigkeit von Holz zu einer graduellen Schwächung der Tragfähigkeit.
Die Feuerwehr muss sich darauf einstellen, dass Holztragwerke unter Brandeinwirkung zwar länger tragfähig bleiben als ungeschützte Stahlkonstruktionen, aber dennoch während der Brandbekämpfung oder Personenrettung versagen können. Besonders wichtig ist deshalb, dass Rückzugswege nicht durch einstürzende Bauteile versperrt werden.
Brandsimulation und Brandverlauf
Da Standardregelungen zur Robustheit von Industriebauten nicht direkt auf Hochgaragen übertragbar sind, wurden CFD-basierte Brandsimulationen (CFD = Computational Fluid Dynamics, auf deutsch: numerische Strömungsmechanik) durchgeführt. Dabei wurden verschiedene Brandverläufe modelliert, insbesondere unter Berücksichtigung der Feuerwiderstandsfähigkeit der tragenden Bauteile.
Die Simulation zeigte, dass innerhalb von zehn Minuten die Temperatur auf der Hälfte des Parkdecks über die Zündtemperatur von Holz (ca. 300°C) ansteigt. Nach elf Minuten wird die Hälfte des Parkdecks von Flammen erfasst. Unter optimalen Bedingungen und frühzeitiger Alarmierung könnte die Feuerwehr innerhalb dieser Zeit erste Löschmaßnahmen einleiten. Allerdings würden diese zu dem Zeitpunkt vermutlich noch nicht ausreichen, um eine weitere Brandausbreitung zu stoppen.
Abweichungen und Kompensationsmaßnahmen
In Abstimmung mit den Genehmigungsbehörden wurde eine Reduktion der geforderten Feuerwiderstandsdauer von 90 Minuten auf 60 Minuten erzielt – im Gegenzug waren Kompensationsmaßnahmen erforderlich. Diese umfassten eine rechtzeitige Branderkennung und Alarmierung, eine ausreichende Standsicherheit während der Rettungs- und Löscharbeiten, gesicherte Rettungs-, Angriffs- und Rückzugswege sowie den Schutz gegen Brandüberschlag auf Nachbargebäude.
Da das Parkhaus über zwei vertikale bauliche Rettungswege aus nicht brennbaren Materialien (Stahlbeton) verfügt, wurde auf eine automatische Brandmeldeanlage (BMA) mit direkter Aufschaltung zur Feuerwehr verzichtet.
Bautafel
Architektur: herrmann+bosch architekten
Projektbeteiligte: knippershelbig (Tragwerksplanung); brandschutz plus (Brandschutz); H+H Planungsgesellschaft (HLSE-Planung); Planstatt Senner (Landschaftsarchitektur); GN Bauphysik (Bauphysik)
Bauherr/in: Stadt Wendlingen am Neckar
Standort: Schwanenweg 1, 73240 Wendlingen am Neckar
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Roland Halbe, Stuttgart; herrmann+bosch architekten, Stuttgart
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