Das Biwak der Charlotte Perriand
Rekonstruktion einer ikonischen Schutzhütte in Salzburg
Fast das gesamte 20. Jahrhundert über, von 1903 bis 1999, lebte die französische Architektin, Innenarchitektin und Designerin Charlotte Perriand. Dabei leistete sie aufgrund ihrer Lebens- und Wirkungsgeschichte durchaus Pionierarbeit. Nicht nur hat sie sich früh als Frau in einer männerdominierten Arbeitswelt behauptet, auch konnte sie als Gestalterin das revolutionäre Design der Moderne mitprägen.
Ihr Name wird bis heute mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret in Verbindung gebracht, in deren Atelier sie zehn Jahre gearbeitet hat. Dort war sie an so manchem ikonischen Œuvre des Möbeldesigns maßgeblich beteiligt, was zunächst fälschlicherweise nur den berühmteren Kollegen zugesprochen wurde. Anfänglich wies Le Corbusier ihre Bewerbung mit den Worten ab: „Hier besticken wir keine Kissen!“ Später durfte sie dann doch im Atelier die Abteilung für Innenarchitektur leiten.
Fotografie, Japan, Alpinismus
Perriand wollte stets Architektur, Innenarchitektur und
Möbeldesign ganzheitlich denken. Sie entwarf Objekte und
Einrichtungen, die in Zeiten von Wohnungsmangel und
wirtschaftlicher Not leistbar und multifunktional sein sollten. Sie
experimentierte mit Materialien und setzte auf die notwendige
Reduktion, die das Wesen eines Objekts erhält und den Nutzen
fokussiert, wozu auch die aufkommenden seriellen
Produktionsmethoden dienlich waren. Außerdem verfolgte sie
zeitlebens neben dem Design und der Gestaltung zahlreiche weitere
Talente und Interessen, darunter die Fotografie, das Kunstgewerbe,
die durch Japan-Aufenthalte inspirierte fernöstliche
Kulturgeschichte, soziales und politisches Engagement und nicht
zuletzt den Alpinismus. Letzterem Aspekt widmete sie sich als
leidenschaftliche Bergsteigerin auch architektonisch.
Ab Mitte der 1930er Jahre schuf Perriand gemeinsam mit dem Ingenieur André Tournon Entwürfe für alpine Schutzhütten, die auf Basis weniger Elemente montierbar sind und mithilfe von Tragtieren an den Bestimmungsort transportiert werden können. Wenige Jahre später erprobte sie einen dieser Entwürfe unter Realbedingungen und ließ die minimalistische Biwakschachtel namens Refuge Bivouac auf 2000 Metern Höhe am Mont Joly im Département Haute-Savoie installieren. 1937 wurde die Minimalbehausung zudem auf der Pariser Weltausstellung gezeigt.
Das Refuge Bivouac
Die Tragstruktur bildet ein Gerüst aus 9 Stahlrohren, das auf
vier Stützen fußt. Von außen in Aluminiumblech gehüllt, ist es
innen mit Holz bekleidet und bietet – ähnlich einem
Wohnwagen – mehreren Menschen Schutz und Aufenthalt. Die original
Biwakschachtel, die Pultdach, Lüftung und Freisitz integriert,
dient bis heute als visionär. In Zeiten des nachhaltigen Bauens und
der Ressourceneffizienz lebt das Konzept wieder auf, sodass das
Refuge Bivouac Teil eines Design-Build-Projekts wurde.
Eine Rekonstruktion des kleinen alpinen Schutzraums von Charlotte Perriand realisierten nun im Rahmen eines Forschungsprojekts Studierende des Lehrstuhls für Entwerfen und Konstruieren an der Technischen Universität München gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Studiengangs Green Building an der Fachhochschule Salzburg. Dabei konnte anhand von originalen Plänen, Fotografien sowie weiterem Recherchematerial eine Nachbildung realisiert werden. Im Projekt sollte laut FH Salzburg untersucht werden, „wie sich das historische Konzept mit modernen Technologien und Materialien weiterdenken lässt – ein Ansatz, der die Relevanz von Perriands Arbeit für aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen unterstreicht.“ Anlass ist dabei eine Retrospektive über die Architektin am Museum der Moderne Salzburg.
Retrospektive in Salzburg
Denn mit den vielseitigen Schaffensaspekten und der Denkweise Perriands setzt sich dort noch bis Mitte September 2026 eine umfassende Ausstellung auseinander. Unter dem Titel „Charlotte Perriand. Moderne leben: Design, Fotografie, Architektur“ beäugt das Museum in acht Kapiteln die wichtigsten Lebensstationen und Werke der Französin. Die Ausstellung ist eine Kooperation der Salzburger Institution mit den Kunstmuseen Krefeld sowie der Fundació Joan Miró in Barcelona, die zu den weiteren Stationen der Werkschau zählen. Die Ausstellungen entstanden dabei in Zusammenarbeit mit den Archives Charlotte Perriand, die von deren Tochter geführt wird, sowie mit dem italienischen Unternehmen Cassina als Premium-Partner, das als einziges Perriands Möbel herstellen darf.