Haus Hoinka in Pfaffenhofen

Flexibles Wohnen mit Strohdämmung

Prägend für Pfaffenhofen, ein Dorf im Landkreis Heilbronn, ist die idyllische Ortsmitte mit Kirche und Fachwerkhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das neue Haus Hoinka folgt mit seiner Kubatur dem Vertrauten und zeigt zugleich vielfältige Möglichkeiten nachhaltigen Bauens. Geplant wurde das 2023 fertiggestellte Wohnhaus vom Stuttgarter Architekturbüro Atelier Kaiser Shen.

Die strohgedämmten Wohngeschosse lagern auf vier Stützen und einer kreuzförmigen Wand aus Beton.
Derart angehoben befindet sich die Stroh-Holz-Konstruktion in sicherem Abstand zu Bodenfeuchte und Spritzwasser.
Das offene Erdgeschoss kann weiter ausgebaut werden, so wie an dieser Ecke.

Auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, dass sich hinter der Holzfassade eine Strohballendämmung und ein Innenputz aus Lehm verbergen. Die natürlichen, wieder trennbaren und weiterverwendbaren Materialien hatte sich der Bauherr gewünscht, der selbst als Bauphysiker und Energieberater tätig ist. Für Boden, Decke, Dach und Wand kam die Stroh-Lehm-Kombination zum Einsatz. Lange bewährte Bauweisen leben hier wieder auf und machen das Gebäude zu einem Musterhaus für das Bauen mit Stroh.

Integration ins Dorfbild

Der aufgeständerte und holzverkleidete Baukörper wirkt bei geschlossenen Fensterläden monolithisch, was den Gegensatz zum offenen Erdgeschoss noch unterstreicht. Das Gebäude passt sich mit Abmessungen von 12 x 18 m, einer Firsthöhe von 14 m und einem steilen Satteldach problemlos in die Nachbarschaft ein. Mit Ausnahme der beiden Balkontüren verfügen alle Fenster im Obergeschoss über das gleiche Format. Das Dach ist vollflächig mit Photovoltaik-Modulen gedeckt, die gleichzeitig die wasserführende Schicht der Dachkonstruktion bilden. Zwei breite Fensterbänder dicht über dem Kniestock lassen Tageslicht in die oberen Wohnungen.

Aus zwei mach vier

Hinter seiner einfachen Grundform verbirgt das Gebäude ein flexibles, verschachteltes Doppelwohnhaus. Das ist bereits von außen erkennbar, anhand der variierenden Brettbreiten der Weißtannenverschalung. Die beiden je 160 m2 großen Maisonette-Wohnungen werden jeweils durch eine einläufige Treppe erschlossen. Im ersten Obergeschoss ist das Gebäude in Längsrichtung geteilt, während die Teilung im Geschoss darüber in Querrichtung erfolgt. Dadurch sind die Wohneinheiten verschränkt und verfügen zugleich über Fenster in vier Himmelsrichtungen.

Die Wohnungen setzen sich jeweils aus acht gleichwertigen Räumen zusammen, mit einer Grundfläche von ca. 4 x 4 m. Im ersten Obergeschoss reihen sich vier von ihnen in Längsrichtung auf und bilden eine Enfilade mit Flügeltüren oder offenen Durchgängen. Im Dachgeschoss gruppieren sich die übrigen vier um einen kompakten Flur herum. Je nach Bedarf lassen sich die Räume als Küche, Schlaf-, Wohn- oder Esszimmer einrichten. Lediglich die Bäder und WCs sind aufgrund der Installationen fest verortet. Darüber hinaus können die Maisonettewohnungen auch geschossweise in zwei übereinander liegende Einheiten geteilt werden. Dabei werden die an den Treppen befindlichen Zimmer- zu Wohnungstüren.

Ohne größere bauliche Maßnahmen ist es also möglich, das Gebäude den sich ändernden Lebensumständen der Bewohner*innen anzupassen. Es ist etwa vorstellbar, dass nach dem Auszug der Kinder ein Geschoss weiterhin von den Eltern bewohnt wird, während sie das andere untervermieten. Die beiden Architekten bezeichnen ihr Konzept als „unfertiges Haus“. Inspiration für die nutzungsoffene Struktur waren unter anderem die Cité Verticale in Casablanca, geplant von Georges Candilis, Shadrach Woods und Victor Bodiansky. Den 1952 fertiggestellten Wohnblock eigneten sich die Bewohner*innen sukzessive an, indem sie die Innenräume und Loggien in Eigenregie mehrfach um- und ausbauten.

Solide, doch offene Basis

Die Obergeschosse des Wohnhauses ruhen auf einem großen Kreuz aus Beton sowie vier Stützen, wodurch vier offene Räume im Erdgeschoss entstehen, die die Architekten als „Möglichkeitsraum“ bezeichnen. Bisher wurde nur eines der jeweils etwa 40 m2 großen Quadrate vom Bauherrn mit einer nicht mit Stroh gedämmten Fassade versehen und in eine Einliegerwohnung umgewandelt. Die übrigen Möglichkeitsräume könnten künftig einen Wintergarten, eine Werkstatt oder eine Ladestation für E-Autos beherbergen. Die Betonbasis hat einen weiteren Vorteil: Da die Bodenplatte der Wohngeschosse ebenfalls aus Holz und Stroh besteht, benötigt sie Schutz vor Spritzwasser und Bodenfeuchte. Dieses Problem lösten die Planer mit einem ungewöhnlichen Kniff: Sie hoben den Baukörper an und ständerten ihn um ein ganzes Geschoss auf.

Gut eingepackt

Die 36,5 cm dicken Strohballen wurden in eine Konstruktion aus Brettsperrholz gedrückt. Überschüssiges Stroh, das über den Rahmen hinausragte, schnitt man mit der Heckenschere ab. Raumseitig wurden die Wände mit einer fünf Zentimeter dicken Lehmschicht verputzt, die auch dem Brandschutz dient. Einem Feuer hält diese Konstruktion 90 Minuten Stand (F 90). Im direkten Vergleich mit einer klassisch gedämmten Doppelhaushälfte gleicher Größe spart das Gebäude 95 Prozent an CO2 ein. Weiterhin speichert das Holz, das für den Bau verwendet wurde, rund 100 Tonnen CO2.

Energieeffizientes Wohngebäude

Für den Betrieb des Hauses werden hauptsächlich erneuerbare Energien verwendet. Die Photovoltaik-Anlage soll 30.000 kWh Strom pro Jahr liefern. Dies übersteigt deutlich den prognostizierten Verbrauch. Ein Tagesstromspeicher mit einer Kapazität von 10 kWh sorgt dafür, dass der am Tag gewonnene Strom auch in den Abendstunden und in der Nacht verfügbar ist. Geheizt und gekühlt wird mit einer reversiblen Wärmepumpe, die eine Lehm-Deckenflächenheizung bedient.

Insgesamt erreicht das Haus den KfW-40-Plus-Effizienzhaus- und den Effizienzhaus-Plus-Standard, da es einen negativen Jahres-Primärenergiebedarf sowie einen negativen Jahres-Endenergiebedarf hat. Der Besitzer plant, es im bewohnten Zustand einem einjährigen Monitoring zu unterziehen, um die tatsächlichen Verbrauchswerte mit den errechneten zu vergleichen.

Bautafel

Architektur: Atelier Kaiser Shen, Stuttgart
Projektbeteiligte: Hoinka, Stuttgart (Nachhaltigkeit / Bauphysik); Energa-plan, Stuttgart (HLSE); Etgenium, Langenbach bei Kirburg (Brandschutz); Planungsgruppe Kuhn, Sindelfingen (Schallschutz); Silvia Barbosa Kaiser, Stuttgart (Lichtplanung); Haass, Güglingen (Holzbau), Heyd Zimmerei - Holzbau, Heilbronn (Rohbau); Zimmerei Tobias Scheuermann, Sachsenheim (Holzfassade und Strohballen-Dämmung ); Stukkateur Link, Lauffen a/N. (Trockenbau / Lehmbau); Schreinerei Jauß, Sachsenheim (Innentüren); Danner Metallbau, Güglingen-Frauenzimmern (Stahlbau Balkone); HS Blechschmiede. Spenglerei, Heilbronn (Flaschnerei, Balkonabdichtung); DTC, Reutlingen (Elektriker)
Bauherrschaft: privat
Standort: Keltergasse 5, 74397 Heilbronn
Fertigstellung:
2023
Bildnachweis: Brigida González (Fotos); Atelier Kaiser Shen (Baustellenfotos und Pläne)

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Viele verschiedene Materialien lassen sich zu Dämmstoffen verarbeiten.

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Stroh ist in Deutschland lokal verfügbar.

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