Hacienda Vabi in Mexiko
Reminiszenz an die Stätten der Maya
Die nordamerikanische Halbinsel Yucatán ist Heimat der Maya-Hochkultur. Seitdem im letzten Jahrhundert die ersten archäologischen Funde auf internationales Interesse stießen, kann sich die Region vor Tourismus kaum noch retten. Im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo haben die Architekt*innen von RA! kürzlich ein Mehrfamilienhaus fertiggestellt, das mit Terrassen, Treppen und Bruchsteinmauern eine gestalterische Nähe zu den Ruinen der Maya sucht. Dabei entstanden fünfzehn unterschiedliche Apartments mit einem gemeinsamen Außenbereich, die künftig an Urlaubsgäste vermietet werden sollen.
Hotspot mit Kulturgeschichte
Tulum ist mit rund 40.000 Einwohner*innen Teil der mexikanischen
Karibikküste, der sogenannten Riviera Maya. Ausgehend vom Hotspot
Cancún boomt der Tourismus auf diesem Küstenabschnitt seit den
1970er Jahren. Während der Nachbarort Playa del Carmen mit etlichen
Ferienresorts bereits als Urlaubsmetropole gilt, ist Tulum aktuell
auf dem besten Weg dorthin. 2023 eröffnete der internationale
Flughafen Tulum mit dem Ziel, den rund 150 Kilometer entfernten
Flughafen in Cancún zu entlasten und Tourist*innen einen direkten
Zugang zur Riviera Maya zu ermöglichen.
Ein Grund für Tulums Erfolg dürfte neben den warmen Stränden eine
noch gut erhaltene bauliche Anlage der Maya sein. Zu Beginn des 13.
Jahrhunderts war Tulum eine Hafenstadt für die Maya. Direkt am Meer
thront eine massive Festung aus grobem Bruchstein und versammelt
hinter sich ein Konglomerat mehrerer Tempelruinen mit einer
Gesamtfläche von gut 60.000 Quadratmetern. Der Ortsname leitet sich
vom mayanischen Tulu'um ab, was so viel wie Mauer oder Festung
bedeutet. Mit Ausnahme der Meerseite soll die Anlage damals
tatsächlich von einer durchgehenden Mauer umringt gewesen sein.
Bezüge zu den Maya-Relikten
Der Auftrag für die Hacienda Wabi stammt vom lokalen
Projektentwickler Namus, der unter der Bezeichnung Namus
Hospitality auch für die Vermietung der Apartments zuständig ist.
Auch wenn das Projekt am Stadtrand typologisch als privater
Mehrfamilienkomplex entworfen wurde, sah das Konzept von Beginn an
die nachträgliche Vermietung an Urlaubsgäste vor. Insgesamt umfasst
das 2024 fertiggestellte Projekt auf 1.800 Quadratmetern Nutzfläche
drei Obergeschosse und fünfzehn unterschiedlich geschnittene
Apartments.
Mit dem Entwurf wollten die Architekt*innen „den Lauf der Zeit aus
der Perspektive der Ruinenästhetik neu interpretieren“ und damit
ganz klare Bezüge zu den mayaischen Relikten herstellen. So lassen
sich etwa die gestufte Kubatur, der hohe Anteil massiver
Wandflächen und der Sockel aus lokalem gebrochenem Sandstein als
weiche Zitate der Festungsanlage lesen. Das Gebäudegrün auf
sämtlichen Flachdächern soll zum historisch-verwunschenen Eindruck
beitragen. Ähnlich wie früher bei der Maya-Anlage umringt
schließlich auch die Hacienda Wabi eine durchgehende Mauer, die für
Gäste des Hauses den Vorteil der gesteigerten Privatsphäre mit sich
bringt.
Treppauf, treppab
Während die abgeschirmte Wohnanlage nach außen einen wehrhaften
Charakter zeichnet, öffnet sie sich zum zentralen Innenhof mit
einer Vielzahl an privaten und halbprivaten Terrassen, verwinkelten
Freisitzen und schmalen Außentreppen. Von hier aus gelangen Gäste
zum gemeinschaftlich nutzbaren Poolbereich, der mittels Arkaden vom
Innenhof abgeschirmt ist. Die schlicht verputzten Obergeschosse der
Wohneinheiten orientieren sich farblich am Sandstein-Sockel und
betonen mit ihrer monolithischen Erscheinung die klare Geometrie
der Anlage. Zum Einsatz kam hier Chukum, ein
pflanzlich-mineralischer Putz, der schon von den Maya verwendet
wurde. Konstruiert wurde zum Großteil in Stahlbeton. Einzelne
Elemente aus Holz setzen wohnliche Kontraste.
Die Außentreppen erhielten einen passenden Chukum-Anstrich und
tragen dadurch zum kohärenten Erscheinungsbild der Anlage bei.
Anstelle konventioneller Geländer wurden die massiven Brüstungen
selbst abgetreppt, wie etwa bei Ricardo Bofills La Muralla Roja.
Dadurch verschmelzen die Brüstungen optisch mit der Treppe und
verstärken den Eindruck einer monolithischen Terrassenlandschaft.
Neben den gestalterischen Vorzügen wird die Treppenanlage im
Innenhof schließlich zum zentralen organisatorischen Element: Auf
eine innenliegende vertikale Erschließung verzichteten die
Architekt*innen komplett, sodass die Apartments einzig über den
gemeinschaftlichen Hof betreten werden können.
Bautafel
Projektbeteiligte: EMX Structural Engineering (Tragwerksplanung), Namus, Casa Portal (Innenausstattung)
Bauherr: Namus
Fertigstellung: 2024
Standort: Tulum, Quintana Roo, Mexiko
Bildnachweis: Ariadna Polo, Mexiko-Stadt
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