Haus am Mühlestutz in Schwarzenburg
Selbsttragende Dämmung aus Hanfkalksteinen
Nicht selten kommt es vor, dass Einfamilienhäuser mit den Jahren zu Einpersonenhäusern werden. Gestatten Grundrisse und Bewohnerschaft jedoch den Einzug neuer Nachbar*innen, lässt sich Leerstand verhindern. Beim Haus am Mühlestutz schufen die Architekten Raphael Hähni, Jens Knöpfel, Leopold Strobl gute Voraussetzungen für eine lebendige Zukunft. Darüber hinaus fanden sie eine Architektur, die auch ohne Beton monolithisch wirkt.
Der Mühlestutz liegt in Schwarzenburg, einem Dorf südlich von Bern. Hier steht der Neubau mittig auf einem trapezförmigen Grundstück, das sich zum südlich abfallenden Hang verjüngt. Im Norden und Osten führen zwei Wohnstraßen vorbei – von einer vorgelagerten Wiese und hohen Fichten auf Abstand gehalten. Auf der Westseite schirmen das Haus und die benachbarte Garage einen Hof ab – ein Rückzugsort im Schatten niedriger Obstbäume.
Haus für (k)eine Familie
Das Haus verfügt über eine langgestreckte Kubatur mit Satteldach. Zwei große Tore an den Längsseiten markieren die Eingänge. An dieser Stelle verbindet ein hallenartiger, doppelgeschossiger Raum Wiese und Obstgarten und teilt die Grundrisse von Erd- und Obergeschoss in ungleiche Hälften. In der kleineren Hälfte ist die Treppe platziert, daneben im Erdgeschoss ein Gäste-WC und ein Praxiszimmer, im Obergeschoss ein Schlafzimmer. Die größere Hälfte dient ebenerdig als Wohnküche, während sich oben zwei weitere Schlafzimmer sowie Bad, WC und ein offener Hauswirtschaftsraum befinden. Im nicht unterteilten Dachgeschoss stehen Klavier und Schlagzeug bereit. Auf einen Keller wurde verzichtet.
Aktuell wohnt hier die private Bauherrschaft und betreibt eine Physiotherapiepraxis. Doch nur kleine Eingriffe sind nötig, um die Hausteile anders zusammenzuschalten, etwa damit eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss oder zwei unabhängige Haushälften entstehen. Auch die Leitungsanschlüsse im Dachgeschoss sind bereits vorbereitet, sodass hier ebenfalls eine Wohneinheit entstehen kann. Gemeinsam bleibt in jedem Fall die nutzungsneutrale, zwischen den Gartenzonen vermittelnde Halle.
Scheibenartige Pfeiler und gemauerte Dämmung
Diese Flexibilität ermöglicht vor allem das Tragwerk: Wandpfeiler und Decken aus Fichten-Brettschichtholz bilden die Grundstruktur. In regelmäßigem Achsmaß sind je fünf der identischen, scheibenartigen Pfeiler an den Längs- und drei an den Schmalseiten angeordnet. Tragend sind außerdem die Holzständerwände, die die zentrale Halle flankieren und dort die Medienleitungen nach oben führen. Alle übrigen Innenwände sind nichttragend.
Die eigentliche Hülle bilden Mauerwerkswände aus 380 mm breiten Hanfkalksteinen, die innen und außen mit Kalk verputzt sind. Sie stehen als selbsttragende Dämmung vor den 140 mm starken Holzpfeilern, sodass aufwändige Ausschnitte im Hanfstein vermieden und das Verputzen erleichtert wurden. Zudem bleibt die tragende Struktur im Innenraum sichtbar.
Dämmung: Steine aus Hanf und Kalk
Auf der Suche nach einem Material, mit dem sich monolithische Wände bauen lassen, untersuchten die Architekten auch Stroh. Hanfkalk überzeugte sie jedoch aus mehreren Gründen: Einerseits verfügt er über hervorragende klimatische Eigenschaften. Als massiger Dämmstoff weist er eine hohe thermische Trägheit auf und mit Kalk verputzt entstehen feuchtigkeitsregulierende, diffusionsoffene Außenwände. Somit sind monolithische Konstruktionen realisierbar, ohne Dampfsperren und Klebstoffe.
Prinzipiell sind die Wände bei entsprechendem Unterhalt unbegrenzt haltbar, solange Kalkputz und Hanfkalk vor dauerhafter Nässe geschützt bleiben. Hinzu kommt, dass Hanfkalksteine mit herkömmlichen Bauabläufen kompatibel sind und sich gut mit einem Holzbau kombinieren lassen. Schließlich wird bei der Herstellung eines Steins weniger CO2 ausgestoßen als die Hanfpflanzen jeweils binden.
Pionierhafte Detailarbeit
In Frankreich und Belgien gibt es mittlerweile viele Beispiele für die Verwendung der Steine, anders als in der Schweiz und Deutschland. Die Architekten mussten also nicht nur ein Bausystem entwickeln, das mit begrenztem Zeit- und Budgetrahmen realisierbar ist, sondern auch Details, die mit Schweizer Standards vereinbar sind.
Herausfordernd waren etwa die großen Öffnungen: Als Fenstersturz wurden Hanfsteine mit U-Profil gemauert und anschließend ausbetoniert. Die Fenster selbst sind an die Innenkante der Mauerwerksöffnung gerückt und dabei an der Holzstruktur angeschlagen. So war es ebenfalls möglich, die Markisen im Sturzbereich zu befestigen. Der recht poröse Hanfkalk hätte nicht genügend Halt geboten. Als Fensterbank dient eine Faserzementplatte.
Oben schützt ein breiter Dachüberstand vor Regen, unten verhindern Granit-Straßenbordsteine, dass der Kalkputz den Boden berührt. Schaumglasschotter isoliert die Bodenplatte, wodurch keine weiteren Fundamente notwendig sind. Im Traufbereich kam Holzfaserdämmung, zwischen den Dachsparren Zellulose zum Einsatz.
Bautafel
Architektur: Raphael Hähni, Jens Knöpfel, Leopold Strobl
Projektbeteiligte: Claudia Keller von k+v architekten (Bauleitung); Paul Keller von Keller Ingenieure (Bauingenieur); Thomas Streule (Hanfkalk); Remund Holzbau (Holzbau); Schmid Bau (Baumeister)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2024
Standort: 3150 Schwarzenburg, Schweiz
Bildnachweis: Raphael Hähni, Jens Knöpfel, Leopold Strobl (Fotos und Pläne)
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