Einfamilienhaus in Tokio

Urbaner Urwald

Der Vergleich der japanischen Hauptstadt mit einem Dschungel wird gern bemüht. Die Dichte der baulichen Strukturen und das heterogene Erscheinungsbild lassen manche Stadtteile für Ortsfremde tatsächlich auf gewisse Art undurchdringlich erscheinen. Allerdings sind die Oberflächen vieler Wohnbauten oft abweisend, fast fensterlos und flach – mit einem Urwald hat das nur wenig gemein.

Durch die offene Struktur besteht jedoch stets die Möglichkeit, sich auszuweichen und bei Bedarf Abstand zu schaffen.
Im Kontrast zu der offenen Westseite zeigt sich der Bau ansonsten weitgehend fensterlos und homogen bekleidet.
Geplant wurde das Wohnhaus von der Architektin Suzuko Yamada.

Ein Einfamilienhaus im Stadtteil Setagaya im Westen Tokios hingegen zeigt auf seiner dem Straßenraum zugewandten Westseite eine ungewohnte Offenheit. Dass diese ihren Ursprung in der Wildnis Afrikas hat, erschließt sich jedoch erst aus der Beschreibung der Architektin Suzuko Yamada, die dieses Haus geplant hat. So sei sie in den Wäldern Ruandas an den Hängen der Virunga-Vulkane im Rahmen einer geführten Exkursion auf eine Lichtung gestoßen, auf der sich eine Berggorilla-Familie niedergelassen hatte. Aufgrund der Verhaltensweise der Menschenaffen sowie der Beschaffenheit ihres Lebensraums nahm sie die räumlichen Qualitäten dieser natürlichen Umgebung verstärkt wahr.

Halb geschlossen, halb offen
Bei dem Entwurf für das Haus in einem für Tokio typischen kleinteiligen Wohngebiet mit zweigeschossigen Einfamilienhäusern ließ sie sich nun von diesem Bild leiten. Für die gewünschte „komfortable Dichte, die man als Haus bezeichnen kann“ kombinierte die Architektin die verschiedenen räumlichen Schichten mit linearen Elementen aus Holz und Metall. Konstruktion und die Verbindungselemente wurden weitgehend sichtbar belassen.

Das Bauwerk setzt sich aus einem geschlossenen Volumen und einer offenen Skelettkonstruktion zusammen, die einen vorgelagerten Garten fasst. Das Pultdach und die geneigten Stahlrohre über der offenen Zone scheinen im Querschnitt gemeinsam ein Satteldach zu formen.

Durchlässig und verspielt
Die Fassade zum vorgelagerten Garten ist eine Kombination verschiedenartiger Fenster und Türelemente, die durch das fehlende Raster und die vielen verglasten Flächen eher als eine Art Filter denn als Wand wahrgenommen wird. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Konstruktion vor dem Gebäude, die den Blick fängt und entfernt an ein Klettergerüst erinnert. Im Kontrast zur räumlichen Tiefe dieser Schauseite des Hauses sind die restlichen Fassaden weitgehend fensterlos und homogen bekleidet gestaltet – nähert man sich den Bau von Osten, mag man sogar zunächst eher an eine Art Transformatorenstation als an ein Wohnhaus denken.

Garten auf mehreren Ebenen
Das Gebäude kann durch die Außentreppen auf verschiedenen Ebenen betreten werden, wobei es beim Übergang zwischen außen und innen durchaus vorkommen kann, dass man über einen Balken der Konstruktion steigen oder sich darunter hindurchducken muss. Im Tiefparterre sind ein Studio sowie ein Schlaf- und Arbeitszimmer untergebracht. Der Wohn- und Essbereich erstreckt sich über die beiden oberen Geschosse und ist zusammenhängend gestaltet. Die niedrigeren Räume, die an diese Zone anschließen, sind zum Schlafen und Arbeiten vorgesehen. Den Vorgarten prägen Obstbäume und üppig blühende Gewächse, Kräuter und verschiedene Gemüsesorten. Die Treppen und Podeste der offenen Stahlkonstruktion sind so angeordnet, dass das Beschneiden der Bäume weitgehend ohne Leiter erfolgen kann.

Gerüste: Scheinbar noch im Bau
Die vorgelagerte Struktur aus miteinander verbundenen Stäben gleicht in ihrem Erscheinungsbild einem Kupplungsgerüst. Erst auf den zweiten Blick zeigen die ausladenden Podeste und die teilweise geschwungenen Stahltreppen, dass es sich um mehr handelt als um einen Baubehelf.

Die Grundkonstruktion bilden verzinkte Stahlrohrhohlprofile. Die vertikalen Stäbe sind in Betonfundamente eingelassen, die horizontalen mit ihnen verschraubt. Die zahlreichen diagonalen Rundrohre, die auch der Aussteifung dienen, sind mit bronzefarbenen Kupplungen an dieses Grundgerüst montiert. Mit diesen sind darüber hinaus zusätzliche Elemente befestigt, etwa textile Sonnenschutzdächer oder eine Kleiderstange zum Lüften und Trocknen von Wäsche. Das Grundgerüst ergänzen unter anderem Rundstähle, verschiedene kantige Profile, Bleche und Streckmetallgitter.

Ein einfaches Drahtgeflecht mit sechseckigen Maschen – auch Hasengitter genannt – sorgt in den Brüstungsbereichen dafür, dass auch Kinder die Konstruktion ohne Gefahr nutzen können. An den Stahlrohren und Rundstäben befestigt ist es mit weißen Kabelbindern.

Wandelbares Stahlrohrgerüst
Die Konstruktion erscheint temporär und flexibel wie ein Baugerüst, lässt sich erweitern oder teilweise abbauen, schirmt die Wohnbereiche ab und erlaubt gleichzeitig eine enge Verbindung mit dem Außenraum. Anders als bei von Architekten gestalteten Einfamilienhäusern in Japan üblich, wird nicht in erster Linie auf das Zurschaustellen von Status gesetzt – sondern auf den Ausdruck des sich wandelnden Lebens, das sich hinter der Fassade abspielt. -chi

Bautafel

Architektur: Suzuko Yamada Architects, Tokio / Suzuko Yamada
Projektbeteiligte: Tectonica / Yoshinori Suzuki, Hinako Igarashi, Tokio, zusammen mit Tokyo University of the Arts /Mitsuhiro Kanada (Tragwerksplanung); Build Lab / Mitsuhiko Niihori, Tokio (Generalunternehmen)
Bauherrschaft: privat
Standort: Daita, Setagaya, Tokio                    
Fertigstellung: 2019
Bildnachweis: Yurika Kono, Tokio; Suzuko Yamada Architects, Tokio

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