Erweiterungsbau des Museums Arnheim

82.000 unterschiedliche, handgefertigte Fliesen

In den letzten hundertfünfzig Jahren erfuhr das Gebäude des heutigen Museums für moderne und zeitgenössische Kunst im niederländischen Arnheim etliche bauliche Veränderungen. Ursprünglich wurde das Hauptgebäude 1873 von Cornelis Outshoorn als Clubhaus einer Herrengesellschaft auf einer eiszeitlichen Moräne erbaut. Während des zweiten Weltkriegs erlitt der Bau schwere Beschädigungen und wurde im Jahr 1954 nach einer Sanierung als Kunstmuseum wiedereröffnet. Es folgten mehrere bauliche Ergänzungen, darunter ein neuer Flügel von Frits Eschauzier im Jahr 1956 und die Verlegung des Haupteingangs in den 1970er-Jahren. Hubert-Jan Henket fügte dem Museum schließlich einen weiteren Anbau mit einem Museumscafé hinzu. So verblieb das Gebäude für einige Dekaden und erlebte die nächste Jahrhundertwende, die zugleich eine Jahrtausendwende war – bis die Stadt im Jahr 2016 einen erneuten Umbau beschloss und zu diesem Zweck einen Wettbewerb für die Erweiterung und Restaurierung des Hauptgebäudes auslobte.

Ursprünglich wurde das Hauptgebäude 1873 von Cornelis Outshoorn als Clubhaus einer Herrengesellschaft erbaut.
Neben fünf neuen Ausstellungsräumen beherbergt der Erweiterungsbau auch ein Depot im Untergeschoss.
Eine breite Freitreppe verbindet den Neubau mit dem Skulpturengarten.

Die Ausschreibung konnte das Büro Benthem Crouwel Architects für sich entscheiden. Ihr Entwurf sah den Rückbau der Ergänzungen aus dem 20. Jahrhundert vor sowie einen großen, flachen Riegel, der westlich des Bestands anschließt und neben fünf neuen Ausstellungsräumen auch ein Depot im Untergeschoss beherbergt. Der neue, in Keramikfliesen gehüllte Flügel kragt im Süden in Richtung des Flusses Nederrijn, einem Nebenarm des Rheins, 15 Meter über die Moräne aus, sodass die Besucher*innen das Gefühl bekommen, über den Bäumen zu schweben. Mit dem neuen Flügel wurde die Ausstellungsfläche des Museums um 1.100 Quadratmeter auf insgesamt knapp 2.000 Quadratmeter vergrößert.

Die Natur als Exponat

Zum Schutz der lichtempfindlichen Exponate sind die Ausstellungsräume überwiegend fensterlos. Die Geschlossenheit wird jedoch an einzelnen Stellen jäh unterbrochen durch große panoramaartige Verglasungen, die die Architektur mit der sie umgebenden Natur verbinden. Diese spielte für die Planungen eine wichtige Rolle. Zwar liegt das Museum mitten in der Stadt, doch die erhöhte Lage mit Blick auf den Fluss und der alte Baumbestand auf dem Gelände sind einzigartig. Eine breite Freitreppe verbindet den Erweiterungsbau dann auch mit dem in die Landschaft eingebetteten Skulpturengarten. Die Treppe dient bei Veranstaltungen unter freiem Himmel zugleich als Tribüne.

Herzstück des Kunsthauses ist für die Architekturschaffenden jedoch der historische, sechseckige, von Kuppel und Laterne bekrönte Mittelteil des Bestandsgebäudes, von dem aus sich im stumpfen Winkel je ein Flügel nach Osten und Westen erstreckt. Hier befinden sich der Eingang, der Museumsshop und ein lichtdurchflutetes Café. Die Galerieebene oberhalb des Gastronomiebereichs wird als Auditorium und weitere Ausstellungsfläche genutzt.

82.000 unterschiedliche Fliesen

Die schillernden Fassadenfliesen des Erweiterungsbaus verleihen ihm etwas Transluzentes, nicht Fassbares und setzen damit ein Gegengewicht zu der im Vergleich zum Bestand etwas behäbig wirkenden Kubatur. Insgesamt umhüllen 82.000 handgefertigte, quadratische Fliesen von 15 x 15 cm die vier Fassaden des Neubaus sowie die Unterseite der Auskragung. Die glänzende, metallisch schimmernde Keramik folgt dabei einem Farbverlauf von erdigen Tönen auf der Straßenseite bis zu eisigem Blau auf der dem Fluss zugewandten Seite – ein Verweis auf den Standort, die durch einen Gletscher geschaffene Moräne. Für den Farbverlauf entwickelten die Verantwortlichen 14 verschiedene Glasurrezepte. Durch den Brennvorgang entstehen zahlreiche zusätzliche Nuancen innerhalb einer Farbe. Somit ist jede Fliese ein Unikat, alle sind „kleine Kunstwerke, sehr passend für diesen besonderen Ort und seine Funktion als Museum“, meint Joost Vos, Architekt und Partner des Büros Benthem Crouwel.

Um den monolithischen Charakters des Baukörpers zu betonen, wurden die Fliesen an den Gebäudekanten auf Gehrung geschnitten. Die Keramik ist nicht mechanisch befestigt, sondern mit der Unterkonstruktion aus wärmedämmenden Sandwichplatten verklebt. Die Fliesen wurden nicht verfugt, um ein besseres Abtrocknen der Konstruktion nach dem Eindringen von Feuchtigkeit durch z. B. Regen  zu gewährleisten. -sas

Bautafel

Architektur: Benthem Crouwel Architects, Amsterdam
Projektbeteiligte: Pieters Bouwtechniek Delft (Tragwerksplanung); Ingenieurbüro Nelissen, Waldfeucht; DGMR, Arnheim (Bauphysik); Alferink Installationstechnik, Groenlo; Karres en Marken, Hilversum (Landschaftsarchitektur); Koninklijke Tichelaar, Makkum (Fliesen)
Bauherr*in: Stadtverwaltung Arnheim
Fertigstellung: 2022
Standort: Utrechtseweg 87, Arnheim, Niederlande
Bildnachweis: Jannes Linders

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