Erweiterung eines Bürogebäudes bei Mestrino

Bestand bewahrt, Zukunft gestaltet

Wie sieht das Büro der Zukunft aus? Diese Frage stellte sich das Studio Alvise Stramare beim Umbau und der Erweiterung eines Bürogebäudes aus den 1960er-Jahren nahe der italienischen Stadt Mestrino. Unter straffen Zeit- und Budgetvorgaben entschied sich das Architekturbüro gegen einen Abriss und für den Erhalt der Bestandsstruktur. Durch intelligente Materialwahl, eine flexible Raumorganisation und eine Fassadengestaltung mit charakteristischem Sonnenschutz aus Gitterrosten entstand ein Arbeitsumfeld, das Dynamik und Ruhe vereint.

Das Büro mit angegliederter Fertigungshalle erhielt im Süden einen Anbau mit neuer Fassade.
Feststehender Sonnenschutz aus zweckenfremdeten Gitterrosten prägt den Anbau.
Die Roste sind in vier variierenden Positionen vor der Vorhangfassade montiert.

Projekthintergrund

Der Auftraggeber, ein Hersteller von Wasserpumpen, benötigte eine funktionale und nachhaltige Lösung zur Modernisierung seines Bürotrakts. Die Bausubstanz sollte nicht nur saniert werden, sondern auch zeitgemäße Anforderungen erfüllen und eine hohe Flexibilität für agiles Arbeiten bieten. Das Bestandsgebäude bestand aus einem schmalen, zweigeschossigen Bürotrakt mit einer nördlich angeschlossenen Produktionshalle. Eine Erweiterung erfolgte entlang der Südseite. Durch die Entscheidung, die vorhandene Struktur zu erhalten, konnten Ressourcen gespart und die Baukosten niedrig gehalten werden. Die Bauzeit betrug lediglich ein Jahr und neun Monate, die Kosten lagen bei 1.400 Euro pro Quadratmeter.

Herausforderungen bei Planung und Umsetzung

Eine der größten Herausforderungen war die architektonische Integration der Erweiterung in den Bestand. Die Proportionen des Altbaus dienten als Leitlinie für die Geometrie des neuen Gebäudeteils, wodurch eine kohärente Einheit entstand. Der Anbau entspricht exakt der baurechtlich zulässigen, noch unbebauten Fläche. Da das Büro während der Bauzeit weiterhin genutzt wurde, galt es, Störungen im laufenden Betrieb zu minimieren. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die Bauausführung in zwei Phasen unterteilt. Zunächst wurde die bestehende Struktur verstärkt und ein neuer Stahlrahmen errichtet. Erst danach erfolgte der kontrollierte Rückbau der alten Fassade.

Diese Strategie erlaubte es, den Winter in überdachten und teilweise beheizten Räumen weiterzuarbeiten und so die Bauzeit effizient zu nutzen. Neben dem engen Zeitplan stellte auch die Materialverfügbarkeit eine Herausforderung dar. Aufgrund von Lieferengpässen und steigenden Kosten wurde ein besonderer Fokus auf lokale Ressourcen gelegt, was nicht zuletzt auch im Sinne einer nachhaltigen Arbeitsweise war. Alle Bauelemente wurden aus einem Umkreis von 50 Kilometern bezogen, wobei die lokale Metallindustrie eine Schlüsselrolle spielte: Durch Anpassungen und Schweißarbeiten direkt vor Ort konnten Produktions- und Lieferzeiten erheblich reduziert werden.

Raumkonzept: Flexible Arbeitswelt

Das räumliche Konzept basiert auf einer flexiblen Organisation, die weder klassische Büroaufteilungen noch vollständig offene Großraumbüros vorsieht. Anstatt feste Abteilungen räumlich zu separieren, wurde ein gestaffeltes System entwickelt. Entlang der Längsachse des Gebäudes wurden die Arbeitsbereiche von ruhigen zu lebhafteren Tätigkeiten angeordnet, während sich entlang der Querachse eine Einteilung nach Bewegungsintensität vollzieht – von statischen zu dynamischen Arbeitsprozessen. Diese Struktur ermöglicht eine Umgebung, die sowohl Rückzugsmöglichkeiten als auch offene Kommunikationszonen bietet.

Anstelle einer starren Arbeitsplatzverteilung überlagern sich verschiedene Nutzungsarten. So gibt es kommunale Arbeitstische, Ruhezonen ohne Computer, unterschiedlich große Besprechungsräume, die für Videokonferenzen optimiert wurden, sowie klassische Konferenztische für strukturierte Meetings. Diese vielfältigen Raumoptionen erlauben es den Mitarbeitenden, täglich aufs Neue den optimalen Arbeitsbereich zu wählen.

Partizipative Gestaltung und durchdachtes Interiordesign

Bereits in einer frühen Planungsphase wurden die zukünftigen Nutzer*innen aktiv eingebunden, um ein Umfeld zu schaffen, das sich an ihre Bedürfnisse anpasst. Diese partizipative Vorgehensweise erhöhte nicht nur die Akzeptanz der neuen Räumlichkeiten, sondern förderte auch die Identifikation mit dem Arbeitsumfeld.

Das Interiordesign des Büros ist puristisch und bis ins Detail durchdacht. Wände und Böden sind in hellen Grau- und Weißtönen gehalten. Klare Linien und massive Materialien sorgen für eine visuell und haptisch ansprechende Gestaltung. Jede Steckdose und jedes Kabelmanagement wurde geschickt verborgen oder wohlproportioniert in das Design integriert. Auch bei der Innenausstattung setzte das Architekturbüro auf Eigenentwürfe. So entwarf das Studio Alvise Stramare bis auf die Bürostühle sämtliches Mobiliar, was angesichts des knappen Zeitrahmens beachtlich ist. Die Umsetzung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit lokalen Herstellern und Handwerksbetrieben. „Die schnelle Entwicklungszeit wird möglich, wenn man den Gestaltungsprozess gemeinsam mit den Menschen durchführt, die die Möbel bauen“, erläutert Stramare seinen ergebnisoffenen Ansatz.

Sonnenschutz: Gitterroste aus lokaler Produktion

Der feststehende, außenliegende Sonnenschutz aus Stahlgitterrosten erstreckt sich als autarkes Stahlgerüst vor der Südfassade und filtert das einfallende Sonnenlicht über den gesamten Tagesverlauf. Ein erheblicher Teil sowohl der steil stehende Sonne aus südlicher Richtung zur Mittagszeit, als auch der seitlich einfallenden tief stehende Morgen- und Abendsonne aus östlicher und westlicher Richtung wird durch die Stege der Gitterroste blockiert. Gleichzeitig bleiben Ausblicke ungestört. Demgegenüber verhindert die Konstruktion Einblicke am Tag. Erst wenn es dämmert und innen die Lichter eingeschaltet werden, kann der Innenraum von außen wahrgenommen werden. Als Blendschutz und zusätzlichem Sonnenschutz an sehr heißen Tagen, sind die Fensterelemente der Vorhangfassade mit Außenrollos ausgestattet.

Die Konstruktion erfüllt aber noch eine weitere wichtige Funktion: Sie verleiht dem Gebäude seine markante architektonische Identität. Ursprünglich als Bodenroste konzipiert, wurden die Gitterelemente für die Sonnenschutzfassade zweckentfremdet. Die Materialwahl veranschaulicht den agilen Planungsansatz von Studio Alvise Stramare bei diesem Projekt: Erst durch die Expertise und Ortskenntnis der beteiligten Fachplanenden und Handwerker*innen konnte der passende Hersteller für die Gitterroste gefunden werden – ein Betrieb, der sich in unmittelbarer Nähe der Baustelle befand.

Obwohl die Gitter in ihrer Grundform vorgegeben waren, konnte das Team das Rastermaß und die Tiefe der Stege individuell an die Gegebenheiten der Fassade anpassen. Dabei galt es, eine optimale Balance zwischen effektiver Verschattung und ausreichender Transparenz zu schaffen. Die Paneele sind an einem Tragwerk aus Stahlstützen und auskragenden Kreuzprofilen befestigt. Letztere halten die unbeweglichen Gitterelemente über Schraubbolzen in vier variierenden Positionen. „Die Verschattung hätte auch funktioniert, wenn alle Elemente in einer Ebene montiert worden wären. Wir mussten jedoch feststellen, dass die Fassade dadurch leblos wirkte. Daher entwickelten wir ein Kreuzprofil mit vier Schraubpositionen und simulierten eine gleichmäßige Verteilung der Elemente an diesen Punkten. So erhält die Fassade die nötige Lebendigkeit“, erläutert Stramare.

Über ihre Sonnenschutzfunktion hinaus sind die Gitterroste das bestimmende gestalterische Element des Projekts. Nicht nur an der Fassade hat Stramare sie verbaut, sondern auch an verschiedenen Stellen in das Interiordesign integriert, so etwa als Polsterunterlage der eigens entworfenen Daybeds oder als Waschtische in den Badezimmern. „Während des Umbaus haben wir festgestellt, wie vielseitig und praktisch diese Roste in den unterschiedlichsten Anwendungen sind“, erklärt Stramare. „In den Badezimmern beispielsweise ermöglicht die durchlässige Struktur eine leichtere Reinigung, da Schmutz direkt auf den Boden fällt und dort einfach entfernt werden kann.“ -sr

Bautafel

Architektur: Studio Alvise Stramare, Berlin
Projektbeteiligte: Gianluigi Beato / Giuliano Pasuto, Mestrino (Architekten vor Ort); Bilato Costruzioni, Mestrino (Bauleitung); Cracco, Castelgomberto (Fassade); Barzon e Dainese, Ponte San Nicolò (Gebäudetechnik); Tecnopiù (Heizung / Lüftung / Klimatisierung)
Bauherr*in: DAB Pumps
Fertigstellung: 2023
Standort: Via Marco Polo, 14, 35035 Mestrino, Italien
Bildnachweis: Federico Farin / Studio Alvise Stramare (Fotos); Studio Alvise Stramare (Pläne)

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Materialien

Glas und Metall

Angenehme Innentemperaturen auch an sonnigen Tagen zu erhalten, darum geht es bei den GEG-Bestimmungen zum sommerlichen Wärmeschutz.

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