Estrel Tower in Berlin

Hochhaus mit Open-BIM geplant

Schon von weitem zieht die Baustelle des Hotelturms im Beliner Stadtteil Neukölln alle Blicke auf sich: Die Höhe des Gebäudes sucht seinesgleichen. Bis Ende des Jahres 2025 soll der 175 Meter hohe Estrel Tower von Barkow Leibinger fertiggestellt werden – nach dem Beliner Fernsehturm (368 Meter) wird es das höchste Gebäude der Stadt sein. Bei der Planung des von der Öffentlichkeit viel diskutierten Gebäudes setzten die Architekt*innen auf eine digitale Open-BIM Strategie. 

Blick auf den Estrel Tower im Oktober 2024
Ausschnitt der Fassade im Mai 2024
Eine massive Bodenplatte aus Stahlbeton wird den Turm künftig tragen.

Städtebauliche Insellage 

Der Entwurf des Architekturbüros geht aus einem 2014 gewonnenen Wettbewerb hervor und erweitert das bestehende Estrel Hotel um ein Gebäudeensemble aus Turm, Atrium, Veranstaltungsbereich für 1.200 Personen und Parkhaus. Der Bezug zum Bestandsgebäude wird über die Formsprache der Grundrissfigur, die stählerne Dachstruktur des Atriums und den Verlauf der Fassaden-Finnen hergestellt. An der Schnittstelle zwischen äußerer und innerer Stadt markieren das Bestandsgebäude und der Neubau nun eine Eingangssituation. Die Insellage des Baugrundstücks ist besonders: Südlich der Sonnenallee, nördlich der Ringbahn, östlich des Neuköllner Schifffahrtskanals und westlich der Stadtautobahn schraubt sich der Turm auf polygonalem Grundriss seit Baubeginn 2021 in die Höhe. Das Parkhaus in Richtung Autobahn dient dem Lärmschutz, während eine großzügige Freifläche zum Kanal geplant ist. Zugang und Zufahrt erfolgen über die Sonnenallee.

Vielfältiger Nutzungsmix 

Im Zuge der Coronapandemie wurde der Entwurf überarbeitet, um auf die sich ändernden Nutzungsanforderungen zu reagieren. Das Resultat ist ein Nutzungsmix: Die ursprünglich angedachten 825 Hotelzimmer werden auf 522 reduziert, hinzu kommen sogenannte Longstay-Apartments und flexibel nutzbare Büroflächen. Die insgesamt 44 Geschosse des Turms sind auf einem rautenförmigen Grundriss mit kompaktem Erschließungskern organisiert. Das Herzstück des künftigen Ensembles soll das Atrium mit seiner dreieckigen Dachstruktur sein und als zentraler Knotenpunkt und Foyer dienen. Daran schließt der sogenannte Ballroom an, der unterschiedlich möbliert etwa für Konferenzen oder Gala-Dinner genutzt werden kann.

Im ersten Obergeschoss ist ein galerieartiger Frühstücksraum untergebracht – ebenfalls nutzbar für kleinere Empfänge. Ein Spa- und Fitnessbereich füllen das zweite Obergeschoss aus und im dritten bis zehnten Obergeschoss liegen die flexibel nutzbaren Büroflächen. Daran schließen die Geschosse der Longstay Apartments an. Ab dem 14. Obergeschoss beginnen die regulären Etagen mit Hotelzimmern, die im Mittel rund 18 Quadratmeter groß sind. Ein sogenannter Executive Floor mit großen Suiten und privaten Essbereichen ist ab dem 40. Obergeschoss vorgesehen. In luftiger Höhe bildet ein Restaurant mit Sky-Lounge und Dachterrasse den Abschluss. 

Tragwerk und Fassade 

Der Estrel Tower gründet auf rund 50 Bohrpfählen, auf denen die über drei Meter dicke Bodenplatte aus Stahlbeton lagert. Der anschließende Sockelbau wird von einer Flachgründung getragen. Ein eigenes Betonwerk auf der Baustelle deckt einen Teil des immensen Bedarfs ab. Das äußere Erscheinungsbild des Turms ist maßgeblich von dünnen Aluminium-Finnen geprägt, die der Fassade Tiefe verleihen. Durch ihre optimierte Ausrichtung fungieren sie als eine Art außenliegender Sonnenschutz und minimieren das Aufheizen des Innenraums. Dafür sorgt auch die Sonnenschutzverglasung und zum Teil geschlossene Fassadenbereiche. 

Digitale Planung 

Bau und Planung des Hochhauses erfordert allein aufgrund seiner Größe von insgesamt 77.500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche ein umfassendes und gut geplantes Datenmanagement. In dieser Größenordnung erleichtert eine modellbasierte Planung mit BIM die Zusammenarbeit erheblich, insbesondere bei der komplizierten Haustechnik und aufwendigen Tragwerksplanung. Für eine gut funktionierende Zusammenarbeit und Datenübergabe zwischen den Fachplanungen wird system- und herstelleroffen nach Open-BIM geplant. Neben dem Entwurf ist das Architekturbüro dabei ebenso für die BIM-Gesamtkoordination zuständig. Grundlage ist eine BIM-Planungssoftware, die die Planungsdaten zentral von einem Ort aus erreichbar macht – dem BIM-Modell.

Die IFC-basierten Teilmodelle der Fachplanungen, wie etwa TGA und Tragwerksplanung, werden zu bestimmten Zeitpunkten in einem Koordinationsmodell zusammengeführt. In einem sogenannten Model Checker (Prüfsoftware) können die verschiedenen Modelle in einer Kollisionsprüfung abgeglichen und Fehler und Unstimmigkeiten lokalisiert werden. BCF-Daten als zentrales Kommunikationswerkzeug werden dann an die Fachplanungen zur Korrektur zurückgespielt. -st

Bautafel

Architektur: Barkow Leibinger, Berlin
Projektteam: Lukas Weder (Mitglied der Geschäftsleitung), Andreas Hertel (Projektleiter), Carolin Lehnerer (Projektleiterin), Annette Wagner (Projektleiterin Interior), Sebastian Awick, Halszka Barelkowska, Mwanzaa Brown, Stefano Caielli, Jan Conradi, Suton Dong, Ulrich Fuchs, Konstantin Greune, Cynthia Grieshofer, Sven Hecht, Matthias Hiby, Mara Sophia Kanthak, Lukas Kaufmann, Lena Krämer, Zuzanna Makaruk, Armine Maksudyan, Reidar Mester, Andreas Moling, Christina Möller, Robert Tzscheutschler, Janakan Selvaratnam, Gerrit Vetter, Daniela Voigt, Max Werner
Projektbeteiligte: IKR Ingenieurbüro für Bauwesen Kuschel, Berlin (Projektsteuerung, Ausschreibung, Objektüberwachung); B+G Ingenieure Bollinger + Grohmann, Berlin (Tragwerk, Fassadenplanung, Bauphysik); Brendel Ingenieure, Frankfurt/Main (Haustechnik); PST, Werder (Havel) (Landschaft/Verkehr); Jappsen Ingenieure, Berlin (Fördertechnik); hhpberlin, Ingenieure für Brandschutz, Berlin (Brandschutz); Graphisoft, München/Budapest (BIM-Planungsprogramm Archicad); Nemetschek, München (Modellprüfungs-Software Solibri)
Bauherr*in: Estrel Tower Besitz, Berlin
Fertigstellung: bis Ende 2025 geplant
Standort: Sonnenallee 225, 12057 Berlin (Neukölln)
Bildnachweis: Barkow Leibinger, Berlin; Werner Huthmacher, Berlin; Pascal Bünning, Berlin; Brendel Ingenieure, Frankfurt am Main; Nils Koenning, Berlin

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