Das Glashaus in der Uckermark
Eine geschwungene Mauer und ein gläsernes Dach vermitteln Geborgenheit und Weite zugleich
Einige Leser*innen werden vielleicht selbst schon mal erlebt haben, wie schnell man sich beim Stöbern auf der Webseite Urlaubsarchitektur verlieren kann. Neben extravaganten Unterkünften an ausgefallenen Orten finden sich dort auch wunderschöne, einfache Häuser an ebenso einfachen wie schönen Orten, für die man nicht einmal weit reisen muss – zum Beispiel das Glashaus in der Uckermark nach Plänen des Berliner Büros Sigurd Larsen.
Eintritt in eine andere Welt
Eine zweifach geschwungene Mauer, die zugleich Außenwand und Gartenmauer ist, trennt das Haus von der östlich vorbeiführenden Straße; dahinter liegen Wiesen und Felder. „Durch ein Loch in der Mauer schlüpft man quasi in eine andere Welt“, erläutert Sigurd Larsen gegenüber Baunetz Wissen sein Konzept. Die Mauer bilde somit auch eine Art „mentale Grenze“, an der der Alltag und alles Belastende zurückbleiben könne. Zugleich strahle sie Solidität aus und vermittele auf diese Weise Geborgenheit, so der Architekt weiter.
Der rechteckige Grundriss des Hauses umfasst 113 Quadratmeter Wohnfläche im Erdgeschoss plus 70 Quadratmeter im sogenannten Gewächshaus unterm Dach. Eine etwas aus der Mittelachse versetzte Küchenzeile trennt den offenen Wohnessbereich von den zwei Schlafzimmern und dem Bad. Nach Westen öffnet sich das Haus fast vollflächig über mehrere raumhohe Glasflügeltüren zum Garten und zur weiten Wiesen-Landschaft der Uckermark. Auch die Schlafzimmer und das Bad lassen sich jeweils über eine raumbreite, doppelte Fenstertür direkt zur Terrasse öffnen. Da die Dusche an der Westfassade angeordnet ist, fühlt es bei geöffneten Türen an, als dusche man im Freien.
Helle Farben und natürliche Materialien verleihen dem Raum eine freundliche und behagliche Atmosphäre. Zum geschliffenen, hellgrauen Estrichboden kombinierte Larsen cremefarbenes Sichtmauerwerk aus Betonsteinen und honigfarbene Holzrahmen. Die Deckenuntersicht ist mit Funiersperrholzplatten verkleidet. Nicht zuletzt lässt die Küchenzeile aus blassrosa und weißen Fronten so einige Herzen höher schlagen. Neben dem tragenden Betonsteinmauerwerk der Außenwände werden auch die Küchenzeile und die Treppe ins Dachgeschoss jeweils von einem massiven Volumen aus Betonsteinen gefasst.
Gläsernes Dach und Morgenkaffeenischen
Wer im Parterre bereits begeistert von der Aussicht war, den wird sie im Dachgeschoss umwerfen. Die gesamte westliche Dachfläche zwischen dem hölzernen Tragwerk des hohen Satteldaches ist verglast, sodass man hier den Sonnenuntergang mit einem weiten Blick über das Tal genießen kann. Die Ostseite des Daches besteht aus Polycarbonat. Der große, komplett offene Raum ist weitgehend unmöbliert und kann hervorragend für Feste genutzt werden – allerdings vorwiegend im Frühjahr und Herbst, wenn die Sonne den Raum erwärmt, aber nicht überhitzt. Das Erdgeschoss wird mit Fernwärme aus der Biogasanlage im Dorf versorgt.
Mauerwerk mit Doppelfunktion
Die geschwungene Mauer bildet die Nord- und Ostwand des Hauses und fasst zugleich den Pkw-Stellplatz an der Nordseite. Um bereits den Morgenkaffee draußen in der Sonne genießen zu können, schwingt sie im Südosten vom Haus zurück und lässt eine kleine Nische entstehen, die mit einer Bank möbliert ist. Damit sie sowohl in ihrer Funktion als thermische Hülle wie auch als reine Begrenzung die gleiche Stärke hat, ist sie durchgehend zweischalig ausgeführt; allerdings befindet sich in den Gartenmauerabschnitten ein Hohlraum anstelle der Kerndämmung aus Mineralwolle.
Die hellen Steine aus feinem Beton wurden im Läuferverband mit gleichfarbigem Mörtel vermauert. Aufgrund ihres relativ kleinen Formats von 23,5 x 11 x 11 cm konnten auch die Rundungen mit den gleichen Steinen ausgeführt werden. Die Mauersteine wurden sowohl für die äußere als auch für die innere Schale verwendet und sind überall sichtbar belassen.
Die Sichtbarkeit der Konstruktion als auch die Materialwahl sollen ein gewisses Understatement ausdrücken: Betonstein anstelle handgefertigter Klinker, Kiefernholz statt Eiche und Polycarbonat anstelle von Dachziegeln. Diese verhältnismäßig günstigen Baustoffe stehen im Kontrast zu den Raffinessen des Entwurfs wie dem verglasten Satteldach und der schwingenden Mauer. Letztere fand übrigens auch der Meister des lokalen, ausführenden Maurerbetriebs so besonders, dass er es sich nicht nehmen ließ, die Arbeiten selbst auszuführen. -sas
Bautafel
Architektur: Sigurd Larsen, Berlin
Projektbeteiligte: Ländliche Service GmbH, Schenkenberg (Mauererarbeiten)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2022
Standort: Nordwestuckermark
Bildnachweis: Tobias Koenig; Michael Romstoeck
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