Franz Marc Museum in Kochel am See

Muschelkalk bestimmt die Hülle

Die Anfänge des deutschen Expressionismus werden nicht unbedingt im bayerischen Voralpenland vermutet. Und doch verbrachte einer der Vorreiter der Kunstrichtung, der Maler Franz Marc, wichtige Stationen seines Schaffens eben hier: in der Gegend um Kochel am See. Rund 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers wurde 1986 in einer um 1900 errichteten Villa in Kochel das Franz Marc Museum eröffnet. Es war - dem Namen entsprechend - ganz dem Werk des Malers gewidmet.

Franz Marc Museum in Kochel am See
Franz Marc Museum in Kochel am See
Franz Marc Museum in Kochel am See

2005 gewann das junge Zürcher Architekturbüro Diethelm & Spillmann den eingeladenen Wettbewerb für einen Erweiterungsbau. Mit ihrem zurückhaltenden, dabei selbstbewussten Entwurf haben die Architekten der Idee des „White Cube“ als idealem Ausstellungsort durch die Verwendung von Naturstein eine sehr eigenwillige, bei aller Strenge durchaus sinnliche Prägung verliehen. 2008 eröffnet, schafft der Neubau auf 700 m² Ausstellungsfläche die räumlichen Voraussetzungen dafür, die Werke Marcs denen der zeitgenössischen Brücke-Künstler gegenüberzustellen, und darüber hinaus ihr Fortwirken in der deutschen Nachkriegskunst zu verdeutlichen. Genau dies hatte sich Otto Stangl, einer der Museumsgründer, von Anfang an gewünscht.

Alt- und Neubau sind über einen eingeschossigen Verbindungsbau und einen kleinen Innenhof miteinander verbunden. Neben den Ausstellungsflächen fanden in dem kubischen Erweiterungsbau ein Veranstaltungs- und Konferenzsaal sowie ein Foyer Platz. Die auf drei Etagen liegenden Ausstellungsräume lassen sehr unterschiedliche Raumeindrücke entstehen: Angefangen bei kleinen, zum Teil farbigen Kabinetten, über größere Säle bis hin zu einem kunstfreien Raum. Dieser stellt nichts anderes aus, als das Thema vieler Bilder des Blauen Reiters selbst - expressive Natureindrücke bestimmt durch den Wechsel des Lichts und der Jahreszeiten.

Um den sehr unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Kunstwerke gerecht zu werden, kamen große, dimmbare Deckenleuchten zum Einsatz, die von Spots ergänzt werden. Neben Tageslichträumen erlauben Säle mit reinem Kunstlicht die Präsentation auch sehr lichtempfindlicher Exponate. Während die Sammlungen ausschließlich im Neubau gezeigt werden, beherbergt der Altbau ein Restaurant, ein Atelier für museumspädagogische Aktivitäten und ein Archiv sowie die Museumsverwaltung.

Mauerwerk
Die zurückhaltende und doch verblüffende Formensprache des Hauses findet in der Fassade ihren stimmigen Ausdruck. Die Crailsheimer Muschelkalksteine, auf denen sich noch die radialen Spuren der Diamantsäge abbilden, ergeben ein bewegtes Fassadenbild: Hier wird nicht nur das Material selbst, sondern auch der Prozess der Bearbeitung erlebbar. Bei der Natursteinhülle handelt es sich nicht, wie oft üblich, um ein dünnes Steinmäntelchen das Stahlbetonwände verkleidet. Vielmehr setzten die Architekten durchgängig auf echtes Mauerwerk”: Das 11 cm starke Natursteinmauerwerk verhüllt ein 42 cm dickes Ziegelmauerwerk, das gleichermaßen trägt und dämmt.

Das Material Ziegel hat gegenüber Beton im Museumsbau einen entscheidenden Vorzug: Die geringe Baufeuchte des Materials verträgt sich weit besser mit den feuchteempfindlichen Kunstwerken. Hinzu kommt, dass die massive Wand schwankende Außentemperaturen sehr gut abpuffert. Mit drei unterschiedlichen Steinhöhen und in freien Längen vermauert, vermittelt die Muschelkalkfassade eine ausgeprägte horizontale Schichtung. Zurückliegende Mörtelfugen verstärken diesen Eindruck. Die Fugen bilden zudem Schatten, worin die erforderlichen Öffnungen für  die Hinterlüftung zwar nicht ganz verschwinden, aber doch optisch in den Hintergrund rücken.

Auf Edelstahlkonsolen wurde weitestgehend verzichtet. Statt dessen ruht das maximal 13 Meter hohe Natursteinmauerwerk ohne zusätzliche Ablastungen umlaufend auf Leichtbetonkonsolen. Gemäß DIN 105, sind Vor- und Hintermauerwerk über jeweils fünf Luftschichtanker pro Quadratmeter miteinander verbunden. Um den Feuerwiderstandswert F90 zu erreichen, wurde das Ziegelmauerwerk innen verputzt, ein außen aufgebrachter Grundputz dient außerdem als Feuchteschutz. Im Innenraum bieten Gipsfaserplatten nicht nur einen idealen Befestigungsgrund für die Bilder, sondern ermöglichen zudem dünnwandige Taschen, um Schiebefenster oder Brandschutzschiebetore zu integrieren.

Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt (DAM) kürte das neue Franz Marc Museum in diesem Jahr zu einem der 26 besten Bauten in Deutschland. Völlig zu Recht: Einen besseren Rahmen für seine Werke hätte sich Franz Marc, der als ein Wegbereiter der Moderne, zeitlebens das „Geistige in der Kunst“ suchte, nicht wünschen können.

Bautafel

Architekten: Diethelm & Spillmann Architekten, Zürich
Projektbeteiligte: Steinmetzbetrieb Neubauer, Geretsried (Mauer- und Verlegearbeiten);  Schön & Hippelein, Satteldorf / Crailsheim (Crailsheimer Muschelkalk); Sakret Trockenbaustoffe Europa, Berlin (Fugenmaterial Sakret FM mittelgrau)
Bauherr: Stiftung Etta und Otto Stangl
Fertigstellung: 2008
Standort: Kochel am See
Bildnachweis: Franz Marc Museum, Kochel am See / Fotograf: Roger Frei, Zürich

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