Falcon House auf dem Lamu-Archipel in Kenia

Lamellenfenster und Pivottüren

Ein Strandhaus auf dem Lamu-Archipel in Ostafrika steht beispielhaft für einen ressourcensparenden Umgang mit recycelten und regionalen Materialien und verknüpft angesichts klimatischer Herausforderungen jahrhundertealte Prinzipien mit Mid-Century-Design und zeitgenössischer Gestaltung.

Der private Bauherr wünschte sich einen Rückzugsort, der den einzigartigen Charakter des Ortes, die Natur, den Ozean und das tropische Klima widerspiegelt.
Die Planenden entwickelten ein luftiges Gefüge aus drei Pavillons mit Terrassen, die etwa drei Meter über dem Boden aufgeständert und über Brücken miteinander verbunden sind.
Das Konzept basiert auf der traditionellen Daka, eine Art überdachte Veranda, die in der afrikanischen Architektur weit verbreitet ist.

Geschichte, Geografie und Klima

Der Lamu-Archipel ist eine zu Kenia gehörende Inselgruppe vor der ostafrikanischen Küste im Indischen Ozean. Die Inselgruppe ist nach der Stadt Lamu benannt, die ihren Ursprung in einem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Handelsposten hat, der sich mit den Einflüssen afrikanischer, arabischer, persischer, portugiesischer und indischer Seefahrer zu einer bedeutenden Siedlung am Indischen Ozean entwickelte. 2001 wurde Lamu-Stadt mitsamt der authentisch erhaltenen Swahili-Architektur und dem aus arabischen Zeiten stammenden labyrinthisch verwinkelten Städtebau von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft. Boote und Esel sind noch immer die üblichen Transport- und Fortbewegungsmittel, auch wenn der Archipel heute über einen kleinen zivilen Flughafen erschlossen wird.

Das Klima ist tropisch, ohne meteorologische Unterschiede zwischen Sommer und Winter. Die durchschnittliche Lufttemperatur liegt bei etwa 30° Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 75%, die Wassertemperatur beträgt etwa 27° Celsius. Ein Bad im Meer bringt also keine Abkühlung. Allerdings werden auch extreme Hitzespitzen mit Temperaturen weit über 40° Celsius gemessen, die sich physiologisch auswirken und zu körperlichen Beeinträchtigungen führen können.

Mid-Century Modern und Case-Study-Houses

Die islamisch geprägten Inseln gelten als vom Massentourismus bisher unberührt, zumal sich Besucher*innen überwiegend in private Strandhäuser und Villen zurückziehen. Ein solches Strandhaus wünschte sich auch Pierandrea Galtrucco. Der aus Mailand stammende Bauherr kaufte sich auf der Insel Manda ein etwa 1,5 Hektar großes Gelände unmittelbar am Strand mit zahlreichen Akazien und Baobab-Bäumen sowie einem würfelförmigen Bestandsgebäude aus weiß verputztem Korallenkalk. Es war in den 1960er-Jahren in Anlehnung an die historische Swahili-Architektur als erstes Haus auf Manda errichtet worden. Sein jahrzehntelanger Bewohner war Bunny Allen, ein legendärer Großwildjäger, der in den 1950er-Jahren an zahlreichen in Kenia spielenden Hollywood-Filmen beteiligt war.

Für eine heutige Nutzung stellte sich das zweigeschossige Gebäude jedoch als problematisch heraus. Wie ein Backofen speicherte es die Hitze des Tages, war nachts unerträglich stickig und somit nahezu unbewohnbar. Ein Umbau war unausweichlich. Mit ihm einher ging eine Erweiterung um neue Schlaf- und Gästezimmer.

Der aus der Mode- und Kunstbranche stammende Galtrucco wollte unbedingt vorgetäuschte, falsche Exotik sowie zur Schau gestellten Luxus vermeiden. Er wünschte sich ein Strandhaus, das dem besonderen Charakter des Ortes, der Natur, dem Ozean und dem tropischen Klima im Sinne einer modernistischen Zurückhaltung gerecht wird. Letzteres entspricht seinem Faible für Mid-Century-Architektur und -Design und vor allem den kalifornischen Case-Study-Häusern von Architekten wie Pierre Koenig. Im Zuge seiner Recherchen traf er den italienischen Architekten Ferdinando Fagnola, der in den 1970er-Jahren vergleichbar modernistische Strandhäuser auf Sardinien gebaut hatte. Fagnola wiederum kooperiert mit der Architektengemeinschaft PAT, dessen Mitglied Andrea Veglia sich in seiner Masterabschlussarbeit mit den Arbeiten von Pierre Koenig beschäftigt hatte. Damit hatte der Bauherr ein Team von Architekt*innen gefunden, dem er für sein Lamu-Projekt vertraute.

Daka

Die Wahl und behutsame Interpretation des traditionellen Swahili-Architekturelements Daka erwies sich als Lösung der klimatischen Herausforderung. Eine Daka ist eine Art angehobene und überdachte Veranda. Diese offenen Räume sind in Afrika weit mehr als die in Europa üblichen Freisitze wie Veranden, Balkone und Loggien. Anders als geschlossene Räumen sind sie bei Schwüle und wortwörtlich stehender heißer Luft ein angenehmer Aufenthaltsort, denn die an mehreren Seiten befindlichen Öffnungen sorgen für einen konstanten Windzug als Querlüftung und damit eine natürliche Kühlung. Das Prinzip ist vergleichbar mit einem Ventilator, allerdings ohne Strom. Stattdessen werden physikalische Gesetzmäßigkeiten wie u.a. Hydrostatik, Thermik, Evaporation, Transpiration und Kondensation genutzt. Die persischen Windtürme und Windfänger Badgirs und Malqafs sind ähnliche traditionelle Lösungen. Sie kühlen Räume mittels Luftzirkulation und Thermik auf natürliche Weise und schaffen bei extremem Klima erträgliche Bedingungen für Menschen.

Veranden, Pavillons, Terrassen

Ausgehend von der Daka entwickelten die Architekt*innen unmittelbar am Strand ein luftiges Gefüge aus drei Veranden als Pavillons mit Terrassen und verbindenden Brücken. Dieses neue Ensemble ist etwa drei Meter hoch aufgeständert. Für die Bäder der Pavillons wurden Boxen konstruiert, die landeinwärts angeordnet und ebenfalls über Brücken erreichbar sind. Das gesamte Ensemble fügt sich kompositorisch zwischen die vorhandenen Bäume, die als Schattenspender dienen und vor Blicken von der Wasserseite aus abschirmen.

Für das Tragskelett wurde statt des in der Swahili-Architektur typischen Mangrovenholzes Cortenstahl gewählt, nicht zuletzt, weil Mangroven als gefährdete Spezies klassifiziert sind. Die Stahlprofile waren ursprünglich für Industrie- und Infrastrukturprojekte vorgesehen. Neben größeren Spannweiten und der positiven ökologischen Bilanz schützt der Stahl auch vor den vor Ort gefürchteten Termiten und Pilzen. Die Stahlprofile wurde von lokalen Handwerkern auf einer nahegelegenen Insel aufbereitet und anschließend mit Booten auf das Grundstück gebracht und dort montiert.

Iroko-Lamellenfenster, Querlüftung, Kaskasi und Kusi

Die Wände der Pavillons nach Osten und Westen bestehen aus manuell justierbaren und offenen, also unverglasten Lamellenfenstern aus Iroko-Holz. Iroko ist ein Hartholz aus dem tropischen Afrika. Es ist besonders formstabil und ebenso wie das stählerne Tragskelett resistent gegen Pilze und Insekten. Mit der Zeit dunkelt es ausgehend von einem gelblich-grauen zu einem kupferfarben satten Braunton ab, der sehr gut mit dem Rostton des Stahls harmoniert. An der Nordseite lassen sich hölzerne Pivot-Türen zu einem unmittelbaren Blick auf den Ozean drehen. Fertigteile aus Beton mit Lücken als Lüftungsschlitze bilden die nach Süden weisenden Wände.

Die Dächer sind als Kombination aus Stahlskelett, Wellblech-Überständen und Ortbeton-Ausfachungen ausgeführt, um zur kühlenden Verschattung und zum Regenschutz beizutragen. Für die Terrassen und die Bäder-Boxen wählten die Architekt*innen recycelte Materialien. So wurden Eukalyptus-Holz-Bretter und -Balken aus Abbruchhäusern umgearbeitet und wiederverwendet. Die übrigen Oberflächen wurden mit einem hellgrauen Stucco in einer puristisch-reduzierten Optik gespachtelt.

Das System der vierseitigen Öffnungen zur Regulierung eines erträglichen Mikroklimas im Inneren des Gebäudes wurde zusammen mit örtlichen Handwerkern in mehreren Mock-ups überprüft und optimiert. Eine besondere Rolle spielten dabei die beiden vorherrschenden Windrichtungen. Der Wind mit dem Namen Kaskasi bläst auf Lamu von Dezember bis März aus Nordosten, der Wind namens Kusi weht von April bis September aus südlicher Richtung.

Das Bestandsgebäude wurde trotz der Mängel nicht abgerissen, sondern saniert und zu einem erweitertem Wohn-, Ess-, Bibliotheks- und Filmvorführraum umgestaltet.

Autarke Selbstversorgung

Da dieser Teil der Insel weder über einen Wasser- noch einen Elektrizitätsanschluss verfügt, ist das Strandhaus selbstversorgend konzipiert und folglich ohne Klimaanlage. Regenwasser wird in Tanks gesammelt, eine Photovoltaik-Anlage liefert die Energie für Beleuchtung und den Betrieb einer Meerwasser-Entsalzungsanlage. Diese ist ebenso wie weitere Technik und eine Küche in einem rückwärtig angeordneten Funktionsbau untergebracht, der bereits vorhanden, aber aufgerüstet wurde.

Das Swahili-artige Wohnhaus hat eine Fläche von 210 Quadratmetern, das Funktionsgebäude 160 Quadratmeter. Die Pavillon-Struktur wurde Falcon House getauft und umfasst weitere 320 Quadratmeter. -sj

Bautafel

Architektur: PAT und Ferdinando Fagnola, Turin
Projektbeteiligte: Otieno Adede Associates, Mombasa, Kenia (örtliche Kontaktarchitekt*innen); Interphase Consultants, Mombasa (Tragwerksplanung); Studio Forte, Alba, Italien (Gebäudetechnik); Appallan Marine and General Contractors, Mombasa (Metallarbeiten); Hussein Safina Craft, Lamu (Holzarbeiten); Kuresh, Lamu (Stuck- und Malereiarbeiten)
Bauherr: Pierandrea Galtrucco, Mailand
Fertigstellung: 2023
Standort: Manda, Lamu-Archipel, Kenia
Bildnachweis: Filippo Romano und Kelvin Muiruri Muriithi über PAT

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Fassade mit flächenbündigen Horizontal-Lamellen

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Fensterarten

Lamellenfenster

Das physiologische Wohlbefinden der Menschen hängt dabei stark von der Qualität der Luft ab (im Bild: Lüftung über gläserne Schiebe-Elemente).

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Bauphysik

Lüftung, Luftwechsel, Luftzirkulation

Pivot-Türen sind eine besondere Form der Drehtür. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Verb pivoter (= schwenken, schwingen) her (im Bild: geöffneter Zustand einer Aluminium-Holz-Pivot-Tür in einem Atrium in Amsterdam).

Pivot-Türen sind eine besondere Form der Drehtür. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Verb pivoter (= schwenken, schwingen) her (im Bild: geöffneter Zustand einer Aluminium-Holz-Pivot-Tür in einem Atrium in Amsterdam).

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