Geschosswohnung im australischen Kew

Materialstaffage inmitten üppiger Landschaft

Rund sechs Kilometer östlich des Zentrums von Melbourne macht der Vorort Kew im australischen Bundesstaat Vicoria heute ein wichtiges Geschäftszentrum und eine privilegierte Wohnlage aus. Die europäische Siedlungsgeschichte geht auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, als eine Wassermühle am hier durchfließenden Yarra River entstand. Doch sei die Zugehörigkeit der Aboriginal People, genauer der Wurundjeri People als ursprüngliche Siedler genannt, deren kulturelles und spirituelles Erbe das Flusstal geprägt hat. Nachdem die britische Krone 1851 das Land verkauft hatte, fand sich unter den Käufern ein gewisser Nicholas Fenwick. Dieser ist für den heutigen Namen der Gegend – benannt nach dem Londoner Stadtteil Kew – und für die städtebauliche Einteilung verantwortlich.

Das Ensemble ist an der steil abfallenden Uferkante zum Yarra River hin verortet.
Die Struktur ist aus Betonfertigteilen zusammengesetzt, wobei die einzelnen Geschosse klar abgegrenzt sind und wie gestapelt wirken.
Der gemeinsame Sockel greift in die Hanglage, darüber erheben sich zwei bis drei überirdische Geschosse.

Mehrfamilienhaus mit tiefen Einschnitten und weiten Ausblicken

Ein 2022 fertiggestelltes Wohnhausprojekt mit zehn Einheiten, die sich auf drei Baukörper verteilen, trägt wiederum den Namen der lokal historischen Figur Fenwick. Für das neu errichtete Ensemble nah eines Steilhangs rund 20 Meter oberhalb des Flussufers ist das ebenfalls im Großraum Melbourne angesiedelte Büro Edition Office verantwortlich. Inmitten der trotz innerstädtischer Lage dichten Vegetation und einer verstreuten Landschaft von Bestandsgebäuden aus den 1950er und 1960er Jahren erheben sich auf einem dreiecksförmigen Grundstück die drei Baukörper oberhalb eines durchgehenden, in den Hang eingelassenen Sockels. Die Formation füllt das Gelände teils rund abschließend aus und lässt in den Zwischenräumen zwei längliche Innenhöfe zu.

Nach Süden hin zweigeschossig, treten die Gebäudeteile an der Nordseite aufgrund der abfallenden Hanglage dreigeschossig in Erscheinung. Während die Wohnräume dem sonnigen Norden der Südhalbkugel und damit auch dem Flusstal und weiten Ausblicken zugewandt sind, gruppieren sich die intimeren Schlafräume nach Süden beziehungsweise entlang der Höfe. Die Kubaturen unterscheiden sich entsprechend der Lage des jeweiligen Gebäudes auf dem Grundstück. Um die Massivität abzumildern, bilden Vor- und Rücksprünge einzelner Geschosse ein lebendiges Formenspiel. Rundungen und Ecken mit unterschiedlichen Radien und Winkeln oder eine leicht divergierende Ausrichtung der Geschosse schaffen Abwechslung und lockern das Ensemble auf.

Konstraste und Bezüge innerhalb der abwechslungsreichen Materialität

Nicht zuletzt trägt die Materialwahl zum heterogenen Charakter der Gebäude bei. Allem voran dominiert grauer Sichtbeton die Ansicht. Die Struktur aus Betonfertigteilen prägt die Form der Gebäude und wird zum Rahmen beziehungsweise zur Leinwand für die weiteren Werkstoffe an den Fassaden. Darunter bilden einzelne, bündig zur Betonoberfläche abschließende, geschosshohe Verglasungen eine wirkungsvolle Abwechslung. Die großen, glatten Glasflächen geben einen dezenten Blick nach innen frei, exponieren gleichzeitig aber auch die Bodenplatten und Decken aus Beton und machen dadurch die massive Struktur zusätzlich erlebbar.

Neben innenliegendem Sichtschutz aus weißen Vorhängen kaschieren außerdem farblich kontrastierende Lochplatten in Kupfer von außen die privaten Wohnräume. Die in unterschiedlichen Richtungen diagonal hervortretenden Metalllamellen betonen die Vertikalität, die auch in weiterer Form an der Gebäudehülle ablesbar ist. So hinterlässt die sichtbare, geschosshohe Schalung mit schmalen Brettern den Eindruck eines drapierten Vorhangs, wie er sich im Original seitlich der Betonwandflächen hinter den Verglasungen zeigt. Zusätzliche Farbkontraste bilden zudem die Türen aus Holz sowie die umlaufende Bepflanzung im Staffelgeschoss. Auch innen zeigt sich ein vielfältiger Farb- und Materialkanon, dessen Zusammenstellung das Büro Flack Studio verantwortete. -sab

Bautafel

Architektur: Edition Office, Collingwood, Vicoria, Australien
Projektbeteiligte: Coben Building, Melbourne (Bauunternehmer); Eckersley Garden Architecture, Richmond (Landschaftsarchitektur); Flack Studio, Fitzroy (Innenarchitektur)
Bauherr/in: Ourangle, Windsor, Victoria (Entwickler)
Ursprüngliche Landbesitzer: Wurundjeri Woi-wurrung of the Kulin Nation
Standort: Kew, Victoria, Australien
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Rory Gardiner

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